Kinok – 40 Jahre Reisen in andere Welten

Im Rahmen des Kinok-Jubiläumsprogramms läuft am 30. November der sowjetische Film Stalker (1979) von Andrei Tarkowski. (Bilder: pd/Filmstills)

Eine persönliche Annäherung an das 40 Jahre lange Schaffen der Kinokis in St.Gallen.

Mei­ne ers­ten Er­in­ne­run­gen an Ki­no-Ma­gie rei­chen weit in die Kind­heit zu­rück. Mein On­kel, ein Dorf­fo­to­graf, brach­te uns an Sonn­ta­gen be­son­de­re Er­leb­nis­se in die Ap­pen­zel­ler Bau­ern­stu­be. Zwei- bis drei­mal pro Jahr pro­ji­zier­te er mit rat­tern­dem 16mm-Pro­jek­tor Fil­me von Char­lie Chap­lin, Dick und Doof, Gi­psy, ei­nem schwar­zen Hengst (USA/1954), oder «Na­tur­kul­tur­fil­me», die in die Tie­fen der Mee­re und hin­ein in ge­heim­nis­vol­le Ur­wäl­der leuch­te­ten.

In un­se­rer ab­ge­dun­kel­ten Stu­be sas­sen wir mit­ten im Ge­sche­hen, fie­ber­ten mit Far­mers­toch­ter Meg­gy, ob ihr Lieb­ling Gi­psy an ei­nen Renn­stall ver­kauft wer­den muss, oder ängs­tig­ten uns vor di­cken Schlan­gen oder an­de­ren «Wild­tie­ren». Chap­lin, Bus­ter Kea­ton und Lau­rel und Har­dy lies­sen uns atem­los «gige­len». Film­nach­mit­ta­ge wa­ren für uns Kin­der pu­res Glück. Die Er­in­ne­rung dar­an ist es eben­falls.

Mei­nen ers­ten und lang er­sehn­ten «rich­ti­gen» Ki­no­be­such er­leb­te ich in St.Gal­len 1972 – ei­ne Wo­che nach der Kon­fir­ma­ti­on, vor­her wä­re abend­li­cher Aus­gang von mei­ner Mut­ter nicht be­wil­ligt wor­den. Die Er­in­ne­run­gen an den Film Ben Hur sind sehr va­ge, da­für um­so rei­cher in Be­zug auf mei­ne Be­glei­tung, wag­ten wir doch in den Ki­no­ses­seln die ers­ten scheu­en An­nä­he­run­gen – qua­si der Be­ginn ei­ner lei­sen ers­ten Lie­be. 

Wei­te­re Fil­me der 70er-Jah­re wie Wild­wech­sel und Angst es­sen See­le auf von Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der oder L’em­pire des sens vom ja­pa­ni­schen Re­gis­seur Na­gi­sa Oshi­ma em­pör­ten vie­le Ki­no­gän­ger:in­nen so sehr, dass Scha­ren den Vor­füh­rung­saal ver­lies­sen – mich fas­zi­nier­ten und präg­ten die­se Stu­dio­fil­me zu­se­hends.

Die neue Art des Ge­schich­ten­er­zäh­lens und Se­xua­li­tät als Kunst­form: In die­ser Kon­se­quenz und Ra­di­ka­li­tät bra­chen al­le da­ma­li­gen Ta­bus und lös­ten po­li­ti­sche wie re­li­giö­se De­bat­ten aus. 

Die so­wje­tisch-ja­pa­ni­sche Pro­duk­ti­on Der­su Usala des Re­gis­seurs Aki­ra Kur­o­sa­wa nach dem Buch von Wla­di­mir Ar­sen­jew (um 1906) – mit ei­nem Os­car ge­krönt als bes­ter aus­län­di­scher Film – er­mög­lich­te ein klei­nes Fens­ter im «Ei­ser­nen Vor­hang» und da­mit auch ei­nen Blick in die be­tö­ren­de Na­tur der Tai­ga. Das Dra­ma zeigt den Zu­sam­men­prall zwei­er Kul­tu­ren, die trotz der tief be­rüh­ren­den Freund­schaft zwi­schen ei­nem so­wje­ti­schen Kar­to­gra­phen und ei­nem «Wald­men­schen» nicht zu­sam­men­fin­den kön­nen. Ei­ne Rei­se der be­son­de­ren Art, die sich spä­ter mit vie­len im Ki­nok ge­zeig­ten so­wje­ti­schen und rus­si­schen Fil­men wei­ter fort­set­zen soll­te.

