Meine ersten Erinnerungen an Kino-Magie reichen weit in die Kindheit zurück. Mein Onkel, ein Dorffotograf, brachte uns an Sonntagen besondere Erlebnisse in die Appenzeller Bauernstube. Zwei- bis dreimal pro Jahr projizierte er mit ratterndem 16mm-Projektor Filme von Charlie Chaplin, Dick und Doof, Gipsy, einem schwarzen Hengst (USA/1954), oder «Naturkulturfilme», die in die Tiefen der Meere und hinein in geheimnisvolle Urwälder leuchteten.
In unserer abgedunkelten Stube sassen wir mitten im Geschehen, fieberten mit Farmerstochter Meggy, ob ihr Liebling Gipsy an einen Rennstall verkauft werden muss, oder ängstigten uns vor dicken Schlangen oder anderen «Wildtieren». Chaplin, Buster Keaton und Laurel und Hardy liessen uns atemlos «gigelen». Filmnachmittage waren für uns Kinder pures Glück. Die Erinnerung daran ist es ebenfalls.
Meinen ersten und lang ersehnten «richtigen» Kinobesuch erlebte ich in St.Gallen 1972 – eine Woche nach der Konfirmation, vorher wäre abendlicher Ausgang von meiner Mutter nicht bewilligt worden. Die Erinnerungen an den Film Ben Hur sind sehr vage, dafür umso reicher in Bezug auf meine Begleitung, wagten wir doch in den Kinosesseln die ersten scheuen Annäherungen – quasi der Beginn einer leisen ersten Liebe.
Weitere Filme der 70er-Jahre wie Wildwechsel und Angst essen Seele auf von Rainer Werner Fassbinder oder L’empire des sens vom japanischen Regisseur Nagisa Oshima empörten viele Kinogänger:innen so sehr, dass Scharen den Vorführungsaal verliessen – mich faszinierten und prägten diese Studiofilme zusehends.
Die neue Art des Geschichtenerzählens und Sexualität als Kunstform: In dieser Konsequenz und Radikalität brachen alle damaligen Tabus und lösten politische wie religiöse Debatten aus.
Die sowjetisch-japanische Produktion Dersu Usala des Regisseurs Akira Kurosawa nach dem Buch von Wladimir Arsenjew (um 1906) – mit einem Oscar gekrönt als bester ausländischer Film – ermöglichte ein kleines Fenster im «Eisernen Vorhang» und damit auch einen Blick in die betörende Natur der Taiga. Das Drama zeigt den Zusammenprall zweier Kulturen, die trotz der tief berührenden Freundschaft zwischen einem sowjetischen Kartographen und einem «Waldmenschen» nicht zusammenfinden können. Eine Reise der besonderen Art, die sich später mit vielen im Kinok gezeigten sowjetischen und russischen Filmen weiter fortsetzen sollte.
Light Years Away von Alain Tanner begleitete mich über Jahre und gab mir für lange Zeit Rätsel mit auf den Weg, welche eine unbestimmte Sehnsucht in mir weckten und Fragen zum Menschsein stellten.
Zeiten des Umbruchs
Wurden diese Filme im damaligen St.Gallen dank der engagierten Kinobesitzerin Trudy Schulthess programmiert? Sie, die sich früh für das Frauenstimmrecht stark machte, sowie nach dem Tod ihres Mannes 20 Jahre lang das Programm in den Häusern Palace, Scala, Apollo, Storchen, Hecht und Säntis gestaltete und diese alleine weiterführte?
Die Übergabe der Kinos gelang nicht nach ihren Wünschen: Franz Anton Brüni wurde mit dem Kauf zum Kino-Papst aller Lichtspielstätten St.Gallens. Das Kinok – früher Kinoki und K59 – bot dem Monopolisten Brüni die Stirn.
Junge, beste, einzigartige Ideen und Gestaltungswille, Hartnäckigkeit, technisches Geschick, Visionen, Chuzpe, Ausdauer, Leidenschaft, Freude am Tun, politisches Gespür, Gastfreundschaft, Kampf- und Teamgeist, Idealismus bis zur Selbstaufopferung, immer wieder neue, der Zeit entsprechende Banden bildend, wuchs das Kinok zu dem, wofür es heute steht.
Eine unverzichtbare Kostbarkeit, notwendiger denn je, wo die laufenden Bilder Menschen bewegen und berühren, wo oftmals vor ausverkauftem Saal interessante Gespräche mit Filmschaffenden stattfinden.
Tagtäglicher Einsatz, grosses Wissen und Können in den Bereichen Programmgestaltung, Administration, Projektion und Untertitelung, an der Bar und an der Kasse sowie unzählige Stunden Gratisarbeit liessen unser Kinok zu einem über weite Grenzen hinweg berühmten Begegnungsort der Lichtspielkunst werden.
Withnail and I (1987), ein schwarzgalliger Klassiker der britischen Filmkomödie, läuft am 13. November.
Der grosse Einsatz von Sandra Meier, die seit 1998 das Kinok mit feinem Gespür und viel Herzblut leitet, und allen ihren Mitstreiter:innen trug und trägt dazu bei, dass sich das Publikum sowie die geladenen Filmschaffenden wohl und willkommen fühlen dürfen im Kinok – einem von wunderbaren Menschen beseelten Ort.
Oder wie Max Frisch es formulieren würde: Glück als das lichterlohe Bewusstsein. Diesen Anblick wirst du niemals vergessen. Der Anblick ist da, das Erlebnis noch nicht. Man gleicht einem Film, der belichtet wird; entwickeln wird es die Erinnerung.
Im Kinok durfte ich über alle diese Jahre immer wieder solch Frisch’sche «Anblicke» erleben.
