, 23. November 2021
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Keller-Krise

Keller gab und gibt es wie Sand am Meer. Was tun, wenn man zu den Allerwelts-Kellern gehört? Unser Autor hat seine eigene Lösung gefunden. von David Keller

Vor Jahren stiess ich im Internet zum ersten Mal auf das Familiennamenbuch der Schweiz. Ich war sofort begeistert, barg diese Entdeckung doch einiges Potenzial. Ich stellte mir vor, damit der Geschichte und den Geschichten rund um meinen Namen nachgehen zu können, und hoffte, die eine oder andere «Perle» zu entdecken.

Enttäuschung stellte sich schnell ein: Keller gab und gibt es wie Sand am Meer und dementsprechend gestalteten sich auch die Einträge im Familiennamenbuch. Der Ursprung des Namens ist an verschiedenen Orten lokalisiert, entsteht hier und vergeht da, ohne dass sich daraus eine eng umrissene Namensgeschichte bis zu den Anfängen bilden liesse. Und das mit den «Perlen» ist sowieso so eine Sache. Jedenfalls sah ich es damals ein und halte es mir jetzt wieder vor Augen: Es gibt einfach zu viele Keller!

Aus persönlich naheliegenden Gründen benutzte ich das Familiennamenbuch auch dazu, nach Holenstein zu suchen. Das Ergebnis war um einiges interessanter: Der Ursprung des Namens ist geografisch klar lokalisierbar. Die Grenzen der Schreibweise mit einem oder zwei L sind ebenfalls gezogen, und so gibt es eine stringent konstruierte Geschichte dieses Namens, in die sich berühmte oder weniger berühmte Trägerinnen und Träger leicht einreihen lassen. Im Vergleich zu Keller ist das schon einzigartig und irgendwie nährt das Zweifel an diesem Allerweltsnamen.

Eigentlich stecke ich seit damals in einer Namenskrise, harmlos natürlich, geht es doch nur um den Namen, aber trotzdem… Der Name hat immer so etwas Schicksalhaftes an sich. Klar könnte ich jetzt an meinen berühmten Namensvetter aus der schreibenden Zunft erinnern, aber irgendwie hat mir das noch nie viel gebracht. Angesichts Hunderter, was sage ich: Tausender und Abertausender Keller in der langen Geschichte der Schweiz, fühle ich mich schon etwas überflüssig.

Ein schlechtes Omen? Leben wir nicht in einer Welt, ob real oder virtuell, die gerne Einzigartigkeit hervorhebt? Müsste sich das nicht auch im Namen niederschlagen? Was mag es für mein weiteres Leben bedeuten, mit einem solchen Allerweltsnamen umherzuwandern?

Schon peinigt mich wieder die Vorstellung dunkler und vermoderter Kellerräume, gefährlicher Orte, bevölkert von Mäusen und anderen Schergen bis hin zu Folterknechten. Vor einiger Zeit ersetzte ich darum in einem meiner Texte «Kellerasseln» durch «Asseln». Wahrscheinlich wollte ich meinen Namen nicht auch noch mit diesen seltsamen Tierchen in Verbindung bringen!

Aber ich bin an der ganzen Misere schlicht selbst schuld. Wäre ich etwas offener und progressiver, hätte ich den Namen meiner Frau angenommen. Nur irgendwie reimt sich der Appenzeller so schön auf den Keller und ich verpasste diese Chance. Vielleicht sollte ich mir einen Künstlernamen zulegen, um mehr aufzufallen und mich mit einem einprägsamen Markennamen zur präsentieren? Ich könnte ja einfach ein «L» weglassen.

David Keller, 1979, ist in Appenzell aufgewachsen, lebt und arbeitet in St.Gallen, schreibt unter anderem Romane und Kurzgeschichten.

david-keller.ch

Doch vor diesem lebensverändernden Schritt bewahrt mich eine Erinnerung. Als Kind sah ich immer wieder das Familienwappen im Büro meines Vaters: ein gelber Schlüssel auf blauem Hintergrund. Natürlich – Meisterinnen und Meister des Schüssels, das steckt ja in diesem Namen. Inhaber eines Schlüssels zu sein, hat doch etwas! Schliesslich ist es der Schlüssel für Eingemachtes und Gepökeltes, Abgehangenes und sonst irgendwie lecker Gemachtes und auch der Schüssel für den alten und neuen, den teuren und süffigen Wein. Gewölbe sehe ich vor meinen Augen, grosse und weite Räume mit bauchigen Fässern. Und wie es duftet in diesen Kellern: Stelle ich mir einen solchen vor, steigen Gerüche von all dem darin Gelagerten in meine Nase und erfüllen mich mit Wohlgefallen.

Zu all diesem Reichtum gibt es einen Schlüssel und den haben die Keller in der Hand – und sei es auch nur in der Bedeutung des Namens. Sollen sich doch andere mit ihren speziellen Namen darüber streiten, ob es besser ist, mit einem oder zwei L geschrieben zu werden. Ich jedenfalls hole mir lieber noch einen guten Tropfen und lasse diese ganze «Nomen-est-Omen-Sache» ruhen. Keller-Krise überwunden!

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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