Light Ye­ars Away von Alain Tan­ner be­glei­te­te mich über Jah­re und gab mir für lan­ge Zeit Rät­sel mit auf den Weg, wel­che ei­ne un­be­stimm­te Sehn­sucht in mir weck­ten und Fra­gen zum Mensch­sein stell­ten.

Zei­ten des Um­bruchs

Wur­den die­se Fil­me im da­ma­li­gen St.Gal­len dank der en­ga­gier­ten Ki­no­be­sit­ze­rin Tru­dy Schul­t­hess pro­gram­miert? Sie, die sich früh für das Frau­en­stimm­recht stark mach­te, so­wie nach dem Tod ih­res Man­nes 20 Jah­re lang das Pro­gramm in den Häu­sern Pa­lace, Sca­la, Apol­lo, Stor­chen, Hecht und Sän­tis ge­stal­te­te und die­se al­lei­ne wei­ter­führ­te?

Die Über­ga­be der Ki­nos ge­lang nicht nach ih­ren Wün­schen: Franz An­ton Brü­ni wur­de mit dem Kauf zum Ki­no-Papst al­ler Licht­spiel­stät­ten St.Gal­lens. Das Ki­nok – frü­her Ki­no­ki und K59 – bot dem Mo­no­po­lis­ten Brü­ni die Stirn. 

Jun­ge, bes­te, ein­zig­ar­ti­ge Ideen und Ge­stal­tungs­wil­le, Hart­nä­ckig­keit, tech­ni­sches Ge­schick, Vi­sio­nen, Chuz­pe, Aus­dau­er, Lei­den­schaft, Freu­de am Tun, po­li­ti­sches Ge­spür, Gast­freund­schaft, Kampf- und Team­geist, Idea­lis­mus bis zur Selbst­auf­op­fe­rung, im­mer wie­der neue, der Zeit ent­spre­chen­de Ban­den bil­dend, wuchs das Ki­nok zu dem, wo­für es heu­te steht.

Ei­ne un­ver­zicht­ba­re Kost­bar­keit, not­wen­di­ger denn je, wo die lau­fen­den Bil­der Men­schen be­we­gen und be­rüh­ren, wo oft­mals vor aus­ver­kauf­tem Saal in­ter­es­san­te Ge­sprä­che mit Film­schaf­fen­den statt­fin­den.

Tag­täg­li­cher Ein­satz, gros­ses Wis­sen und Kön­nen in den Be­rei­chen Pro­gramm­ge­stal­tung, Ad­mi­nis­tra­ti­on, Pro­jek­ti­on und Un­ter­ti­telung, an der Bar und an der Kas­se so­wie un­zäh­li­ge Stun­den Gra­tis­ar­beit lies­sen un­ser Ki­nok zu ei­nem über wei­te Gren­zen hin­weg be­rühm­ten Be­geg­nungs­ort der Licht­spiel­kunst wer­den. 

Withnail and I (1987), ein schwarzgalliger Klassiker der britischen Filmkomödie, läuft am 13. November.

Der gros­se Ein­satz von San­dra Mei­er, die seit 1998 das Ki­nok mit fei­nem Ge­spür und viel Herz­blut lei­tet, und al­len ih­ren Mit­strei­ter:in­nen trug und trägt da­zu bei, dass sich das Pu­bli­kum so­wie die ge­la­de­nen Film­schaf­fen­den wohl und will­kom­men füh­len dür­fen im Ki­nok – ei­nem von wun­der­ba­ren Men­schen be­seel­ten Ort.

Oder wie Max Frisch es for­mu­lie­ren wür­de: Glück als das lich­ter­lo­he Be­wusst­sein. Die­sen An­blick wirst du nie­mals ver­ges­sen. Der An­blick ist da, das Er­leb­nis noch nicht. Man gleicht ei­nem Film, der be­lich­tet wird; ent­wi­ckeln wird es die Er­in­ne­rung.

