, 3. Juni 2012
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Klassengesellschaft als Totenkult

Die Klassengesellschaft und einen aufwändigen Lebenswandel bei einem Teil der Bevölkerung gab es schon vor 2600 Jahren. Und das in unserer nächsten Umgebung. Die Auswertung eines unberührten frühkeltischen Fürstinnengrabes, das 2010 in Sigmaringen im Donautal entdeckt worden ist, offenbart den sozialen Status einer kleinen Oberschicht, die in vielerlei Hinsicht mit der heutigen Bonzokratie vergleichbar ist […]

Die Klassengesellschaft und einen aufwändigen Lebenswandel bei einem Teil der Bevölkerung gab es schon vor 2600 Jahren. Und das in unserer nächsten Umgebung. Die Auswertung eines unberührten frühkeltischen Fürstinnengrabes, das 2010 in Sigmaringen im Donautal entdeckt worden ist, offenbart den sozialen Status einer kleinen Oberschicht, die in vielerlei Hinsicht mit der heutigen Bonzokratie vergleichbar ist und aus ihrer Privilegiertheit auch einen Totenkult machte.

Ende Mai hat der baden-württembergische Landesarchäologe Dirk Krausse in Friedrichshafen in einem Vortrag über den aktuellen Stand der Untersuchung des Holzkammergrabes berichtet, aus dem keltische Schmuckstücke von bisher einmaliger Qualität und Zahl in Süddeutschland zu Tage gefördert wurden. «Wir wissen, dass die Dame einer Zeit entstammt, als sich eine kleine soziale Elite herauszubilden und von der übrigen keltischen Gesellschaft ostentativ abzusetzen begann», sagte Krausse im Gespräch mit Ost-Blog. «Es entstanden die ersten Dynastien.»

Darauf weist ein weiterer Grabfund in der Nähe der hochgestellten Dame hin, der fünf Jahre früher gemacht worden war. In der Begräbnisstätte befanden sich die sterblichen Überreste eines zwei- bis vierjährigen Mädchens, ebenfalls mit reichhaltigen Schmuckbeigaben versehen. Obwohl der DNA-Nachweis noch nicht erbracht sei, stünde die Frau und das Kind in einer Beziehung zueinander, meinte Krausse. «Wir wissen nicht, wie die beiden hiessen, weil die Zeit damals noch schriftlos war, nehmen aber an, dass die Frau entweder eine Fürstin oder Königin war. Das Mädchen war möglicherweise die Tochter oder eine nahe Verwandte», sagte Krausse. Das Grab der Frau ist mit einer speziellen Technologie als achtzig Tonnen schwerer Erdblock geborgen worden, der jetzt in Kleinstarbeit abgetragen und untersucht wird.

Aus der vor rund 2600 Jahren angelegten Grabkammer der frühkeltischen Würdenträgerin sind 25 ornamentierte Schmuckstücke aus Gold geborgen worden, darunter ein 26 Zentimeter langes Band mit einem knaufähnlichen Aufsatz in der Mitte. Krausse geht davon aus, dass die Schmuckstücke etruskischer Herkunft oder zumindest dieser Handwerkskunst nachempfunden sind. Dies belege die globalisierten Beziehungen der Frühkelten im Donautal. Der Landesarchäologe meinte auch, dass ein Teil der Bevölkerung damals schon in einer mit den heutigen Verhältnissen vergleichbaren Überflussgesellschaft lebte. Auch eine Art Wegwerfmentalität sei damals nicht unbekannt gewesen. Das zeigten Funde aus Abfalldeponien jener Zeit.

Soziale Kämpfe muss es auch – wie heute – schon damals gegeben haben. Die meisten Hügelgräber reicher Kelten sind geplündert und die Grabbeigaben aus Edelmetall eingeschmolzen und lebensnaheren Verwendungen zugeführt worden.

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