In Schweden erhalten Männer bei der Geburt eines Kindes 28 Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub, in der Schweiz muss man sich als (werdender) Vater für die Geburt Ferien nehmen. In Deutschland erhalten Frauen 58 Wochen Mutterschaftsurlaub, während in der Schweiz 14 Wochen gewährt werden.
Das sind zwei Zahlenbeispiele, die in der Ausstellung «Die Entdeckung der Welt» vorgerechnet werden. Diese und andere Statistiken zeigen: In praktisch allen Belangen, in denen es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit letztlich auch um Gleichberechtigung geht, ist die Schweiz europaweit auf den letzten Plätzen anzutreffen. Darüber, insbesondere aber über Qualität in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung, will die Wanderausstellung Diskussionen anstossen.
Die staatlichen Ausgaben für die institutionelle familienergänzende Kinderbetreuung fallen in der Schweiz gering aus. (Quelle: Die Entdeckung der Welt)
Die interaktive Schau in der St.Galler St.Leonhardskirche hat mehrere Aspekte: Einerseits eine super Gelegenheit, die wiederbelebte Stadtkirche von innen zu sehen. Gut erhalten und angenehm kühl sind die Steinmauern, die seit über zehn Jahren meistens unbenutzt im St.Galler Zentrum stehen.
Abseits von diesem höchstens lokalpolitisch interessanten Schauplatz greift die Ausstellung in der Kirche national wichtige, politische Fragen auf: Wie sollen Bildung und Erziehung von Kindern in der Schweiz organisiert und gestaltet werden? Sind sie Privatsache? Oder sollte sich der Staat – wie bei unseren europäischen Nachbaren – viel stärker engagieren? Und warum hat die Schweiz auch in diesem Thema einen Röstigraben mit massiven Unterschieden zwischen den Landesteilen?
Spielinseln für die Kleinen, Zahlenspiele für die Grossen
Zu Beginn der Ausstellung bekommen die Besucher eine bunte Holzkugel in die Hand gedrückt. Diese kann man bei vielen der Schaukästen in ein Loch werfen, worauf Tonaufnahmen oder Filme starten. Damit wird klar: «Die Entdeckung der Welt» ist spielerisch und interaktiv. Tatsächlich bieten sie viele Gelegenheiten für Kinder, um zu krabbeln, klettern und spielen – was von den Organisatoren ausdrücklich gewünscht wird. Kinderfreundlich sind etwa Tunnels durch die hölzernen Trennwände, Kindertischli beim Kaffeeautomaten, eine grosse Kügelibahn, Turnmatten sowie ein begehbarer Holzwürfel im Zentrum des Kirchenschiffes. Und während sich die Kleinen im Spiel verlieren, können die grossen die Ausstellung entdecken.
Zum Auftakt schauen sieben Menschen aus der Schweiz auf ihre Kindheit zurück, erinnern sich an damalige Familienmodelle, Spiele und Freunde. In diesen Erzählungen von Frauen, Männern, Secondos, Jungen und Alten, zeigt sich: Kinder aufziehen war schon immer ein Spagat zwischen Privat- und Berufsleben, eine Herausforderung und eine Bereicherung.
Und der Kampf für familienfreundlichere Strukturen in Politik und Arbeitswelt ist keineswegs jung: So erzählt eine ältere Frau, wie sie sich über 40 Jahre für Betreuungsangebote für Kinder eingesetzt hat. «Die Dinge bewegen sich langsam in der Schweiz», sagt sie, die einst aus Italien eingewandert war.
Die Ostschweiz: schwer abgeschlagen
Der aktuelle Stand der Dinge lässt sich auf einer interaktiven Zahlenwand nachlesen: Die Holzkugel wird dort in Vertiefungen gelegt, worauf verschiedene, teils sehr detaillierte Statistiken an die Wand projiziert werden. Angeschnitten werden die erwähnten Vater- und Mutterschaftsurlaube, aber beispielsweise auch die Anzahl verfügbarer Betreuungsplätze in den einzelnen Kantonen. Die Ostschweiz ist im interkantonalen Vergleich schwer abgeschlagen.
Die Entdeckung der Welt: bis 16. Juni, Leonhardskirche St.Gallen, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr
entdeckungderwelt.ch
Dabei, so wird vorgerechnet, profitiert ein Staat vom Geld, das er in die frühkindliche Erziehung und Bildung investiert: Pro investiertem Franken spart er langfristig deren sechs bis 16 ein. Dies weil institutionalisierte Massnahmen im Bereich der Frühförderung laut von den Ausstellungsmachern zitierten Studien später beruflich erfolgreichere und sozial gefestigtere Menschen aufwachsen lassen.
Die Ausstellung, hinter der eine Interessengemeinschaft aus verschiedensten Vereinen und Institutionen steht, hat neben diesen politisch schweren Brocken aber auch viele leichte Momente: So wird die Entwicklung von Kleinkindern mit kurzen Videos erklärt, es werden Kindheitserinnerungen erzählt, Spiele vorgeschlagen und Bastelanregungen gemacht. Dazu kommt ein breites Rahmenprogramm mit rund 90 Veranstaltungen für Eltern und Kinder in der ganzen Ostschweiz.
Ob nun alleine, zu zweit, mit Kindern oder ohne: Es lohnt sich, für die Ausstellung genug Zeit einzuplanen, um Neues zu entdecken und sich treiben zu lassen. Wie spielende Kinder eben.
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