Im Ki­nok durf­te ich über al­le die­se Jah­re im­mer wie­der solch Frisch’sche «An­bli­cke» er­le­ben.
Aus man­chen Fil­men kam ich glück­lich, reich be­schenkt, mit «be­lich­te­tem Her­zen» und dem Ge­fühl, so­eben ei­ne Ho­ri­zont­er­wei­te­rung er­lebt zu ha­ben. Oder ich kehr­te von ei­ner wei­ten Rei­se wie­der heim. 

Eben kürz­lich ge­sche­hen: Gau­cho Gau­cho (Ar­gen­ti­ni­en, 2024, von Mi­cha­el Dweck und Gre­go­ry Kers­haw) zeigt Ein­bli­cke in die schlich­te und kar­ge Le­bens­wei­se der nur noch we­ni­gen Gau­chos im Nor­den Ar­gen­ti­ni­ens. Ei­ne Zeit­rei­se in ei­ne an­de­re Kul­tur vol­ler Poe­sie und Weis­heit. Fo­to­gra­fiert als ge­mäl­de­haf­te Schwarz-Weiss-Ta­bleaus, wird die Ge­schich­te ei­ner jun­gen Frau er­zählt, wel­che ih­ren Traum, Gau­cho zu wer­den, ver­wirk­licht – Kli­ma­ver­än­de­run­gen und an­de­ren Un­ge­wiss­hei­ten zum Trotz. Der durch­wegs stim­mi­ge Sound­track reicht von Stil­le über Mu­sik bis Huf­ge­klap­per, ver­bin­det die Hand­lung mit den Bil­dern in un­über­treff­li­cher Art und Wei­se. 

Be­flü­gelt und vol­ler In­spi­ra­ti­on aus der Fer­ne in die Rea­li­tät der Lok­re­mi­se und den All­tag zu­rück­keh­ren – oh­ne in ein Flug­zeug ge­stie­gen zu sein, sol­che Stern­stun­den ge­lin­gen nur in gu­ten Fil­men und den bes­ten Ki­nos.

Die be­spiel­te Lein­wand als Aus­blick in ei­ne an­de­re Welt, in die man voll ein­tau­chen kann und Ge­fahr läuft, (dop­pel)be­lich­tet zu wer­den, hat es in sich und stellt im­mer auch ein Ri­si­ko dar. Weil die Kon­fron­ta­ti­on mit an­de­rer oder frem­der Kul­tur her­aus­for­dert, über das Ei­ge­ne, das Hier und Jetzt nach­zu­den­ken. Das kann un­be­quem sein oder gar ver­stö­rend nach­wir­ken. So er­fah­ren bei­spiels­wei­se nach dem Film­epos Krieg und Frie­den (UdSSR, 1964–1967, nach dem Buch von Leo Tol­stoi und mit ei­nem Os­car aus­ge­zeich­net als bes­ter aus­län­di­scher Film). Das Ki­nok zeig­te 2022 ei­ne re­stau­rier­te Fas­sung in vier Tei­len, kurz be­vor Russ­land die Ukrai­ne über­fiel.

Die Er­in­ne­rung an die­sen Film lässt mich nach wie vor zwi­schen gros­ser Hoff­nung und un­säg­li­cher Ver­zweif­lung zu­rück. Und doch steht die (so­wjet-)rus­si­sche, ge­wal­ti­ge Film­kunst mit all ih­ren Wi­der­sprü­chen und Kon­tras­ten für ei­ne Mensch­lich­keit vol­ler De­mut und Dank­bar­keit und kann da­mit auch als Log­buch des ein­zel­nen, mensch­li­chen Da­seins die­nen.

Die Mög­lich­keit, an­spruchs­vol­le Fil­me schau­en zu kön­nen, stellt mei­ne Wahr­neh­mung im­mer aufs Neue in Fra­ge, schützt mich vor Pro­pa­gan­da je­der Art, spie­gelt un­vor­be­rei­tet mein Selbst, impft mich ge­gen die Angst, bringt mir bei, die Me­di­en kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, lehrt mich ab­zu­wä­gen und ein­zu­schät­zen, was im klei­nen Le­ben ge­ra­de das We­sent­lichs­te ist oder sein könn­te, und lässt mich im All­tag mit Hal­tung und Zi­vil­cou­ra­ge han­deln. 

