, 26. November 2020
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Kennzeichen: Krise

Dieses Wochenende heisst es zum zwölften Mal Pantalla Latina. Auch wenn das lateinamerikanische Filmfestival pandemiebedingt in reduziertem Umfang – und wieder an einem neuen Ort, dem St.Galler Palace – stattfindet: Das Programm verspricht viel. von Geri Krebs

Filmstill aus Lina de Lima.

Eröffnet wird Pantalla Latina 2020 mit La noche de la bestia, einer Tragikomödie aus Kolumbien um zwei jugendliche Heavy-Metal-Fans. Regisseur Mauricio Leiva-Cock verbindet in seinem Spielfilmdebüt die Begeisterung der beiden verträumten Protagonisten für ihre Lieblingsband Iron Maiden mit der harten sozialen Realität in den Strassen der Hauptstadt Bogotá, wo die Band 2008 ihr erstes und bisher einziges Konzert in Kolumbien gab.

Dieser vergleichsweise locker-verspielte Auftakt des diesjährigen lateinamerikanischen Filmfestivals in St.Gallen bildet inhaltlich einen Kontrast zu den meisten andern der insgesamt neun langen Spiel- und Dokumentarfilme – und auch der drei Kurzfilmblöcke, die ebenfalls am Eröffnungstag gezeigt werden.

Zwischen krisenhaft und katastrophal

Die soziale und politische Situation in vielen Ländern Lateinamerikas bewegte sich bekanntlich schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie zwischen krisenhaft und katastrophal – und zwar unabhängig von der politischen Ausrichtung der Regimes in den jeweiligen Ländern. Was natürlich auch seinen Widerhall in den hier präsentierten Filmen findet, die alle zwischen 2018 und Anfang 2020 entstanden.

Während etwa in Mexiko ein Demagoge an der Staatsspitze mit linkspopulistischer Rhetorik davon abzulenken versucht, dass das Land in vielen Teilen ein faktisch von Drogenbanden beherrschter «failed state» ist, führt in Venezuela ein diktatorisches Regime mit linkem Anstrich Krieg gegen das eigene Volk. Das einst blühende Land ist heute ruiniert, fünf Millionen Menschen sind mittlerweile ins Ausland geflüchtet – eine in der Geschichte Lateinamerikas beispiellose Tragödie.

Von Krieg gegen das eigene Volk kann man aber auch in Südamerikas neoliberaler Musterdemokratie Chile sprechen, sieht man die Bilder der Brutalität, mit der Polizei und Militär die in den letzten Wochen wieder aufgeflammten Massenproteste gegen die soziale Misere unterdrücken. Ganz zu schweigen von Brasilien, wo seit bald zwei Jahren ein durchgeknallter Rechtsextremist Präsident ist und sein noch vor zehn Jahren prosperierendes, hoffnungsfroh in die Zukunft blickendes Land in den Abgrund treibt.

Pantalla Latina: 27. bis 29. November, Palace St.Gallen.

pantallalatina.ch
palace.sg

Genau davon handelt der einzige Dokumentarfilm des Festivals, Encantado. Sein Regisseur, der zurzeit in Frankreich lebende Filipe Galvon, erzählt darin anhand der Entwicklungen im titelgebenden Vorstadtviertel Rio de Janeiros, wie es so weit kommen konnte, dass einer wie Jair Bolsonaro Staatschef wurde. Galvon wird seinen Film am Festival persönlich präsentieren, für spannende Diskussionen ist gesorgt.

Das gilt auch für den zweiten am Festival anwesenden Filmemacher, den Venezolaner Jorge Thielen Armand. Der in Kanada exilierte Regisseur erzählt in La fortaleza von einem älteren Mann aus der Hauptstadt Caracas (gespielt von Thielen Armands Vater), der sich in eine Hütte im unwegsamen Amazonasgebiet zurückzieht, wo die «Garimpeiros», die Goldsucher, ihrer so gefahrvollen wie illegalen Tätigkeit nachgehen.

Schwerpunkt Migration

Aus Chile stammen zwei Filme, die sich um den thematischen Schwerpunkt des Festivals drehen, die Migration. Während Perro Bomba von Juan Cáceres die eher exotisch anmutende Figur eines aus Haiti stammenden Bauarbeiters in einer chilenischen Stadt ins Zentrum stellt, erzählt das Drama Lina de Lima von einer Peruanerin, die, wie zehntausende ihrer Landsfrauen, in Chiles Hauptstadt Santiago als Hausangestellte arbeitet.

Die Hauptrolle in dem Film von Regisseurin Maria Paz González spielt eine der bekanntesten lateinamerikanischen Schauspielerinnen ihrer Generation, die Peruanerin Magaly Soler, bekannt etwa als Hauptdarstellerin in den preisgekrönten Filmen ihrer Landsfrau Claudia Llosa, Madeinusa und La teta asustada.

Was die beschriebene Situation in Mexiko anbelangt, schildert sie das Erstlingswerk Sin señas particulares der Regisseurin Fernanda Valadez in so präzisen wie eindringlichen Bildern. Der Film, der im vergangenen Januar bei seiner Weltpremiere am Sundance Festival den Publikumspreis und kürzlich am Zurich Film Festival den Hauptpreis, das Goldene Auge, erhielt, erzählt von der Reise einer Mutter aus dem zentralmexikanischen Bundesstaat Guanajuato in die von Drogenkartellen beherrschten nördlichen Grenzstaaten zu den USA auf der Suche nach ihrem verschollenen Sohn.

«Ohne besondere Kennzeichen», so die Übersetzung des Filmtitels, ist ein Film, der mit leisen Tönen, vordergründig unspektakulär und dadurch umso wirkungsmächtiger von den monströsen Verbrechen erzählt, die seit Jahren im Norden Mexikos Alltag geworden sind. Anfang 2021 wird Sin señas particulares auch regulär in den Schweizer Kinos zu sehen sein, er ist einer von vier Filmen des diesjährigen Festivals Pantalla Latina, der einen Filmverleih gefunden hat.

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