Kein Kunstsinn!

Messerscharfe Sprache in historischer Garderobe: Mit Kulissenklatsch zeigt die Kellerbühne eine klug gemachte, turbulente Fassung der Brokatstadt, Viktor Hardungs Theaterroman. von Sebastian Ryser
Von  Gastbeitrag

Für seine neuste Produktion hat sich Kellerbühnen-Leiter Matthias Peter einen Text vorgenommen, mit dem St.Gallen im Jahr 1909 ein literarisches Denkmal gesetzt worden ist. Viktor Hardungs Roman Die Brokatstadt spielt im St.Gallen der Jahrhundertwende und gibt einen Einblick in die Welt des damaligen Theaterbetriebs.

Matthias Peter hat den Roman entschlackt und zu einer Bühnenfassung umgearbeitet. Geblieben ist die elegante Sprache Hardungs, der mit ironischer Schärfe gegen die besserwisserische Theaterkritik, das bornierte Publikum und die korrumpierten Regisseure seiner Zeit austeilt.

Den Roman als Schauspiel umzusetzen, wäre logistisch kaum möglich gewesen, zu gross ist die Zahl an Figuren und Schauplätzen.

Mehr als ein Melodram

Das Format der szenischen Lesung liegt also nahe: Diese Form (sie liegt irgendwo zwischen Lesung und Schauspiel) gibt dem Ensemble die Möglichkeit schnell zwischen Figuren und Schauplätzen hin und her zu springen, Szenen mit einem lauten «Schnitt!» zu beenden und – wenn es arg frauenfeindlich zu und her geht – auch einfach mal einige Szenen zu überspringen.

Diese ironische Leichtigkeit im Umgang mit dem Stoff tut der Geschichte gut und bringt ein schnelles Tempo in den Abend.

Worum geht es? Die Geschichte kreist um das St.Galler Theaterleben vor 100 Jahren. Eine Zeit, in der das Publikum einfach nur unterhalten werden wollte, in der die miserabel bezahlten Schauspielerinnen und Schauspielern Stücke am laufenden Band produzieren mussten und in der die Theaterdirektoren Ausbeuter der übelsten Sorte waren.

Weitere Vorstellungen:
26. September, 20 Uhr
27. September, 17 Uhr
30. Oktober, 20 Uhr
31. Oktober, 20 Uhr
1. November, 11 Uhr

Im Zentrum stehen der Kritiker Ulrich Wegell (Matthias Peter) und der Spielleiter Karl Möllenhof (Alexandre Pelichet), die sich aus ihrer Jugend in Deutschland kennen und sich nun in St.Gallen wiedertreffen («Unsere Jugend hätte ein besseres Ende verdient»). Im anderen finden sie einen Verbündeten im Kampf gegen die Zustände am Theater. Zwischen den beiden Männern steht die junge Schauspielerin Lora van Born (Simone Stahlecker), in die sich Wegell verliebt, obwohl er noch in eine Liebelei mit der reichen Rikarda Wessemberg verstrickt ist.

Weit spannender als die etwas schnulzige Liebesgeschichte sind die Episoden über das Theaterleben der Zeit: Einblicke in das Milieu der Schauspielerinnen und Schauspieler, die mit Kürzungen der Gagen, der eigenen Gedächtnisleistung oder mit reichen Liebhabern aus dem Publikum zu kämpfen haben.

Dabei tauchen herrlich groteske Figuren auf: Eine Souffleuse, die wütend ihr Textbuch zerreisst, ein Schauspieler, der aus Abneigung gegen den Regisseur keinen Text mehr auswendig lernt oder ein junges Mädchen, das sich während einer Vorstellung unsterblich in den Hamlet verliebt.

Alle Episoden werden mit einer ironisch distanzierten Leichtigkeit erzählt und von Live-Musik (Urs Gühr am Klavier) begleitet. Wenn sich dann aber ein alternder Schauspieler während einer Vorstellung erhängt, nachdem sein Gehalt halbiert worden ist, dann ist das Stück plötzlich mehr als ein musikalisches Melodram. In diesen Momenten zeigen sich die tiefen Abgründe der Figuren.

Schnitt!

Die Schauplätze wechseln in schnellem Rhythmus, der grösste Teil der Geschichte spielt aber im und um das Stadt- und Aktientheater am Bohl.

Zur Orientierung werden historische Fotografien der jeweiligen Schauplätze in einen goldenen Bilderrahmen auf der Bühne projiziert. Das hätte es gar nicht gebraucht, die drei SchauspielerInnen führen das Publikum souverän und mit viel Witz durch das Stück. Dabei stecken sie in historischen Kostümen (vom Kostümverleih Jäger): Das pompöse Seidenkleid der Frau und die historischen Anzüge der Männer verweisen dabei nicht nur auf die Zeit um die Jahrhundertwende, sondern führen gleichzeitig auch die Mittel des Theaters vor, das mit Kostümen und Requisiten Welten erschaffen kann, wie das auch in der erzählten Geschichte ständig geschieht. Auf schöne Art vermischen sich hier die Ebene der Lesung mit derjenigen der Geschichte.

kulissenklatsch2

Starkes Trio: Alexandre Pelichet, Simone Stahlecker und Matthias Peter

Die Schauspielerin Simone Stahlecker und die Schauspieler Alexandre Pelichet und Matthias Peter sind ein starkes Trio. Sie springen alle mühelos zwischen den verschiedenen Figuren, Stimmen und Dialekten (halb Deutschland taucht im Stück auf). Die Musik von Urs Gühr unterstützt den ironischen Gestus der Inszenierung und nimmt in den richtigen Momenten die Emotionen auf der Bühne auf und spitzt sie musikalisch zu.

Wahrlich, Matthias Peter kann mit Kulissenklatsch zwei Erfolge für sich verbuchen: Er hat Viktor Hardungs angestaubten Theaterroman nicht nur gelungen dramatisiert, sondern die verdichtete Fassung auch mit dem richtigen Gespür für Tempo und ironische Leichtigkeit auf die Bühne gebracht.

Titelbild: Simone Stahlecker, Matthias Peter, Alexandre Pelichet und Pianist Urs Gühr (v. r.), im Hintergrund das alte Stadttheater am Bohl. (Bild: Timon Furrer)

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw