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Knackpunkt Familiengründung

Der 14. Juni steht für Gleichstellung. Im September erwarten mein Mann und ich unser erstes Kind. Mir wird fast täglich vor Augen geführt, wie entscheidend der Zeitpunkt der Familiengründung ist für die Gleichberechtigung. Und da hapert es auf verschiedenen Ebenen – auch 2019 noch. von Rabea Huber
Von  Gastbeitrag , 

Nicht oft, aber ab und zu hörte ich in den vergangenen Wochen die Frage, weshalb es denn im Jahr 2019 den 14. Juni und den Frauenstreik brauche. Dass doch Frauen mittlerweile in allen Bereichen gleichberechtigt seien und heutzutage eher die Männer für ihre Rechte kämpfen müssten. Ja, Gleichberechtigung heisst gleiche Rechte, Chancen und Ausgangslagen für alle. Und davon sind wir leider in einigen Belangen noch sehr weit entfernt.

Ich war 6 Jahre alt, als es 1991 den ersten Frauenstreik am 14. Juni gab. Ich war damals schon dabei. Meine Mutter hat sich als Politikerin immer schon für die Rechte der Frauen und die Gleichberechtigung eingesetzt. Deshalb erzählte ich schon damals als Dreikäsehoch allen, die es hören wollten – und den anderen natürlich auch –, dass mein Mami am 14. Juni streiken geht.

Seit dem ersten Frauenstreiktag hat sich einiges getan. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, dass ich in der Schule genauso gefördert wurde wie die Buben, dass ich das Gymnasium besuchen und dann studieren durfte. In meiner beruflichen Laufbahn hatte ich selten das Gefühl, dass ich als Frau benachteiligt werde. So dass ich heute mit 34 Jahren einen verantwortungsvollen Job wahrnehme und in der Verwaltung des Kantons St.Gallen in einer Führungsposition tätig bin.

Ich war es schon früh gewohnt, Chefin von vielen älteren Männern und Frauen zu sein. Anfangs hatte ich vielleicht noch das Gefühl, mich beweisen zu müssen, mir Gehör verschaffen zu müssen. Aber das hatte eher mit meinem jungen Alter denn mit meinem Geschlecht zu tun. Alles bestens also?

Nein. Wir haben auch im Jahr 2019 noch ein bedeutendes Stück Arbeit vor uns. In meiner jetzigen Lebensphase wird mir das fast täglich bewusst: Im September erwarten wir unser erstes Kind. Ich bin überzeugt, dass die Phase der Familiengründung entscheidend ist, wie sich die Gleichberechtigung entwickelt. Das betrifft mehrere Ebenen: die staatlichen Rahmenbedingungen, das soziale und das berufliche Umfeld, die Partnerschaft und nicht zuletzt mich selber.

Emanzipation mit der Muttermilch eingeflösst

Die erste, persönliche Ebene: Vorbilder sind wichtig. Die Emanzipation wurde mir schon mit der Muttermilch eingeflösst. Meine Mutter hatte sich noch während der Schwangerschaft von meinem Vater getrennt. Vor 35 Jahren war ein uneheliches Kind, das bei nur einem Elternteil aufwächst, noch alles andere als selbstverständlich. Mich selber hat das nur stärker gemacht und mich in der Überzeugung bekräftigt, dass es nur mit Gleichberechtigung geht und ich dazu bei mir selber und meiner eigenen Einstellung anfangen muss. Wieso sollte ich als Mädchen oder Frau weniger Wert sein als meine männlichen Zeitgenossen und ich nicht genau dasselbe erreichen können wie sie?

Die zweite Ebene betrifft die eigene Partnerschaft. Das fängt bei der Partnerwahl an. Gerne erzähle die Anekdote, dass ich meinem heutigen Mann an unserem zweiten Date erzählt habe, was meine Vorstellung eines Familienmodells sind, und wissen wollte, welche Einstellung er dazu hat. Ich sagte, dass ich mir vorstellen könne, Kinder zu haben, aber dass es für mich niemals in Frage käme, dafür meinen Beruf aufzugeben. Und dass das heisse, dass ich auch von meinem Partner erwarte, dass er sich genauso an Familien- und Hausarbeit beteilige.

Ich ernte für diese Erzählung meist einige Lacher. Aber es ist mir ziemlich Ernst. Es ist wichtig, seine Bedürfnisse klar auszusprechen und für seine Wünsche einzustehen. Und es ist eben schon am Anfang einer Beziehung entscheidend, abzugleichen, ob beide Partner die gleichen Vorstellungen darüber haben, ob und wie man sich das gemeinsame Zusammenleben vorstellen kann. Ich wusste damit bereits mit dem zweiten Date, dass mein zukünftiger Mann eine ähnliche Vorstellung bezüglich der Aufgabenteilung von Eltern hat und sich genauso wünschte, als Vater sein Pensum zu reduzieren.

Wieso verdienen immer die Männer mehr?

Mein Mann und ich leben ein egalitäres Partnerschaftsmodell. Das heisst nicht, dass ich zu Hause die Hosen anhabe. Es heisst, dass wir beide gleichberechtigt sind. Wir uns bei allem unterstützen und uns die Arbeiten aufteilen. Vor zwei Jahren realisierte mein Mann seine Masterarbeit. Ich hielt ihm den Rücken frei. Vergangenen Sommer revanchierte er sich, als ich meinen Master machte. Ich stiess an meine Grenzen. Und ich möchte mir nicht ausmalen, wie es ausgegangen wäre, hätte ich nicht meinen Mann an meiner Seite gehabt. Wir freuen uns gegenseitig füreinander, wenn einer von beiden im Beruf einen Erfolg feiert. Sei es ein erfolgreich abgeschlossenes Projekt, eine Beförderung oder einen Jobwechsel, wie ich ihn vor fast zwei Jahren vornehmen durfte.

Wir tragen ähnlich viel zum Haushaltseinkommen bei. Wie viele Paare kennen Sie, bei denen Mann und Frau gleich viel verdienen oder die Frau sogar mehr verdient? Ich befürchte, dass ich bei dieser Aufzählung nicht mehr als meine zwei Hände brauche. Wieso ist das so? Und wieso hätten so viele Männer ein Problem damit, weniger zu verdienen als ihre Frauen? Wieso orientieren sich Frauen tendenziell nach oben und Männer nach unten? Diese Lohnungleichheit ist ein Problem. Spätestens dann, wenn Mann und Frau ausdiskutieren, wer bei Kindern wie viel «zu Hause» bleibt. Ökonomische Aspekte sprechen hier (zu) häufig gegen die Frau.

Knackpunkt Familiengründung

Viele Beziehungen werden heute gleichberechtigt geführt. Beide Partner beteiligen sich zu gleichen Anteilen an der Hausarbeit und sind häufig auch mit gleichen Pensen berufstätig. Bis das erste Kind da ist. Diverse Studien und Statistiken belegen: Sobald es Nachwuchs gibt, verschiebt sich dieses egalitäre Modell häufig zu einem sehr traditionellen Modell. Sprich: Der Mann bleibt weiter hundert Prozent berufstätig, die Frau bringt höchstens noch einen Zusatzverdienst ein.

Wir haben uns für ein anderes Modell entschieden. Sowohl mein Mann als auch ich wollen beide unsere jetzigen Funktionen behalten. Wir werden dazu unser Pensum zu gleichen Teilen leicht reduzieren, um einen Teil der Kinderbetreuung zu übernehmen. Wieso leben nicht mehr Paare ein solches Modell? Wieso rutschen viele moderne Paare in ein konservatives Modell, sobald es Kinder gibt? Ist dafür nur die Lohnungleichheit verantwortlich? Und was können wir tun, damit die Anreize grösser sind, sich für ein ausgeglicheneres Modell zu entscheiden? Ganz davon abgesehen, dass Frauen mit der Aufgabe ihres Berufes auch einen Teil ihrer Eigenständigkeit, ihrer Unabhängigkeit und nicht zuletzt auch ihre Altersvorsorge aufs Spiel setzen.

