, 18. Dezember 2017
keine Kommentare

Klassenkampf unterm Christbaum

Am Weihnachtsbaum hängen Kugeln und Lametta und brennen Kerzen, als wäre das selbstverständlich. Ist es aber nicht. Die andere Geschichte des Christbaums erzählt von Kälte und Armut. Eine Spurensuche von Peter Müller.

Das Stichwort «Christmas Tree» ergibt bei der Google-Suche rund 223 Millionen Treffer. Der Christbaum hat weltweit Karriere gemacht – auch in nichtchristlichen Zusammenhängen. Woher kommt er aber? Die Antworten im Internet gleichen den vielen Weihnachtsritualen bei uns und anderswo: Sie haben etwas Rituelles.

In den meisten Fällen wird dasselbe erzählt. Es ist die Rede von diffusen vorchristlichen Ursprüngen. Die frühesten Belege aus dem 15. und 16. Jahrhundert werden aufgeführt, die Karriere des Christbaums in reformierten Gebieten betont. Schnell ist man beim Siegeszug des Weihnachtsfestes im Europa des 19. Jahrhunderts angelangt – als zentrales, familiär geprägtes Fest des Bürgertums.

Und bald schon werden die bekannten, romantisch-nostalgisch geprägten Elemente aufgezählt: vom Christbaumschmuck aus dem ostdeutschen Lauscha bis zu «Stille Nacht» und Hans Christian Andersens Märchen vom Tannenbaum. Ganz zu schweigen von all den Christbäumen, die in der persönlichen Erinnerung abgespeichert sind. Bei vielen dürften das inzwischen ganze Wäldchen sein.

Früchte, Gebäck, Zuckerwerk

Es lohnt sich aber, dem Christbaum genauer unter die Nadeln zu schauen. Da findet man insbesondere die jahrtausendealte Winterknappheit und Winterkargheit. Zentralheizung? Supermärkte? Öffentliche Verkehrsmittel? Gab es alles nicht. Bis weit ins 19. Jahrhundert, ja bis ins 20. Jahrhundert hinein waren die Winter für die meisten Menschen in unseren Breiten anstrengend, mühsam – und oft endlos. Wann kommt endlich der Frühling: Die Frage hatte ein ganz anderes Gewicht als heute.

«Ich habe in meiner Jugend den Anschluss verpasst – ich hätte auch ein Christbaum werden können, und jetzt machen sie Zeitungspapier aus mir.» (aus: Simplicissimus)

Der Christbaum erweist sich da als Wunschvorstellung. Im tiefen, dunklen Winter, wenn die Obstbäume mit nacktem Geäst dastehen, werden stumme, in sich gekehrte Nadelbäume – vor allem Fichten und Weisstannen – plötzlich zu Trägern von Esswaren. An ihren Ästen hängen Früchte, Gebäck, Zuckerwerk. Später bekommen sie sogar noch Kerzen, leuchten und strahlen Wärme aus. Elektrische Christbaumkerzen kamen – wen wundert’s – Ende 19. Jahrhundert in den USA auf. Sie waren zunächst nur in vermögenden Haushalten anzutreffen. Später wurden sie zum Massenprodukt und hatten in den 1930er-Jahren ihre wächsernen Vorgänger weitgehend verdrängt. In Europa traten sie ihren Siegeszug erst in den 1950er-Jahren an.

Armut und Ausbeutung

Die alte Portemonnaie-Frage ist damit erst angeschnitten. Mit Sicherheit konnte sich lange Zeit nicht jeder einen Christbaum leisten, oder dann nur ein Bäumchen – selbst im Glanz des St.Galler Stickerei-Booms um 1900. Die «Ostschweiz» druckte dazu am 21. Dezember 1889 einen bemerkenswerten Text ab: eine kurze Reportage vom St.Galler Marktplatz, damals offenbar einer der Verkaufsorte für Christbäume. Zwei Käufer werden ausführlicher beschrieben, ein reicher Herr mit Diener und eine arme Arbeiterfrau. Beide etwas schematisch. Einfach erfunden sind sie aber sicher nicht, sonst würde der Text nicht funktionieren. Ein Zitat: «Die Arbeiterfrau hat ihren Christbaumschmuck seit Langem sorgsam Jahr für Jahr wieder aufgehoben, hat Obacht gegeben, dass keine glänzende Kugel, keine einzige goldene oder silberne Nuss zerbrach. Und jedes Jahr kauft sie sogar für einen Franken oder für zwei neue Sachen! Die Frau lässt die Grösse ihres Christbaumschmuckes im Geiste vorüberziehen und misst an ihm die Grösse des Bäumchens, welches sie kaufen will.»