Aus manchen Filmen kam ich glücklich, reich beschenkt, mit «belichtetem Herzen» und dem Gefühl, soeben eine Horizonterweiterung erlebt zu haben. Oder ich kehrte von einer weiten Reise wieder heim.
Eben kürzlich geschehen: Gaucho Gaucho (Argentinien, 2024, von Michael Dweck und Gregory Kershaw) zeigt Einblicke in die schlichte und karge Lebensweise der nur noch wenigen Gauchos im Norden Argentiniens. Eine Zeitreise in eine andere Kultur voller Poesie und Weisheit. Fotografiert als gemäldehafte Schwarz-Weiss-Tableaus, wird die Geschichte einer jungen Frau erzählt, welche ihren Traum, Gaucho zu werden, verwirklicht – Klimaveränderungen und anderen Ungewissheiten zum Trotz. Der durchwegs stimmige Soundtrack reicht von Stille über Musik bis Hufgeklapper, verbindet die Handlung mit den Bildern in unübertrefflicher Art und Weise.
Beflügelt und voller Inspiration aus der Ferne in die Realität der Lokremise und den Alltag zurückkehren – ohne in ein Flugzeug gestiegen zu sein, solche Sternstunden gelingen nur in guten Filmen und den besten Kinos.
Die bespielte Leinwand als Ausblick in eine andere Welt, in die man voll eintauchen kann und Gefahr läuft, (doppel)belichtet zu werden, hat es in sich und stellt immer auch ein Risiko dar. Weil die Konfrontation mit anderer oder fremder Kultur herausfordert, über das Eigene, das Hier und Jetzt nachzudenken. Das kann unbequem sein oder gar verstörend nachwirken. So erfahren beispielsweise nach dem Filmepos Krieg und Frieden (UdSSR, 1964–1967, nach dem Buch von Leo Tolstoi und mit einem Oscar ausgezeichnet als bester ausländischer Film). Das Kinok zeigte 2022 eine restaurierte Fassung in vier Teilen, kurz bevor Russland die Ukraine überfiel.
Die Erinnerung an diesen Film lässt mich nach wie vor zwischen grosser Hoffnung und unsäglicher Verzweiflung zurück. Und doch steht die (sowjet-)russische, gewaltige Filmkunst mit all ihren Widersprüchen und Kontrasten für eine Menschlichkeit voller Demut und Dankbarkeit und kann damit auch als Logbuch des einzelnen, menschlichen Daseins dienen.
Die Möglichkeit, anspruchsvolle Filme schauen zu können, stellt meine Wahrnehmung immer aufs Neue in Frage, schützt mich vor Propaganda jeder Art, spiegelt unvorbereitet mein Selbst, impft mich gegen die Angst, bringt mir bei, die Medien kritisch zu hinterfragen, lehrt mich abzuwägen und einzuschätzen, was im kleinen Leben gerade das Wesentlichste ist oder sein könnte, und lässt mich im Alltag mit Haltung und Zivilcourage handeln.
Starke Frauenfilme
Besonders am Herzen liegen mir die Frauen hinter (und auch vor) der Kamera. Eine Gruppe St.Gallerinnen arbeitete die Filmgeschichte über Regisseurinnen auf und zeigte im K59 Filme von und über starke Frauen. Mit live gespielten Klängen hauchte die Jazzpianistin Irène Schweizer 1990 dem Stummfilm Dona Juana von Paul Dzinner (Deutschland, 1928) neues Leben ein. Filmperle um Filmperle wurden engagierte Frauen zutage gefördert. Der feministische Blick wurde über Jahre hinweg gepflegt und in das K59-Programm eingewoben. Die Leinwand erstrahlte beispielsweise mit Werken von und über die Experimentalfilmerinnen Maya Deren und Isa Hesse sowie von vielen weiteren Filmpionierinnen.
Heute ein Klassiker, damals vom Sowjetregime sofort zensiert und der Regisseur mit lebenslangem Berufsverbot belegt: Spielfilmdebut Die Kommissarin (1967) von Alexander Akoldow mit Nonna Mordjukowa in der Hauptrolle.
Allmählich wurden Frauen in der Filmbranche sichtbarer und glücklicherweise sind einige starke Produzentinnen, Regisseurinnen und Schauspielerinnen auch aus der Ostschweiz sehr erfolgreich unterwegs. Mit diesem Programm gehörte St.Gallen zur Avantgarde. Grosse Klasse. Chapeau!
Im Oktoberprogramm 2025 durfte ich mit dem Film Fitting In von Fabienne Steiner eine weitere Sternstunde im Kinok erleben. Ein Dokumentarfilm, der die Apartheid-Vergangenheit Südafrikas thematisiert. Er zeigt, wie junge Männer mit verschiedenen Hintergründen in einem kolonial geprägten Umfeld in dem Wohnheim «Eendrag» der Universität Stellenbosch zusammenleben. Steiner ist eine junge Filmemacherin, auf deren weitere Filme ich gespannt bin. Nachwuchs ist in Sichtweite. Wir dürfen uns darauf freuen, weitere Sternstunden im Kinok zu feiern.
Orte wie das Kinok sind Angelpunkte, wo 24 Bilder pro Sekunde die Leinwand beleben und Herzen berühren können. Erzählungen über die Leinwand wahrzunehmen und zusammen mit vielen anderen in die gleiche Richtung zu schauen, erzeugt Magie.
Das Jubiläumsprogramm verspricht many magic moments! Juhuuuuiiii! Glückwünsche und Dankeschön für das grosse, schon Geschaffene! An alle im Kinok, die von Anfang bis heute gewirkt haben und – so wünsche ich uns allen – einfach immer weiter und weiter und weiter wirken werden.
Happy Birthday, Kinok, lasst euch feiern!
40 Jahre Kinok Jubiläumsfeier: 14. November, 20 Uhr