, 14. Februar 2018
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Kalaschnikows und rosa Blüten

Flaschenpost aus Angola: «Sie lassen mich nicht gehen, bis ich ein traditionelles Lied mitsingen kann», schreibt Nathalie Maerten. «Und ich frage mich: Hani do eigentlich gfunde, wani mir erhofft han?» Von Freitag bis Sonntag ist im Lagerhaus St.Gallen eine Bild- und Klanginstallation von ihr zu sehen.

Dreharbeiten in Chicala, ausserhalb von Luanda. (Bilder: Nathalie Maerten)

Wenn ich an Afrika denke, fühlt es sich an wie ein Raum mit Durchzug. Dank eines Werkbeitrags der St.Gallischen Kulturstiftung mache ich mich auf eine musikalische Entdeckungsreise zu meinen Verwandten, nach Angola – ins Ungewisse. Auf dem Dorfplatz in Gais ist Chilbi. Kinder, Zuckerwatte, Lebkuchen und sonstige Schleckereien – Jugenderinnerungen eben. Neben der Achterbahn treffe ich meine Familie, um mich zu verabschieden, morgen fliege ich nach Angola.

6 Uhr morgens. Nach 14 Stunden Flug stehe ich total übermüdet inmitten von Portugiesen und Osteuropäern. Passkontrolle: «Your Visa and Yellow Card!», fordert der Zollbeamte harsch. Hier mein Visum – ähm, Yellow Card hab ich nicht dabei, die Impfung hab ich aber gemacht, ohne die bekommt man ja das Visum gar nicht?! «Follow me!», befiehlt der Uniformierte. «Oh, fuck!» Im Nebenraum stellt er sich dicht vor mich: «You do me a favor, I do you a favor. How much money you got?» Ganz sicher gebe ich ihm keinen einzigen Dollar! Ich wühle aufgeregt in meiner Tasche und krame meine gesuchten Papiere hervor: «I do you a favor!»

Einfach sitzen und beobachten: die Strassen von Luanda.

Zweite Passkontrolle, warten, Verspätung. Es ist laut und es riecht nach Alkohol, Malariamittel und Schweiss. Die Männer hier, so erfahre ich, arbeiten als Konstrukteure oder auf den Ölfeldern. Meine Sinne? Überwältigt von all den unbekannten Eindrücken. Endlich durch alle Kontrollen, ist der Fahrer meiner Cousine Xisolle unauffindbar. So stehe ich nun vor dem Flughafen und verhalte mich, als ob alles ganz normal wäre und ich auf jemanden warte. Tu ich ja auch und komme mir dabei ein bisschen eigenartig vor. Okay. Hallo Angola, improvisieren.

Wilde Fahrt durch die verwinkelte Stadt wie in einem Science-Fiction-Film. Vorbei an Typen mit ernsten Gesichtern und bunt gekleideten Menschen, die Früchte oder Goldfische, sogar eine Tür auf der Strasse verkaufen, hinein in eine Parkgarage, hoch in den fünften Stock vor die Tür 3A. Meine Hände schwitzen. Ich drücke auf die Klingel. Xisolle öffnet: «Hey Nätty!!! This is real! No Facebook in between. Welcome home!». Es folgt eine lange, herzliche Umarmung.

Unterwegs in Huambo.

Der rauschende Lärm der Rua Misao und das Rufen des Fischmannes wecken mich jeden Morgen. Heute ist sein Rufen viel deutlicher. Schnell schnappe ich mein Aufnahmegerät und drücke auf Record. Viele Stunden lang spähe ich aus dem Fenster, beobachte und denke immer wieder: «Hä? Wa machäd denn diä döt?» Vor manchen Gebäuden stehen Männer mit Kalaschnikows, frische Wäsche hängt vor den Fenstern, und die Bäume bringen ihre letzten rosa Blüten hervor. In Luanda ist Frühling.

Die Unberechenbarkeit des Treibens in den Strassen macht mir Angst. Meine Cousins mahnen: «Geh nie alleine raus! Hier bedeutet Leben Überleben. Du musst immer mit allem rechnen.» Kurz darauf fällt mal wieder der Stromgenerator aus. Seit sechs Tagen beobachte ich nun den Verkehr, sammle Geräusche, schreibe und verbringe Zeit in der Küche bei Emilia, der Angestellten. Sie führt mich in die verschiedenen Musikstile ein, Kizomba, Semba oder Kuduru. Ich will diese Musik live hören.

Autopanne. Wir vertreiben uns die Zeit, bis es geflickt ist, mit Tanzen.

An den Abenden erzählt mir Xisolla von der Familie, von ihrem Vater Saidy Mingas. «Go, read about the 27th of May. You’ll find out.» Es ist schwierig, eine Unterhaltung über die Provinz Cabinda und meine einst dort lebenden Vorfahren zu führen, denn es gibt immer noch politische Auseinandersetzungen. Kapitalistisch Gesinnte möchten Cabinda an die angolanische Regierung verkaufen. Meine hier lebende Familie mütterlicherseits ist in diesen Konflikt involviert. Mein Kopf brummt. Ich merke, dass ich in eine Situation geraten bin, in der die Hauptinteressen um Politik kreisen.

Nathalie Maerten ist Musikerin und Vocal Coach. Ihre Erlebnisse in Angola hat sie unter dem Titel «BLACK ROSE – Impressionen – ein Essay» verarbeitet: 16., 17. und 18. Februar, Lagerhaus St.Gallen
nathalie-maerten.ch

In den darauffolgenden Tagen tauche ich immer tiefer in die Geräusche und Geschichten dieser wundervollen Stadt ein. In einem kleinen Team filmen wir teils verdeckt aus dem Auto, obwohl ich weiss, dass diese Aktion nicht allen behagt. Ich finde es aber wichtig, die Eindrücke einzufangen, mit denen ich meine neue Musik untermalen und dokumentieren möchte. Meine mitgebrachten Beats mit familienangehörigen Musikern weiterzuentwickeln, ist schwieriger als gedacht. Doch ich werde mutiger, treffe mich mit Einheimischen auf der Strasse und werde von meinem Grossonkel Ruy Mingas ins Büro eingeladen, wo wir musizieren und über seine Songtexte philosophieren.

Recordings und Austausch bei Dj Kulas und Mvula, gefühlte 193 Gespräche im Auto von A nach B und eine Einladung ans Jazzfestival und ins «Casa des Artes» folgen. Viel Herzlichkeit kommt mir entgegen und ein spontaner Jam am letzten Abend in einem türkisfarbenen Hinterhof rundet meine Reise ab. Die Musiker lassen mich nicht gehen, bis ich ein traditionelles Lied mitsingen kann, und plötzlich frage ich mich: «Hani do eigentlich gfunde, wani mir erhofft han?»

Ich tauche in eine Wolke, mein Herz pocht laut und eine kleine Melodie tropft aus meinen Augen: «Don’t be scared darling, I didn’t shoot you down, that was just some color from behind my wheel, what about you?»

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

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