Der in Goldach aufgewachsene Slampoet Renato Kaiser liefert eine satirische Auslegung des SVP-Positionspapiers über die Sozialhilfe-Empfänger, worin die Massnahmen für das Wohlergehen der Armen folgendermassen umschrieben sind: «Genug Kalorien, ausreichend warme und nicht verlumpte Kleider, geheiztes Obdach, gewisse Privatsphäre, elementare medizinische und hygienische Versorgung.»
Bei Kaiser wird das national-konservativ-philantropische Wohlfahrtsstaat-Regelwerk zur Persiflage, das tönt dann so: «Steckt doch einfach ein paar Leute in nicht ganz verlumpten Kleidern in einen verglasten Wohncontainer mit einer Heizung und einem Erste-Hilfe-Kasten und nennt es: Jeder Rappen zählt! Oder: Jede Kalorie zählt! Was soll das überhaupt heissen: Genug Kalorien? Und wer entscheidet das?»
«Jetzt essen Sie dieses Kilo Zucker»
Für die Veranschaulichung der SVP-Kalorienrechnung verwandelt sich der Kaiser gewissermassen in eine Laborratte. «Also Herr Kaiser. Sie sind 170 Zentimeter gross, 72 Kilogramm schwer und 31 Jahre alt. Das heisst, sie haben einen Umsatz von 1692 Kilokalorien pro Tag. Aber wir runden auf 1700 auf. Wir wollen ja nicht so sein. Jetzt essen Sie dieses Kilo Zucker. So kommen Sie locker durch die nächsten Tage, solange Sie sich nicht zu fest bewegen – aber sind wir doch ehrlich: Was haben Sie denn schon so Wichtiges zu tun?»
Franz Schultheis, Professor für Soziologie an der Universität St.Gallen, befasst sich seit Jahren im In- und Ausland mit Armutsforschung. «Armut ist die kollektive Verdrängung eines Phänomens», sagt er in Herisau. «Sie reicht über die Betroffenen hinaus in die gesamte Gesellschaft hinein. Wir sind alle davon betroffen, weil Armut vor allem auch eine Verschwendung der Mittel ist. Dagegen muss die Gesellschaft dezidiert vorgehen. Besonders skandalös ist es, wenn sich eine reiche Gesellschaft wie die schweizerische, Armut überhaupt erlaubt.»
Laut Schultheis haben Arme keine Lobby und keine politische Partei, die ihre Interessen vertreten würde. Deshalb seien sie auch nur sehr schwer zu organisieren. In der Öffentlichkeit sei Armut negativ besetzt, Arme versteckten deshalb ihre Armut. Sie wirke beschämend für die Betroffenen. Eigentlich müsste sich die Gesellschaft dafür schämen, weil sie Armut überhaupt zulasse. In der öffentlichen Wahrnehmung aber fände Armut in Afrika und in Asien und nicht hier in der Schweiz statt.
Armut geht über das Ökonomische hinaus
«Armut wird von prekären Verhältnissen umkreist», sagt der Armutsforscher. «Jeder und jede im Land kann in die Prekarität absinken. Genau wie die Armut selbst sind daher auch prekäre soziale Verhältnisse ernst zu nehmen.» Armut bedeute Ausgrenzung, Einschränkung der Lebenschancen, verkürzte Lebenserwartung und Gefährdung der Gesundheit, zählt Schultheis die Folgen auf. «Meistens wird Armut auf die öknomischen Verhältnisse reduziert, sie ist aber weitreichender und greift auch in die gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche hinein. Arme sind stigmatisiert, sie ziehen sich zurück und resignieren. In ihren sozialen Netztwerken gibt es kaum Leute, denen es sozial besser geht als ihnen selbst.»
In die Armut führten viele Wege: Arbeitslosigkeit, familiäre Umstände, Krankheit, Invalidität, Verschuldung und unterbezahlte Arbeit. Vor allem Alleinerziehende seien davon betroffen. Frauen seien bei den Armen übervertreten, ebenso Migranten und Asylsuchende. Laut Statistik waren 2015 rund 265’000 Einwohnerinnen und Einwohner in der Schweiz Sozialhilfebezüger. Nicht wenige darunter waren erwerbstätig (Working Poor), aber ihr Lohn reichte nicht um die Kosten für den Lebensunterhalt zu decken.
Gutscheine sind peinlich
Laut Schultheis sind Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren und Ein-Eltern-Familien massiv von Armut betroffen. Hingegen seien ältere Menschen in der Schweiz wegen der Rentenbezüge eher gegen Armut gefeit. In anderen Ländern, wo tiefere Renten bezahlt würden, sähe das anders aus. Da sei Altersarmut verbreitet.
«Befragungen Betroffener zeigen, dass sich Arme ausgegrenzt und abgehängt fühlen, beschämt sind und ihre Situation als sehr peinlich empfinden, vor allem wenn sie Lebensmittel und andere Lebensnotwendigkeiten nicht mit Geld bezahlen können, sondern dafür Gutscheine von den Sozialämtern einlösen müssen», sagt Schultheis. Als Ursachen für ihre prekären Umstände würden viele Betroffene soziale Ungerechtigkeiten und Pannen in ihrem Leben angeben. «Arme Menschen schimpfen nicht selten über noch ärmere. Auf Solidarität unter den Armen trifft man nicht oft.»
Ressentiments seien häufig anzutreffen bei den Armutsbetroffenen, sagt der Soziologe. Viele fühlten sich der Bürokratie und der Willkür ausgeliefert und begründeten ihre Situation mit Verschwörungstheorien. Sie fühlten sich als Bürger zweiter Klasse und anonymisiert. Sie seien ökonomisch abhängig und könnten daher ihre Zukunft nicht planen. Sie müssten sich in Billigläden mit dem Lebensnotwendigen eindecken und verbrächten den Tag in gesellschaftlicher Isolation vornehmlich vor dem Fernseher. Von der Armut würden alle Lebenssphären dominiert.
Wer arm aufwächst, ist dem Risiko ausgesetzt, arm zu bleiben
«Armut ist ein Habitus, eine Lebenseinstellung, die eine Unterwürfigkeit gegenüber dem eigenen Schicksal, lähmende Resignation und mangelndes Selbstwertgefühl bewirkt», sagt Schultheis: «Man traut sich nichts zu, fühlt sich überzählig und wird in der alltäglichen Lebensführung willenlos. Wer arm aufwächst, ist stark dem Risiko ausgesetzt, nie aus der Armut herauszukommen.»
Viele Armutskinder neigten zu körperlichem Übergewicht, weil sie sich fast ausschliesslich mit billigem Fastfood und ohne Achtung auf die Gesundheit ernährten. Auffällig sei, dass sie ein unverhältnismässiges Konsumbedürfnis entwickelten. Zudem lebten diese Kinder oft bewegungsarm, hätten kaum Freizeitbetätigungen und seien der Lethargie und Resignation ausgesetzt.
In armen Familien sei ausserdem das Unfallrisiko grösser, und auch psychische Auffälligkeiten sowie Hyperaktivitäten und Aggressivität seien häufiger anzutreffen als in Mittelstandsfamilien, sagt Schultheis. Kinder armer Familien seien zudem mehr physischen Strafen und Misshandlungen ausgesetzt als Kinder in Familien, denen es besser gehe. Armut löse bei allen Betroffenen Stress aus und wirke auf den Umgang in der Familie.
«Aus der Armut herauszukommen ist schwierig. Es braucht einen Habituswechsel und die Linderung der Armutsfolgen», schliesst Schulheis. «Wichtig ist, dass in armen Familien die nächste Generation nicht wieder in die gleiche Situation kommt.»
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