«Es gibt nicht so etwas wie Stille. Etwas geschieht immer, das einen Klang erzeugt»: Die Einsicht des Komponisten und Klangkonzeptkünstlers John Cage steht als Motto über dem neuen Saisonprogramm der St. Galler Konzertreihe Contrapunkt new art music. Die pandemiebedingte Zwangspause, möchte man gedanklich hinzufügen, hat das Empfinden von Stille geschärft und herausgefordert – bei Musikerinnen und Musikern ebenso wie beim Publikum, das sich in dieser Zeit nicht mehr zum gemeinsamen Hören versammeln konnte.
Gleichwohl ist viel geschehen in der vermeintlichen Stille; Ideen konnten entwickelt werden und ausreifen. Auch der Verein Contrapunkt hat sich neu aufgestellt, hat einen neuen Vorstand gewählt und mit dem Komponisten Charles Uzor als Präsidenten und Mitglied der Programmkommission das Konzept aufgefrischt.
Instrumente und Maschinen
Am 20. August startet die Reihe mit einem Konzertabend, der schon früher geplant war: «Investigations» im Kultbau St. Gallen (20 Uhr), mit dem Ensemble Orbiter. Die Altmeister der experimentellen Klangforschung mit aussermusikalischen Einflüssen, Alvin Lucier und Iannis Xenakis, treffen dabei auf Neues, noch nicht Erprobtes: Software-Bots und Feedback-Netzwerke in Arbeiten von André Meier und Martin Lorenz (beide Jahrgang 1974).
Komponist Iannis Xenakis 1975. (Bild: wikipedia)
Instrumente und Maschinen werden live in einen Dialog versetzt – eine völlig neue Klangerfahrung, von der sich Uzor und Contrapunkt-Vorstandsmitglied André Meier nachhaltige Impulse für den Neustart der Reihe versprechen.
Bis Anfang Dezember wird es im Monatsrhythmus vier weitere Konzerte geben. Vielfalt ist dabei grossgeschrieben, und dementsprechend wechseln auch die Aufführungsorte: Nach dem Kultbau folgt im September der Pfalzkeller für Lieder von Bruno Karrer auf das Gedicht Somewhere I have never travelled von E.E. Cummings. Im Oktober präsentiert Contrapunkt neue Orgelmusik im Dom, im November Musik zur Dämmerung von Klaus Lang im Zeughaus Teufen, und im Dezember begegnen sich in der Kunsthalle mit dem Quattuor Bozzini und dem Konus Quartett Streicher und Saxophone in Jürg Freys Arbeit Stillstand und Bewegung.
Investigations: Ensemble Orbiter, 20. Oktober, 20 Uhr, Kultbau St.Gallen
contrapunkt-sg.ch
Zeitgenössische Musik anzuregen, sie attraktiv zu präsentieren und zu vermitteln, diese Ziele verfolgt Contrapunkt seit der Vereinsgründung 1987 durch Alfons K. Zwicker und Daniel Fuchs; «new art music» kam später als zusätzliches Label hinzu. «Aber als ‘contra’, als Gegenstück zum klassischen Konzertbetrieb, verstehen wir unser Programm noch immer», sagt Charles Uzor.
Wesentlich mehr Berührungspunkte gebe es zur zeitgenössischen Kunst, zur experimentierfreudigen Tanzszene; mit ihnen will sich Contrapunkt künftig noch stärker verbinden: «Wir suchen immer noch Publikum, haben aber andererseits auch keine Hemmungen, es mit Neuem zu konfrontieren oder zu verschrecken.»
Jugendliche in die «Backstube» holen
Der Verein sei mit rund 250 Mitgliedern eine stabile Basis, doch nur wenige von ihnen kommen regelmässig zu den Konzerten. Im letzten Jahr fehlten der Austausch, die Begegnung; davor seien manche Programme zu unentschlossen, zu wenig interessant gewesen. Mag die Avantgarde in die Jahre gekommen sein und heute vieles nebeneinander blühen und wuchern im Garten der Klangkunst: Es braucht spezielle – und kreative – Pflege, Elan und Mut, dafür einzustehen und öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen.
«Man muss etwas wagen», findet auch André Meier, Trompeter mit Schwerpunkt Neue und improvisierte Musik. «Wichtig ist uns, dass wir in der Programmkommission mit Begeisterung hinter den Stücken und Musikern stehen. Und sollten wir scheitern, so ist das besser, als Kompromisse zu machen und sich anzubiedern.»
André Meier. (Bild: pd)
Damit will Contrapunkt auch junge Leute ansprechen: Geplant ist eine Kooperation mit den Kantonsschulen St. Gallen und Wattwil, ein Jugendprojekt, das auch Schülerinnen und Schüler mit Schwerpunkt Bildnerisches Gestalten einbeziehen will. «Im Musikunterricht kommt neue Musik höchstens am Rande vor», weiss Charles Uzor aus eigener Praxis als Schulmusiker an der Kanti Burggraben. «Man beginnt zwar bei Papst Gregor, landet aber mit Glück in der Romantik oder allenfalls bei Debussy.»
Es gehe nicht darum, Jugendliche mit noch mehr theoretischer Bildung abzufüllen, vielmehr sollen Erfahrungsräume geöffnet werden, in denen sie selbst aktiv und Teil eines zeitgenössischen Werkes sind. Auch hier soll die Lust an der Begegnung, die Neugier und Freude an Klängen im Vordergrund stehen, wie bei den Konzerten und neuen Formaten.
«Mit Cüpli und Schoggi gratis erreicht man nichts», ist Charles Uzor überzeugt. Lieber setzt er auf das Lebensmittel Kunst: nicht nur als Konsumgut, sondern mit Zugang zur Backstube.
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