, 18. Dezember 2011
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Katzen könnens eben doch

Es ist schon wunderlich, wie es einige schaffen, nicht wie die alte Fasnacht daher zu kommen. Aber so spät dran zu sein, dass es schon nach der Rückseite des Mondes riecht, ist auch eine Leistung. Wenn auch keine, auf die man stolz sein sollte. Aber nun denn, so ist es jetzt halt. Hinterm Mond schlummern […]

Es ist schon wunderlich, wie es einige schaffen, nicht wie die alte Fasnacht daher zu kommen. Aber so spät dran zu sein, dass es schon nach der Rückseite des Mondes riecht, ist auch eine Leistung. Wenn auch keine, auf die man stolz sein sollte. Aber nun denn, so ist es jetzt halt. Hinterm Mond schlummern bestimmt noch paar andere Frühaufsteher, die nur noch schnell fünf Minuten … – und darum sei dieser Blogeintrag ihnen gewidmet: Eine Buchbesprechung von Andreas Niedermanns «Die Katzen von Kapsali». Erschienen 2010 im Songdog Verlag in Wien. Zweite Auflage 2011.

Schon letztes Jahr hat Peter Surber das Buch im Tagblatt als Weihnachtsempfehlung allen ans Herz gelegt. Obwohl Niedermann, der St.Galler in Wien, auf seinem Blog dringend davor abrät, jemals jemandem ein Buch zu schenken. Nun wäre also wieder Weihnachten und wer es verpasst hat letztes Jahr, oder nicht mitbekommen, weil sich der Mondschatten aufs Gemüt gelegt und die Welt gehörig vernebelt hat – jetzt wäre eben wieder Weihnachten!

Die Katzen von Kapsali – Entschuldigung vielmals, aber das Herz des Werkes sei gleich verraten: drei kleine Katzenbabys gehen baden. Freiwillig – die Katzen von Kapsali also, ist ein ruck-zuck Buch. Nicht nur zack, zack, Slang geschrieben, mit unvergesslichen Geschichten (Katzen im Wasser, täubelnde Griechen auf Klos, getretene Esel), sondern auch hau-ruck, weil es um einen Typen geht, der vor allem eines gut kann: anpacken.

Der heuert auf dem Bau an, fährt Stapler, Kräne und Bagger, wirft temporär Postsäcke, striegelt und kämmt Bäume. «Wenn ich jemanden arbeiten sehe, empfinde ich das starke Bedürfnis ihm zu helfen. Gleichzeitig ist mir aber jegliche Arbeit zuwider, und ich möchte mich davor drücken. Unversöhnlich. Arbeitsscheu gegen Hilfsbereitschaft. Ein immerwährender Fight. Die Arbeitsscheu ist ein Born-loser. Aber sie gibt nie auf.» So haut er dann auch immer wieder ab, sucht ein neues Leben, träumt davon Bildhauer zu sein. Kauft sich ein Beret – gehört zum Künstlersein, findet er – und wirft es in den Rhein, als er einen Meister sieht einen Stein in die Knie zwingen. Desillusioniert.

An einem Freitagabend holt er seinen Wochenlohn ab, fährt heim, packt seinen Schlafsack und ein Bob Dylan Songbuch ein, fährt zum Bahnhof, kauft sich ein Ticket nach Brindisi. Und so schlingt sich ein kantiger Strassentrip in den schaffigen Erzählstrang. Das Ticket trägt ihn ans Meer, hinein und durch Griechenland, zusammen mit Wien, einer Frau mit der sich streiten lässt. Er odyssiert durch das Land, das in den Siebzigern noch besser schlafen konnte als heute und kehrt am Ende wieder heim; weiss nicht, was werden soll, und wird erst einmal krank. Dem Arzt sagt er, er sei Bildhauer.

«Ich hätte sagen können: ich bin Dichter. Das bedeutete, der Typ ist abgebrannt. Danach fragten die meisten gleich: <Dichter? Kannst du davon leben?> Alle fragten immer gleich, kannst du davon leben? Natürlich kann ich davon leben. Oder lebe ich etwa nicht? Ich hätte auch sagen können, ich bin ein Herumtreiber. Ich weiss nicht was werden soll. Oder: Ich weiss, was ich will, aber nicht wie ich es bekommen kann.»

Andreas Niedermann hat dem Werk Arthur Rimbaud vorangestellt. Rimbaud, das lyrische Genie, das nach seinem 19. Lebensjahr kaum mehr was auf die Reihe bekam, aber zuvor direkt vom Olymp herunter schrieb. «Tritt überall ein. Antworte auf alles. Da du schon tot bist, wer sollte dich töten?» Die Katzen von Kapsali sind ein Plädoyer für den Versuch wider aller Besserwisser, eine Stimme für den Aufbruch. Hey: Katzen die schwimmen! Und den Mondschläfern sei es ein Trost: egal wie schnell, die Hauptsache ist doch, man bewegt sich.

1 Kommentar zu Katzen könnens eben doch

  • Wolfgang Steiger sagt:

    Ein Schauplatz in „Die Katzen von Kapsali“ ist Flawil. Der Erzähler in Andreas Niedermanns Buch spricht zwar nur von einem „netten Dorf im Osten“. Für Eingeweihte ersteht hier ein lebensnahes Fresco des Untertoggenburger Bezirkshauptortes der späten 70ern ( ab Seite 44). Im Arbeitsplatz des Protagonisten, „ein Provinz-Textilbetrieb mit 500 Malochern“ („By by Kapitalismus, hello Feudalismus“), ist die HabisTextil erkennbar, in deren Räume sich heute das Gewerbe und ein Brockenhaus eingemietet haben. Die tibetanischen Webereiarbeiter von damals und ihre Nachkommen gehören heute zum Ortsbild. Hallo Flawil, unbedingt lesen!

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