Kiloweise Mentos in die Sound-Cola
Die St.Galler Band Hundefutter hat zum Jahreswechsel ihr Debütalbum herausgebracht. Flacher Teller ist ernsthaft humorvoll und mindestens so wild wie Mentos und Cola.
Die Band Hundefutter: Julia Kubik und Raoul Doré (Bild: Nadine Nützi)
Die Tage sind kalt und grau in Mitteleuropa. Die Lage ist trist und hoffnungslos. In Davos treffen sich Milliardär:innen und Politiker:innen und jedwede Mischform dazwischen, um unseren Planeten weiter in den Abgrund zu führen. Als Kritiker:in bekommt man da nicht übel Lust, aus Frust ein Indie-Projekt zu zerreissen, einfach um sich ein wenig besser zu fühlen. Wir haben ja sonst nichts.
Doch plötzlich erscheint ein hell leuchtender Bandcamp-Link am Horizont: Hundefutter! Darin verbaut: Ein Playbutton. Daraus erwachsen: Ein erster Durchlauf. Ein zweiter. Und plötzlich stellt sich ein tiefgreifendes Gefühl der Zufriedenheit ein. Davos jedenfalls löst sich auf in diesem unsinnig sinnigen Strudel (gemeint ist das Gericht!) aus Musik.
«Faustregeln, die für alle Städte gelten: Dort, wo der Media Markt ist, ist es schön», heisst es im Opener Salbe und das muss man erst mal wirken lassen. Hundefutter, das sind Julia Kubik und Raoul Doré, und sie haben diese Band laut eigener Aussage aus Verzweiflung in einer langen Sommernacht in St.Gallen gegründet.
Das Album Flacher Teller piekst seine Hörer:innen an so vielen neuralgischen Punkten, dass man meinen könnte, Kubik und Doré seien hauptberuflich Akupunkturmeister:innen. Jeder Song eine Nadel, aber enorm verbogene, in sich verschlungene Nadeln, mit bunt-verblichenen Disneyfiguren als Köpfe. Das Album scheint ein vertonter Traum, also wortwörtlich, als hätte jemand eine Methode gefunden, um Schlafende zu samplen: «Ich hab geträumt, ich hätte ein in den 80er-Jahren abgelaufenes Pilzsandwich gegessen – es war schlimm! / (...) / Als ich vom Balkon fiel, gingen in der Stadt die Lampen an! / Ich bin heute aufgewacht und war plötzlich ein Hund!» Heisst es in Plötzlich ein Hund, dem siebten von zwölf Tracks.
Das ist genial! Natürlich! Aber wie soll man das beschreiben, also wirklich? Wie soll man dem gerecht werden, ohne Pointen zu verraten oder Opa-erzählt-von-Vinyl-mässig mit erhobenem Zeigefinger zu mäandern? Vielleicht einfach einmal nachfragen …
Saiten: Julia, wie entstehen solche Texte?
Julia Kubik: Ich kann nicht gut mit Vorsatz Songtexte schreiben. Es ist eher eine Collagentechnik: Ich schreibe mir fortlaufend Dinge auf, die ich interessant, seltsam oder lustig finde. Oft kleine Gedichte, manchmal aber auch nur lose Zeilen oder einzelne Worte. Es können konkrete Beobachtungen sein oder auch frei erfundenes Zeug. Ich mag es generell bei Kunst, wenn sie einem nicht alles erklärt, sondern auch rätselhaft bleibt.
Hundefutter bleiben rätselhaft, einfach, weil diese Mischung so anders ist als alles, was der gegenwärtige Pop-Diskurs ansonsten so ausspuckt. Flacher Teller präsentiert 80er-Post-Spasspunk-Drummaschine-Saxofon-Dream-Pop-Spoken-Word-Satire! Oder? Oder nicht?
Saiten: Raoul, wie entsteht solche Musik?
Raoul Doré: 2021 habe ich angefangen mit dem Bass-Sequenzer Behringer TD-3 Loops zu programmieren, um dazu zu trommeln. Mir fehlte im Corona-Shutdown das gemeinsame Musizieren mit meiner Hamburger Band Alte Sau. Die Musik, die dabei entsteht, ist stark beeinflusst von meinem jahrelangen Zusammenspiel mit Rebecca Oehms, allerdings ist das, was ich mit dem Bass-Sequenzer mache, viel stumpfer und simpler, beschränkt durch das Gerät und den eigenen Dilettantismus mit Harmonie-Instrumenten. Ich hab dann noch Glockenspiel und Xylophon dazugeholt und erfreut festgestellt, dass sich die analogen und synthetischen Töne zu einer lustig nervösen Sound-Kreatur vermischen lassen.
Diese Sound-Kreatur umspielt Kubiks Texte in atonalen Wellen und es ergibt sich ein Gemisch, das teilweise so schreiend komisch ist, dass man beim Hören laut loslacht. Dabei sind Hundefutter keine Comedy-Band. Im Gegenteil. Man spürt, wie ernst es den Protagonist:innen mit diesem Konzept ist, das sie konsequent bis zum Ende durchziehen. «Wir empfinden es eigentlich nicht als absurdes Projekt, wir nehmen Hundefutter genauso ernst wie alle anderen Projekte, die wir so machen.»
Hundefutter und Hunde (Bild: pd/Julia Kubik)
Und das muss so sein, weil sich Kunst nie hinter Ironie verstecken darf. Doch dieser Ritt auf der Rasierklinge gelingt Hundefutter hier total gut. Vor allem, wenn die Texte die gerade getrockneten Strukturen wieder aufkratzen und kiloweise Mentos in Sound-Cola werfen. Auf Stücken wie Grillsuppe, Das soziale Taschenmesser oder Höhle fühlt sich das Album fast wie ein Gespräch mit einer wirklich interessanten Person an. «Komm mit in meine Höhle / Ich sammle da so Öle / Von Leuten, die ich ass / Spass!»
Flacher Teller ist ein Erlebnis, das sich wohl bewusst jedweder Beschreibung entzieht. Es doch zu versuchen, fühlt sich ein wenig so an, als würde man einen Witz oder einen Traum nacherzählen, was ja grundsätzlich zum Scheitern verurteilt ist. Hundefutter muss man selber kosten. Erleben. Sich darin suhlen und vielleicht auflösen. Und wahrscheinlich hätte am Ende ein einziger Satz gereicht: Hört euch das doch bitte, bitte selber an!
Hundefutter: Flacher Teller, ist am 8. Januar bei Ichi Ichi und auf Bandcamp erschienen.
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