Karriere trotz Kindern

Das soziale und das berufliche Umfeld haben einen sehr grossen Einfluss auf diese Un-Gleichberechtigung. Häufig müssen sich Frauen – und auch Männer – für ein egalitäres Modell rechtfertigen. Wir waren mit der Frage konfrontiert, ob mein Mann denn so wenig verdiene, dass ich als seine Frau weiterarbeiten müsse. Es gibt sicher viele Paare, in denen beide Elternteile gezwungen sind, arbeiten zu gehen, weil es sonst zum Leben nicht reicht. Aber es scheint für einige immer noch schwer verständlich zu sein, dass man – und eben auch Frau – einfach gerne arbeitet und damit Karriere und Kinder möchte. Und zwar gleichzeitig. Und beide.

Dabei heisst Karriere nicht, die Leiter möglichst weit nach oben zu klettern. Sondern einfach, jenen Job zu machen, den man gerne macht, den man schon vorher machte und ihn vor allem nicht wegen Kindern aufgeben zu müssen und sich nicht weitere Schritte in der Laufbahn wegen dem Nachwuchs verhindern zu lassen.

Ich spreche für Frauen und Männer. Wie häufig höre ich, Teilzeit – und das beginne schon bei einem 80-Prozent-Pensum – sei der Karrierekiller Nummer eins für Männer! Wie häufig wird Männern von ihren Arbeitgebern eine Pensenreduktion nicht ermöglicht! Dabei ist dieser Schritt für die Gleichberechtigung so entscheidend. Dass leitende Positionen auch mit einem 80-Prozent-Pensum möglich sind, haben in meinem Umfeld schon verschiedene gezeigt, Männer und Frauen.

Ja, manchmal ist es nicht einfach, dies von seinem Arbeitgeber einzufordern. Und noch zu häufig haben diese gegenüber modernen Modellen keine offene Haltung. Aber auch hier gilt es, seine Erwartungen und Bedürfnisse klar – und frühzeitig – zu kommunizieren. Und natürlich soll man sich auch überlegen, was man selber dazu beitragen kann, dass ein solches Modell funktioniert. So müsste es doch gute Lösungen geben, die für alle Seiten passen. Und je mehr sich solche Modelle verbreiten, umso mehr werden sie zu «Vorbildern» und umso normaler werden sie.

Kein ständiger Kampf gegen Windmühlen

Je mehr positive Erfahrungen Arbeitgeber mit solchen Modellen sammeln, umso mehr sind auch sie bereit, dies weiteren Mitarbeitenden zu ermöglichen. Mein Mann und ich haben beide bei unseren Arbeitgebern frühzeitig – und zwar schon bevor ich schwanger war – angedeutet, dass wir mit Kindern gerne unser Pensum reduzieren würden. So können wir dies nun mit Beginn der Vaterschaft respektive nach dem Mutterschaftsurlaub umsetzen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir unseren Arbeitgebern aktiv aufgezeigt haben, welche Lösungen wir dafür sehen und was wir selber dazu beitragen möchten. Und sie es uns ermöglichen wollten, dass wir unsere Funktionen behalten können.

Bis jetzt musste ich nur sehr selten für unser geplantes Modell einstehen. Aber ja, manchmal kommen sie, diese skeptischen Blicke, dass meine Muttergefühle dann schon noch kommen und ich dann nicht so viel arbeiten respektive das Kind abgeben möchte. Erstaunlicherweise wird mein Mann damit nie konfrontiert. Meine Standardantwort ist deshalb, dass vielleicht er dann so viele Vatergefühle habe, dass er dann nur noch zu Hause bleiben möchte. Wer weiss schon, was kommt. Einen Plan zu haben, heisst ja auch, ihn dann ständig den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Und nicht, ihn stur durchzuziehen. Das sehe ich so. Und mein Mann.

Mehr Anreize für berufstätige Frauen

Nicht zuletzt sind für all diese Vorhaben zur Gleichberechtigung auch die staatlichen Rahmenbedingungen entscheidend. Unser Plan ist, dass unser Kind – neben den Betreuungstagen durch mich und meinen Mann – fremdbetreut wird. Doch was heisst schon «fremd»? Einen Teil der Betreuung werden meine Mutter und die Eltern meines Mannes übernehmen. Ein riesiges Glück für uns und überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Diese Art der Betreuungsarbeit sollte auch vom Staat unterstützt werden.