«Sollen wir uns eine warme Stube machen, oder sollen wir Weihnachten feiern?» (Aus: Simplicissimus)

Noch beeindruckender ist ein Text, den der «St.Galler Stadtanzeiger» am 23. Dezember 1898 abdruckte. Er thematisiert die andere, die dunkle Seite verschiedener Weihnachtsdinge – vom Christbaumschmuck bis zum Zinnsoldaten. Diese Dinge werden, so seine Aussage, unter sozial bedenklichsten Bedingungen hergestellt: Ausbeutung, Not, Elend. Die Lektüre ist für den Zeitgenossen des globalisierten 21. Jahrhunderts eindrücklich. Obwohl die Beispiele die schlesischen, thüringischen und bayerischen Wälder betreffen, denkt man sofort an Indien oder China von heute.

Der Zeitungstext von 1898 scheint aus der Frühzeit eines sozialen Konsumenten-Bewusstseins zu stammen: Schau, woher die Sachen stammen, die Du kaufst… Der Text beginnt so: «Wer denkt wohl, wenn der Weihnachtsbaum auf dem weissgedeckten Tische strahlt, an die armen Waldarbeiter der schlesischen, thüringischen und bayerischen Wälder, die in elenden Gebirgsdörfern hausen, und die im rauen Winter, im tiefen Schnee watend, bei der kümmerlichsten Bezahlung dafür gesorgt haben, dass in der Stadt der Christbaum strahlen kann? Wer denkt, wenn er vergnügt mit den Seinen die bunten Glaskugeln in die Zweige hängt, der kümmerlichen Dorfproletarier, die derlei Glasschmuck in den niedrigen Hütten der Gebirgsdörfer verfertigen? Und weisst Du auch, lieber Leser, wie mühselig der elend bezahlte, in einem Bretterverschlag campierende Schifferknecht die Äpfel, die jetzt vergoldet am Baum hängen, aus Böhmen und aus Schlesien hat heran flössen müssen? Wie er die hochbeladenen Kähne, das Stossruder an die Schulter gestemmt, ächzend hat vorwärts schieben müssen, oder wie er die Last tage- und nächtelang, die Zugleine um den Leib geschnallt, mit vorgebeugtem Oberkörper, die Kanäle entlang gezogen hat?»

Ein symbolisches Alphabet

Ein weiterer Punkt beim Christbaum: Man sollte ihn nicht von anderen bild- und sinnstiftenden Bäumen lösen, die es in früherer Zeit gab: dem Maibaum, dem Freiheitsbaum, dem Gerichtsbaum, dem Geburtsbaum, dem Gedenkbaum. Die Bäume bildeten eine Art symbolisches Alphabet und waren gleichzeitig den Menschen viel näher als heute. Man war auf sie angewiesen. Die Bäume lieferten Nahrung, Heizmaterial, Werkstoffe, Baumaterial, Heilmittel… Mit Sicherheit beeinflusste diese konkrete Nähe auch den symbolischen Umgang mit den Bäumen.

Am Christbaum lässt sich darüberhinaus die Internationalisierung der Welt ablesen. Die Heiraten unter dem europäischen Adel, aber auch die europäische Auswanderung trugen zu seiner Verbreitung in der Welt bei. Vielzitiertes Beispiel ist Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, der Ehemann von Queen Victoria. Er brachte den Christbaum 1840 nach England. (Unser Englischlehrer an der Kantonsschule St.Gallen hat sich darüber lustig gemacht: «Das war die einzige Lebensleistung des Prinzen«). In Quebec soll schon 1781 ein Christbaum gestanden haben, im Haus eines deutschen Söldners in britischen Diensten. Vor dem Weissen Haus in Washington wird seit 1891 alljährlich ein «Christmas Tree» aufgestellt.

Politische Weihnachtsgeister

Eine Fülle von Christbäumen gibt es auch in Literatur und Kunst, Film und Musik – und auch hier gibt es viele unbekannte Schätze, in der Nr.33/1928 der deutschen Satire-Zeitschrift «Simplicissimus» zum Beispiel, erschienen am 24. Dezember. Zeichner Thomas Theodor Heine – einer der Grossen seiner Zunft – zeigt drei vermummte Männer. Sie fällen Tännchen und schaffen sie auf einem Schlitten weg. Hinter ihnen stehen vier mächtige, schneebedeckte Tannen mit menschenartigen Zügen. Die vorderste sagt zu den andern: «Grausame Gebräuche haben die Menschen! Zum Weihnachtsfest opfern sie unsere Kinder!»