Star­ke Frau­en­fil­me

Be­son­ders am Her­zen lie­gen mir die Frau­en hin­ter (und auch vor) der Ka­me­ra. Ei­ne Grup­pe St.Gal­le­rin­nen ar­bei­te­te die Film­ge­schich­te über Re­gis­seu­rin­nen auf und zeig­te im K59 Fil­me von und über star­ke Frau­en. Mit live ge­spiel­ten Klän­gen hauch­te die Jazz­pia­nis­tin Irè­ne Schwei­zer 1990 dem Stumm­film Do­na Jua­na von Paul Dzin­ner (Deutsch­land, 1928) neu­es Le­ben ein. Film­per­le um Film­per­le wur­den en­ga­gier­te Frau­en zu­ta­ge ge­för­dert. Der fe­mi­nis­ti­sche Blick wur­de über Jah­re hin­weg ge­pflegt und in das K59-Pro­gramm ein­ge­wo­ben. Die Lein­wand er­strahl­te bei­spiels­wei­se mit Wer­ken von und über die Ex­pe­ri­men­tal­fil­me­rin­nen Ma­ya De­ren und Isa Hes­se so­wie von vie­len wei­te­ren Film­pio­nie­rin­nen.

Heute ein Klassiker, damals vom Sowjetregime sofort zensiert und der Regisseur mit lebenslangem Berufsverbot belegt: Spielfilmdebut Die Kommissarin (1967) von Alexander Akoldow mit Nonna Mordjukowa in der Hauptrolle.

All­mäh­lich wur­den Frau­en in der Film­bran­che sicht­ba­rer und glück­li­cher­wei­se sind ei­ni­ge star­ke Pro­du­zen­tin­nen, Re­gis­seu­rin­nen und Schau­spie­le­rin­nen auch aus der Ost­schweiz sehr er­folg­reich un­ter­wegs. Mit die­sem Pro­gramm ge­hör­te St.Gal­len zur Avant­gar­de. Gros­se Klas­se. Cha­peau!

Im Ok­to­ber­pro­gramm 2025 durf­te ich mit dem Film Fit­ting In von Fa­bi­en­ne Stei­ner ei­ne wei­te­re Stern­stun­de im Ki­nok er­le­ben. Ein Do­ku­men­tar­film, der die Apart­heid-Ver­gan­gen­heit Süd­afri­kas the­ma­ti­siert. Er zeigt, wie jun­ge Män­ner mit ver­schie­de­nen Hin­ter­grün­den in ei­nem ko­lo­ni­al ge­präg­ten Um­feld in dem Wohn­heim «Eend­rag» der Uni­ver­si­tät Stel­len­bosch zu­sam­men­le­ben. Stei­ner ist ei­ne jun­ge Fil­me­ma­che­rin, auf de­ren wei­te­re Fil­me ich ge­spannt bin. Nach­wuchs ist in Sicht­wei­te. Wir dür­fen uns dar­auf freu­en, wei­te­re Stern­stun­den im Ki­nok zu fei­ern.

Or­te wie das Ki­nok sind An­gel­punk­te, wo 24 Bil­der pro Se­kun­de die Lein­wand be­le­ben und Her­zen be­rüh­ren kön­nen. Er­zäh­lun­gen über die Lein­wand wahr­zu­neh­men und zu­sam­men mit vie­len an­de­ren in die glei­che Rich­tung zu schau­en, er­zeugt Ma­gie. 

Das Ju­bi­lä­ums­pro­gramm ver­spricht ma­ny ma­gic mo­ments! Juhuuuuiiii! Glück­wün­sche und Dan­ke­schön für das gros­se, schon Ge­schaf­fe­ne! An al­le im Ki­nok, die von An­fang bis heu­te ge­wirkt ha­ben und – so wün­sche ich uns al­len – ein­fach im­mer wei­ter und wei­ter und wei­ter wir­ken wer­den.
Hap­py Bir­th­day, Ki­nok, lasst euch fei­ern!

40 Jah­re Ki­nok Ju­bi­lä­ums­fei­er: 14. No­vem­ber, 20 Uhr

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