, 13. August 2013
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Karanovic vs. Keita

Das Comeback der weiten Zuspiele oder wieso Goran Karanovic momentan den Vorzug vor Alhassane Keita erhält.

Manchmal ist Fussballtaktik ein Modeprodukt: Alle machen das gleiche – von Düdingen bis Barcelona. Und natürlich auch in St.Gallen. So sollen sich die Spieler wie ein Schwarm jeweils dorthin bewegen, wo sich der Ball befindet. Der Zweck: Die gegnerischen Spieler erhalten keinen Raum für Tempoläufe oder Dribblings und die Passwege können zugestellt werden. Im Idealfall wird der ballführende Gegner sofort von drei, vier Spielern umringt.

Diese Taktik, die im Prinzip so funktioniert wie Kinder Fussball spielen (alle auf den Ball), verlangt, dass Defensive und Offensive kompakt stehen. Deshalb gehört immer auch ein rasches Aufrücken der Defensive, bzw. ein Pressing durch die Offensive dazu. Natürlich muss mehr gelaufen werden als früher. In einem im «Tages-Anzeiger» veröffentlichten Interview mit dem Kulturtheoretiker Klaus Theweleit wurden die Auswirkungen des Systemwechsels beschrieben. Theweleit stellte fest: «Wichtige Spiele werden heute im Kopf entschieden, aber natürlich müssen die Beine das auch mitmachen. Schliesslich läuft ein Spieler in den neunzig Minuten heute im Durchschnitt rund einen Kilometer mehr als noch vor fünf Jahren».

Dieser Konzeptfussball wirkt sich auf die Aufstellungen aus: Der FC St.Gallen spielt wie viele andere in einem 4-2-3-1-System. Weil alle Trainer mehr oder weniger dem gleichen Trend folgen, entwickeln sich solche Spiele wie der Match des FCSG gegen Basel, in dem sich über weite Strecken mehr oder weniger alle Feldspieler in einem Raum von jeweils 20 Meter dies- und jenseits der Mittellinie aufhalten. In solchen Konstellationen scheint Angreifen heikler zu sein als Verteidigen: Wegen der Gefahr, bei Ballverlusten schnelle Gegenstösse zulassen zu müssen. Das dürfte auch der Grund sein, wieso das Aufbauspiel des FC St.Gallen oft etwas behäbig wirkt: Sicherheit kommt zuerst.

Es gibt eine Alternative zum gefährlichen Gedränge in der Mittelzone und sie wird zunehmend populärer: Weite Zuspiele von der Innenverteidigung direkt in die Spitze. Eigentlich ein Rezept aus der Fussball-Steinzeit. Doch damit werden die aufgerückten Verteidiger gezwungen, zurückzulaufen, der Raum wird grösser, der Spieler-Schwarm vorübergehend aufgelöst. Und für die nachrückenden Mittelfeldspieler gibt es die Möglichkeit, ein Zuspiel oder einen Abpraller zu erreichen.

Damit dies klappt, braucht es zwei Voraussetzungen: Die Innenverteidiger – sie werden im Gegensatz zu den Mitteldspielern meist weniger direkt attackiert – müssen solche schwierigen Pässe spielen können. Das ist einer der Erklärungen, wieso der Ex-Wiler Fabian Schär im FC Basel derart problemlos den Durchbruch schaffte. Weiter braucht es Stürmer, die diese Bälle annehmen können. Sie müssen kopfballstark, schnell und technisch gut sein.

Die Spiele gegen Basel und Lausanne zeigten, dass Montandon solche Zuspiele eher selten gelingen. Besle hat hingegen in der letzten Saison mit weiten Pässen auf Scarione zweimal bewiesen, dass er es könnte. Unter den aktuellen Stürmern besitzt vor allem Goran Karanovic die geforderten Fähigkeiten – auch wenn ihm im Abschluss die Übersicht fehlt. Das wiederum ist eine Qualität, die Alhassane Keita auszeichnen würde. Doch der ist zu klein, um sich bei hohen Bällen durchsetzen zu können.

Unter dem Strich spricht der aktuelle Taktiktrend für einen Stürmer wie Karanovic – und gegen den Torschützenkönig von 2006, der deshalb im Moment nur Ersatzspieler ist.

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