Bemerkenswert ist auch die Kurzgeschichte Weihnachtsgeister (1858) von Wilhelm Raabe, damals noch ein junger Shooting-Star des Literaturbetriebs und kein Klassiker des deutschen Realismus. Der Text ist grimmiger und härter als viele andere Weihnachtsgeschichten. In einer aberwitzigen Szene werden in einem Wohnzimmer die Spielsachen und Weihnachtsfiguren lebendig – und inszenieren den Klassenkampf am Christbaum.

Der proletarische Zwetschgenmann – offenbar ein Kaminfeger – setzt seine Leiter an, um auf den Christbaum hinaufzuklettern. Er will «kehren, kehren, kehren», also sauber machen, eine abgründig mehrdeutige Absicht. Die andern beschweren sich. Die Marzipane rufen: «Werft ihn hinunter: er riecht so übel!». Die Balldame sagt: «Er wird meine Robe beschmutzen.» Der grantige Lebkuchenmann, der sich «Staatsbürger erster Klasse» nennt, schnarrt: «Schlagt ihn auf den Kopf, schlagt ihn auf den Kopf.» Alles versucht, sich nach oben zu retten, Richtung Tannenspitze. Der Lebkuchenmann lässt die Bleisoldaten in Reih und Glied aufmarschieren. Da erlischt der ganze Spuk.

Zuvor hat der Zwetschgenmann noch seine Geschichte erzählt: «Aus einer dunkeln, feuchten Kellerwohnung komme ich; am hellsten Tage fällt kein Sonnenstrahl hinein. Im Sommer läuft das Wasser in Tropfen von den schwarzen Wänden, und im Winter überziehen sich dieselben mit weissem Reiffrost. Da bin ich geboren. Als ich meine Geburtsstätte verliess, lag auf dem Strohlager im Winkel unter einem Stück grober Sackleinwand eine Leiche, und viele, viele hungrige Kinder kauerten verschüchtert umher. Am Tisch sass ein starker, kräftiger, aber bleicher und hohlwangiger Mann beim Schimmer einer elenden Lampe. Die Hand, die einen Stier niedergeschlagen hätte, bog den Draht, reihte die welken, schmutzigen Früchte auf, welche meine Glieder bilden. – In dem Schneewind da draussen, in der kalten Winternacht, auf den eisigen Steinen sitzt ein armes kleines Kind, und vor ihm stehen meine Brüder in Reih und Glied aufmarschiert. O kauft sie, kauft sie! Sie kosten nicht viel! Ihr seid barmherzig, ihr scheut nicht das Ausgeben des Geldes, nur das Stehenbleiben und Suchen nach Geld scheut ihr. O kauft meine Brüder! Die Hand, die nach den Kupferpfennigen greift, ist bald wieder gewärmt; der Schnee, welchen der Nordwind über die Stadt treibt, ist schneidend; meine Brüder frieren, und das kleine Kind hat weder Schuh noch Strümpfe in der Winternacht.»

Vielleicht ein Waldspaziergang?

Wenn Wilhelm Raabe heute leben würde – vielleicht würde er über die Zapfenpflücker aus Georgien schreiben. «Aus Georgien kommen mehr als die Hälfte der Samen für Christbäume in deutschen Wohnzimmer», berichtete «Der Spiegel» am 24. Dezember 2010. «Um den Nachschub an begehrten Nordmann-Tannen für das reiche Westeuropa zu sichern, setzen arme Zapfenpflücker ihr Leben aufs Spiel.» Selbst bei der Christbaum-Produktion ist die Ausbeutung inzwischen in ferne Länder verlegt worden.

Und in unserer eigenen Alltagswelt wimmelt es spätestens ab Ende November jeweils von Christbäumen: in Läden, in den Innenstädten, in Foyers und öffentlichen Hallen, auf Plätzen und in Vorgärten. Man stolpert fast über sie. Über Sinn und Unsinn dieser Christbaum-Fülle könnte man lange diskutieren – oder einfach andere Baum-Erlebnisse suchen. Auf einem Waldspaziergang in der Abenddämmerung zum Beispiel. Er bietet Erlebnisse, die man im allgemeinen Weihnachtsrummel nirgends hat.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Saiten

 

Ostschweizer Kulturmagazin
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Frédéric Zwicker, Michael Felix Grieder, Claudio Bucher

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!