, 13. April 2016
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Kinski mit der Kneifzange

In Konstanz las Johanna Link im Rahmen von «Literatur in den Häusern» aus Klaus Kinskis skandalöser Autobiografie – das kostete die Schauspielerin einige Überwindung. Die nächsten Lesungen finden am Sonntag in Kreuzlingen statt. von Stefan Böker

«Ich werde wirklich öfter geschlechtskrank, als andere sich erkälten», bekennt Kinski in seiner Autobiografie. (Bild: dudummesau.com)

Das kann ja was werden: Eine junge Schauspielerin des Stadttheaters liest beim grossen Konstanzer Literaturevent aus Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, dem atemlosen, egomanischen, pornografischen und einige Tabus brechendem Buch, das Klaus Kinskis wilden Aufstieg vom Strassenjungen zum internationalen Star erzählt. Bei mir hat es seinen Platz neben Bukowski, Rio Reisers König von Deutschland und Wondratscheks Einer von der Strasse.

Doch was macht man mit den versauten Erinnerungen eines Mannes, der nach seinem Tod von beiden Töchtern des sexuellen Missbrauchs bezichtigt wurde? Kann man, wenn man das weiss, eine solche Autobiografie, die unzählige Sexszenen detailliert aneinanderreiht – Sex mit einer 13-Jährigen, mit einer 17-Jährigen, mit der eigenen Schwester, als beide noch Kinder waren – kann man, will man das überhaupt vorlesen, diese Story eines luststrotzenden Unholds?

Der Mann, an dem niemand vorbei kommt

Es sind die Erinnerungen des grössten deutschen Schauspielers der Nachkriegszeit. Klaus Kinski , die Legende – der, wenn er auf der Bühne stand, Menschen zum Weinen bringen konnte und an dem eigentlich kein Schauspielschüler vorbeikommt.

Kinski konnte den Wahnsinn spielen. Das war es unter anderem, was sie fasziniert habe und weswegen sie sich dazu entschieden habe, aus seiner Autobiografie zu lesen, sagt Johanna Link anlässlich der Veranstaltungsreihe «Literatur in den Häusern». Als ihr aber klar geworden sei, auf was sie sich da eingelassen hatte, habe sie die Veranstaltung am liebsten absagen wollen. «Als Frau» sei ihr der erzählerische Blickwinkel zuwider gewesen. Das Buch sei ein Unfall, einen solchen Kollegen im Ensemble zu haben, müsse «der Horror» sein.

Nachdem der Gastgeber – die Lesung findet in einer Privatwohnung statt – seine Gäste mit «Schön, dass überhaupt jemand gekommen ist», begrüsst hat, liest Link einige ausgesuchte, halbwegs vertretbare Stellen. Eine Dramaturgie, die sie mit ihrem Gewissen vereinbaren kann. Kinskis angeblich bitterarme Kindheit etwa, seine Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, erste Versuche am Theater.

Augen zu und durch

Die Einleitung, ein starkes Stück Text, bringt Link vollständig zu Gehör. Nach einer kleinen Zusammenfassung, was einen im zweiten Teil alles erwartet und wieso sie diesen nicht lesen möchte, fährt sie mit dem kurzen dritten und letzten Teil des Buches fort, streicht aber einige Absätze und schliesst noch vor dem Ende. Augen zu und durch. In Fetzen durch das Buch gehetzt.

Kinski_Lesung

Link liest Kinski (Bild: Stefan Böker)

In der anschliessenden Diskussion ist das verwerfliche Werk und sein sexbesessener (oder sich bewusst so inszenierender) Urheber kurz Thema. Auch ein Genie dürfe sich nicht alles erlauben, hört man. Artig tauschen die 13 Anwesenden Meinungen aus, lernen sich kennen. Es gilt, die Zeit bis zum Apéro zu überbrücken.

«Sie müssen uns jetzt rausschmeissen», lässt ein Herr den Gastgeber irgendwann mit einem Augenzwinkern wissen. Dieser führt die Unterhaltung aber tapfer weiter. Und obwohl sich alle grosse Mühe geben, lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass die anwesenden Kultur- und Theaterfreunde froh sind, diesem Buch, seinen Inhalten und dem Wahnsinn seines Autors entkommen zu sein.

Immerhin durften sie ihre Lieblingsschauspielerin lesen hören.

 

«Literatur in den Häusern der Stadt» wird alljährlich in Konstanz und Kreuzlingen veranstaltet. 19 Lesungen gab es in Konstanz, aus Werken, die von Thomas Bernhard bis Rafik Schami reichten.

In Kreuzlingen wird noch gelesen, und zwar am kommenden Sonntag, 17. April. Für sechs der neun Lesungen gibt es noch Karten (Reservierung: Buchhandlung Bodan, 071 672 11 12). Das Programm kann hier heruntergeladen werden. Keine Angst: Ein Porno ist nicht darunter.

 

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