Ergänzt wird die Betreuung unseres Kindes durch die Krippe. Wir haben jetzt – fast ein Jahr vorher – einen Platz reserviert, weil die Plätze nicht in grossen Mengen vorhanden sind. Eine grosse Auswahl an Krippen gibt es bei uns ebenfalls nicht. Gerade mal eine hat es in unserem Nachbarort. Leider sind die Betreuungstarife teilweise so hoch, dass es sich für viele Familien nicht lohnt, dass beide – oder nennen wir es beim Namen: auch die Frau – arbeitet. Dabei kann es sich die Wirtschaft gar nicht leisten, auf die Frauen als Fachkräfte zu verzichten. Sie zuerst teuer auszubilden, damit sie sich dann komplett um die Haus- und Familienarbeit kümmern: Das ist betriebs- und volkswirtschaftlicher Irrsinn. Hier müsste es deutlich mehr Anreize geben – auch finanzieller Natur.

Das fängt schon bei der Heiratsstrafe an. Das Steuersystem ist mit der Progression für Verheiratete nicht darauf ausgelegt, dass beide arbeiten respektive verdienen – und auch noch beide gut verdienen. Also auch die Frau gut verdient. Bei uns hat sich das Heiraten – aus finanzieller Sicht –nicht «gelohnt». Durch die Heiratsstrafe zahlen wir einige tausend Franken mehr Steuern pro Jahr – und das alleine bei der Bundessteuer, da wenigstens der Kanton St.Gallen diese Ungerechtigkeit bei den Kantons- und Gemeindesteuern abgeschafft hat.

Ein Tag Vaterschaftsurlaub: Was ist das für ein Start ins Baby-Leben?

Eine andere Rahmenbedingung wäre jedoch noch viel wichtiger: Wie sollen mein Mann und ich mit unserem Baby in ein gleichberechtigtes Modell starten, wenn ihm dazu in der Schweiz gerade einmal ein Tag Vaterschaftsurlaub zusteht? Ein Tag!

Manchmal dauert die Geburt länger als ein Tag. Und das soll es dann gewesen sein, mit dem Kennenlernen zwischen Vater und Kind? Kann es in der heutigen Zeit wirklich sein, dass der Bundesrat einen längeren Vaterschaftsurlaub nun schon wieder abgelehnt hat? Manchmal schäme ich mich für die Schweiz.

Immerhin erhöhen viele Firmen von sich aus den Vaterschaftsurlaub für ihre Mitarbeiter, weil sie merken, dass sie das als Arbeitgeber attraktiv macht. Aber die freiwillige Basis alleine reicht nicht. Dieses Recht muss jedem Mann zustehen. Zum Wohle der Gleichberechtigung von Frau UND Mann. Mein Mann und ich sind überzeugt, dass die erste Phase des Kennenlernens für uns alle wichtig ist. Er soll von Anfang an eine wichtige Rolle im Leben unseres Kindes spielen. Eine genau so wichtige Rolle wie ich.

Neue Väter brauchen neue Mütter – und Partnerinnen

Und damit wären wir wieder bei der ersten Ebene: Ich als Frau. Ich muss diese Gleichberechtigung wollen und ich muss sie zulassen. Margrit Stamm schreibt in ihrem neusten Buch Neue Väter brauchen neue Mütter genau darüber. Das heisst, ich trage mit meinem Verhalten als Mutter dazu bei, wie sich Mann als Vater verhält. Indem ich meinen Mann die Kinderbetreuung auf seine Art machen lasse und nicht die Gatekeeperin bin, die bestimmt, wie alles zu sein hat oder wie es gemacht werden muss. Und neue Väter brauchen eben auch in dem Sinne neue Mütter, dass sie von ihren Müttern zu solchen neuen Vätern erzogen werden. In dem wir unserem Kind vorleben, dass es selbstverständlich ist, dass seine Mutter und sein Vater sich die Arbeit zu Hause und die Erwerbsarbeit teilen, sind wir Vorbild für unseren Nachwuchs, es später irgendwann vielleicht gleich zu machen.

Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Alle Ebenen – von den Frauen, über ihre Partner, bis zum sozialen und beruflichen Umfeld sowie dem Staat – müssen in die gleiche Richtung laufen, damit wir unser Ziel der Gleichberechtigung erreichen. Und dafür braucht es am 14. Juni einen Zwischenstopp, um uns auf den Weg und die Ziele zu besinnen und an sie zu erinnern.

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