, 24. Juni 2015
3 Kommentare

Keine Einkehr mehr, keine Kotze und keine Schlägereien

UG24: Einer der belebtesten Orte in der Kantonshauptstadt schliesst Ende Juni nach dreissig Jahren für immer seine Türen – darauf ein Dreckquiem.

Was haben wir dort nicht alles gemacht: Mit Taxifahrern gefeilscht, Notfall-Gummis besorgt, Zmorge, Wodka, WC-Papier. Rippchen im Jackensack hinausgeschleust (was heute hoffentlich verjährt ist), im letzten Moment doch noch jemanden abgeschleppt, Blumensträusse oder eine Wurst aufgetrieben.

Selbst wenn man nur rumgestanden ist, gab es einiges zu erleben: Beziehungskräche, Beziehungsenden und Happy-Enden, kotzende, johlende, herumtrohlende Olma-Opfer, Rockstars und Cervelat- Promis, die sturzbetrunken nach ihrer Limo(usine) schreien, Polizisten beim Feierabendbier, Politiker, Gastro-Leute, Sexarbeiterinnen beim Feierabendbier. Gerne auch am gleichen Tisch.

Wer dort zwischendurch einkehrte, fand sich allzu oft in einem erstaunlich vielfältigen Paralleluniversum wieder. In einem zusammengewürfelten, handglismeten, in dem sich so ziemlich alles getroffen hat – unabhängig von Beruf, Herkunft oder Einkommen. So fühlte man sich schnell zu Hause. Aufgenommen. Nicht zuletzt auch wegen der Kafis, Eingeklemmten und Chäshörnli, die man dort fast zu jeder Tages- und Nachtzeit bekam.

Obwohl: Einladend wars nicht. Nicht direkt jedenfalls. Manchmal musste man sich an grimmigen Taxifahrern vorbeidrücken, an grenzwertigen Polterabenden oder an geifernden Halbwüchsigen. Oder man musste über Kotzbrocken steigen, um noch ein letztes Bier zu ergattern. Oder über eine Benzinlache. Autos gab es dort nämlich mehr als genug. Was nicht gerade angenehm war, besonders wenn einer dieser Voll-Honks seinen SUV mal wieder nicht abstellen wollte, während er im Laden war. Ausser im Winter, dann konnte man sich manchmal auch als Nicht-Autofahrerin kurz an eine warme Motorhaube lehnen, solange er weg war.

Trotzdem: Es war ein guter Ort. Ein etwas verlebter zwar, aber gerade deswegen vermutlich auch ein Ort, an dem man sich selbst morgens um fünf nicht einsam fühlte. Manchmal reichte es schon, an die Menschen und die Cimbali-Kaffeemaschine hinter den immer hell erleuchteten Fenstern zu denken, um zu wissen, dass man nicht allein ist. Und notfalls gab es auch ein paar warme Worte an der Kasse. Nicht selten für den Preis einer Packung Kaugummis.

Draussen lernte ich einmal einen ehemaligen serbischen Paramilitär kennen, ein anderes Mal war es eine männliche Hure. Das sind nur zwei von vielen Beispielen. Ja, wenn man wirklich wollte, konnte man einiges über die Menschen erfahren, die dort ein- und ausgingen. Erfreulich war es nicht in jedem Fall. Aber so ist das mit den «Geschichten, die das Leben schreibt».

Am Unteren Graben geht nun eine solche zu Ende. Ab Ende Juni gibt es dort keine Einkehr mehr, keine Kotze, keine Schlägereien. Dreissig Jahre lang war dieser Ort für alle da. Nicht zuletzt für die rund 20 Angestellten, die dort teilweise jahrelang ihr Geld verdienten. «Gutes Geld», wie sie mir oft versicherten. Jetzt übernimmt die Uni.

«Ich werde das hier vermissen», sagte eine der Mitarbeiterinnen kürzlich. «Trotz Rambazamba: Es war eine verdammt gute Zeit.» – R.I.P. UG24, meine liebste Tankstelle.

 

Lichter aus im UG24: 30. Juni, 18 bis 24 Uhr, mit Kurzgeschichten zur UG24, the Selfies feat. Gee K, DJ Beat Drittenbass, Eintritt 20.-, beschränkte Platzzahl, Anmeldung: info@ug24.ch

3 Kommentare zu Keine Einkehr mehr, keine Kotze und keine Schlägereien

  • Stephanie Pearson sagt:

    Zu erwähnen ist noch, dass die UG24 ein sehr gutes Weinsortiment hatte, zumindest in den letzten Jahren und obwohl ich nie in den Genuss kam anscheinend super Cheeseburger macht/e. Ob letzteres an der späten Stunde der Konsumation lag, weiss ich allerdings nicht.

  • Marcel sagt:

    Jetzt merkt doch tätsächlich das linke Saiten-Magazin, dass man auch in der Nacht oder am Wochenende Geld verdienen kann, da sie ja sonst immer gegen Verkaufsliberalisierungen sind und somit Menschen am arbeiten hindern. Natürlich musste „gutes Geld“ noch hervorgehoben werden. Kämpft für eine Liberalisierung der Öffnungszeiten dann finden mehr Menschen einen Job.

  • Marcel Baur sagt:

    Lieber Namensvetter
    Dafür gibts mittlerweile einen politischen Namen:
    „Für eine liberale Gesellschaft mit sozialer Verantwortung“
    Möglich, dass er dir noch nicht geläufig ist 😉

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