Kategorie
Autor:innen
Jahr

Kalaschnikows und rosa Blüten

Flaschenpost aus Angola: «Sie lassen mich nicht gehen, bis ich ein traditionelles Lied mitsingen kann», schreibt Nathalie Maerten. «Und ich frage mich: Hani do eigentlich gfunde, wani mir erhofft han?» Von Freitag bis Sonntag ist im Lagerhaus St.Gallen eine Bild- und Klanginstallation von ihr zu sehen.
Von  Gastbeitrag , 
Dreharbeiten in Chicala, ausserhalb von Luanda. (Bilder: Nathalie Maerten)

Wenn ich an Afrika denke, fühlt es sich an wie ein Raum mit Durchzug. Dank eines Werkbeitrags der St.Gallischen Kulturstiftung mache ich mich auf eine musikalische Entdeckungsreise zu meinen Verwandten, nach Angola – ins Ungewisse. Auf dem Dorfplatz in Gais ist Chilbi. Kinder, Zuckerwatte, Lebkuchen und sonstige Schleckereien – Jugenderinnerungen eben. Neben der Achterbahn treffe ich meine Familie, um mich zu verabschieden, morgen fliege ich nach Angola.

6 Uhr morgens. Nach 14 Stunden Flug stehe ich total übermüdet inmitten von Portugiesen und Osteuropäern. Passkontrolle: «Your Visa and Yellow Card!», fordert der Zollbeamte harsch. Hier mein Visum – ähm, Yellow Card hab ich nicht dabei, die Impfung hab ich aber gemacht, ohne die bekommt man ja das Visum gar nicht?! «Follow me!», befiehlt der Uniformierte. «Oh, fuck!» Im Nebenraum stellt er sich dicht vor mich: «You do me a favor, I do you a favor. How much money you got?» Ganz sicher gebe ich ihm keinen einzigen Dollar! Ich wühle aufgeregt in meiner Tasche und krame meine gesuchten Papiere hervor: «I do you a favor!»

Einfach sitzen und beobachten: die Strassen von Luanda.

Zweite Passkontrolle, warten, Verspätung. Es ist laut und es riecht nach Alkohol, Malariamittel und Schweiss. Die Männer hier, so erfahre ich, arbeiten als Konstrukteure oder auf den Ölfeldern. Meine Sinne? Überwältigt von all den unbekannten Eindrücken. Endlich durch alle Kontrollen, ist der Fahrer meiner Cousine Xisolle unauffindbar. So stehe ich nun vor dem Flughafen und verhalte mich, als ob alles ganz normal wäre und ich auf jemanden warte. Tu ich ja auch und komme mir dabei ein bisschen eigenartig vor. Okay. Hallo Angola, improvisieren.

Wilde Fahrt durch die verwinkelte Stadt wie in einem Science-Fiction-Film. Vorbei an Typen mit ernsten Gesichtern und bunt gekleideten Menschen, die Früchte oder Goldfische, sogar eine Tür auf der Strasse verkaufen, hinein in eine Parkgarage, hoch in den fünften Stock vor die Tür 3A. Meine Hände schwitzen. Ich drücke auf die Klingel. Xisolle öffnet: «Hey Nätty!!! This is real! No Facebook in between. Welcome home!». Es folgt eine lange, herzliche Umarmung.

Unterwegs in Huambo.

Der rauschende Lärm der Rua Misao und das Rufen des Fischmannes wecken mich jeden Morgen. Heute ist sein Rufen viel deutlicher. Schnell schnappe ich mein Aufnahmegerät und drücke auf Record. Viele Stunden lang spähe ich aus dem Fenster, beobachte und denke immer wieder: «Hä? Wa machäd denn diä döt?» Vor manchen Gebäuden stehen Männer mit Kalaschnikows, frische Wäsche hängt vor den Fenstern, und die Bäume bringen ihre letzten rosa Blüten hervor. In Luanda ist Frühling.

Die Unberechenbarkeit des Treibens in den Strassen macht mir Angst. Meine Cousins mahnen: «Geh nie alleine raus! Hier bedeutet Leben Überleben. Du musst immer mit allem rechnen.» Kurz darauf fällt mal wieder der Stromgenerator aus. Seit sechs Tagen beobachte ich nun den Verkehr, sammle Geräusche, schreibe und verbringe Zeit in der Küche bei Emilia, der Angestellten. Sie führt mich in die verschiedenen Musikstile ein, Kizomba, Semba oder Kuduru. Ich will diese Musik live hören.

Autopanne. Wir vertreiben uns die Zeit, bis es geflickt ist, mit Tanzen.

An den Abenden erzählt mir Xisolla von der Familie, von ihrem Vater Saidy Mingas. «Go, read about the 27th of May. You’ll find out.» Es ist schwierig, eine Unterhaltung über die Provinz Cabinda und meine einst dort lebenden Vorfahren zu führen, denn es gibt immer noch politische Auseinandersetzungen. Kapitalistisch Gesinnte möchten Cabinda an die angolanische Regierung verkaufen. Meine hier lebende Familie mütterlicherseits ist in diesen Konflikt involviert. Mein Kopf brummt. Ich merke, dass ich in eine Situation geraten bin, in der die Hauptinteressen um Politik kreisen.

Nathalie Maerten ist Musikerin und Vocal Coach. Ihre Erlebnisse in Angola hat sie unter dem Titel «BLACK ROSE – Impressionen – ein Essay» verarbeitet: 16., 17. und 18. Februar, Lagerhaus St.Gallen
nathalie-maerten.ch

In den darauffolgenden Tagen tauche ich immer tiefer in die Geräusche und Geschichten dieser wundervollen Stadt ein. In einem kleinen Team filmen wir teils verdeckt aus dem Auto, obwohl ich weiss, dass diese Aktion nicht allen behagt. Ich finde es aber wichtig, die Eindrücke einzufangen, mit denen ich meine neue Musik untermalen und dokumentieren möchte. Meine mitgebrachten Beats mit familienangehörigen Musikern weiterzuentwickeln, ist schwieriger als gedacht. Doch ich werde mutiger, treffe mich mit Einheimischen auf der Strasse und werde von meinem Grossonkel Ruy Mingas ins Büro eingeladen, wo wir musizieren und über seine Songtexte philosophieren.

Recordings und Austausch bei Dj Kulas und Mvula, gefühlte 193 Gespräche im Auto von A nach B und eine Einladung ans Jazzfestival und ins «Casa des Artes» folgen. Viel Herzlichkeit kommt mir entgegen und ein spontaner Jam am letzten Abend in einem türkisfarbenen Hinterhof rundet meine Reise ab. Die Musiker lassen mich nicht gehen, bis ich ein traditionelles Lied mitsingen kann, und plötzlich frage ich mich: «Hani do eigentlich gfunde, wani mir erhofft han?»

Ich tauche in eine Wolke, mein Herz pocht laut und eine kleine Melodie tropft aus meinen Augen: «Don’t be scared darling, I didn’t shoot you down, that was just some color from behind my wheel, what about you?»

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto