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Kollektives Kunstschaffen

Die diesjährige «Dogo Totale» in Lichtensteig zeigt ausschliesslich Arbeiten von Kollektiven. Sie kommen aus der Schweiz, Frankreich und Pakistan, die Beschäftigung mit ihrem temporären Aufenthaltsort im Toggenburg zieht sich aber wie ein roter Faden durch ihre Werke. von Larisa Baumann
Von  Gastbeitrag
An der Vernissage erhielten die Besucher:innen eine Kostprobe der Performance on building a new park des hearhere collectives. (Bilder: Hanes Sturzenegger)

Nein, es sind nicht etwa Bälle, die durch die Alte Turnhalle in Lichtensteig schwirren, sondern Steine. Aber keine Sorge, sie fliegen nicht durch die ganze Halle, sondern nur im Bereich des Kunstwerks can we skip to the good part? von Nona Krach. Wobei dieser Bereich zugegebenermassen je nach Können der Besucher:innen etwas kleiner oder grösser sein kann. Im besten Fall fliegt der Stein weniger, als dass er möglichst oft über die gespannte Wasseroberfläche des künstlichen Flussbettes hüpft. Im Schiefern üben kann sich in dieser ungewohnten Umgebung, wer die diesjährige Jahresausstellung «Dogo Totale – im Kollektiv» besucht.

Eine Einladung zum Schiefern von «Nona Krach»: can we skip to the good part?

Im Open Call der Dogo Residenz für Neue Kunst wurden fürs 2023 gezielt Künstler:innenkollektive gesucht. Aus 45 eingegangenen Bewerberbungen wurde in einem jurierten Verfahren die finale Auswahl getroffen, sagt Hanes Sturzenegger aus dem Leitungsteam. Fünf Kollektive durften dieses Jahr aus der Schweiz, Frankreich und Pakistan anreisen und während zwei oder vier Monaten in der Dogo-Wohnung im Rathaus für Kultur wohnen sowie im Gemeinschaftsatelier in der Alten Turnhalle arbeiten.

Nebst dem zweimal jährlich stattfindenden «Offenen Atelier» ist die «Dogo Totale» die zweite Gelegenheit, einen Überblick über die Arbeiten der eingeladenen Kunstschaffenden zu erhalten. Mit fünf Werken von fünf Kollektiven ist die Ausstellung auf den ersten Blick weniger dicht als die bisherigen Ausstellungen, dafür ist der Schaffensprozess dahinter umso komplexer.

Dogo Totale – im Kollektiv:
noch bis 25. November, Alte Turnhalle Lichtensteig

Infos und Rahmenprogramm: dogoresidenz.ch

Im Kollektiv zu arbeiten, heisst immer auch, sich mit anderen Meinungen, Interessenkonflikten, Missverständnissen und Aufgabenverteilungen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig sind es diese aufeinandertreffenden unterschiedlichen Ansichten, Inspirationen, Fähigkeiten und Techniken, die eine Gruppe bereichern und voranbringen – sofern ein Konsens gefunden wird. Nebst dem Fokus auf das Kollektiv zieht sich die Beschäftigung mit dem temporären Aufenthaltsort Lichtensteig und Region wie ein roter Faden durch die Ausstellungswerke.

Das eingangs erwähnte Kollektiv Nona Krach beispielsweise verbrachte viel Zeit an der Thur, wo diskutiert und geschiefert wurde. So entstand auch die Idee des spielerischen Werkes can we skip to the good part?: ein 12 Meter langes Flussbett, das aus aneinandergeschraubten Kunststoff-Futtertrögen besteht und mit Wasser gefüllt ist. Davor lädt ein Haufen an der Thur gesammelter, runder Steine zum Schiefern ein. Wasserspritzer sind vorprogrammiert. Das Künstler:innenduo Noah Krummenacher und Mina Achermann fordert dazu auf, sich – entgegen Verhaltensregeln westlich-elitär geprägter Ausstellungsräume – ungehemmten und unkontrollierten Bewegungen hinzugeben.

Anna Sougy und Léa Tissot-Laura aus Paris haben mit you and I, eating raspberries in the forest ein Video aus 3D-Bildern, Filmszenen, Zeichnungen und Ölmalereien erstellt. Als Ausgangspunkt diente ihnen der Giallo-Film Phenomena (1985) von Dario Argento, der unweit von Lichtensteig gedreht wurde.

you and I, eating raspberries in the forest von Anna Sougy und Léa Tissot-Laura

Die beiden Künstlerinnen verkörpern die Filmprotagonistinnen gleich selbst und haben sich für ihre Kleider unter anderem von hiesigen Trachten inspirieren lassen. Es ist nach sexy pigs und my mind is a material I can play with ihr drittes Video in Serie.

Auch in der multimedialen Installation des Kollektivs Hum-sar läuft ein Video, eine Podcast-Serie namens Ctrl-Art-Del. Einladend steht ein Sofa vor dem Bildschirm und an die Wand gemalt sind ein Bett sowie ein Teppich mit der Aufschrift «Welcome!». In Urdu heisst das خوش آمدید (Khush Aamdeed) und bildet den Titel der Arbeit von Fatima Faisal Qureshi and Fatima Butt aus Lahore.

Multimediale Installation Khush Aamdeed bzw. Willkommen des Kollektivs Hum-sar.

Der abgegrenzte Raum wirkt privat und intim. Durch genaues Hinschauen können die Besucher:innen subtile Botschaften entdecken. Es geht um das Gefühl von Trauer, um Fragen nach Zugehörigkeit und Verdrängung sowie die zeitlose Suche nach dem Selbst.

Im Obergeschoss der Alten Turnhalle ermöglicht das Kollektiv Stigmergie eine immersive Erfahrung des Ökosystems Wald. Aus einer vierlagigen Soundinstallationen dringen Töne, die Andrea Sommer und Luzi Paulin Simeon in den Wäldern von Lichtensteig, Brunnadern und Wattwil aufgenommen haben. Dazu wird über das Wood Wide Web, über Zusammenwirken und Ressourcenverteilung anhand von Mykorrhiza-Netzwerken erzählt. Die Installation Decentralization regt dazu an, diese Gedanken auf unsere Gesellschaft anzuwenden, auf der Suche nach einer funktionierenden Form des Zusammenarbeitens und -lebens.

Ausschnitt aus der immersiven Installation Decentralization von Stigmergie.

Wer sich übrigens wundert, wofür die Bühne in der Mitte der Turnhalle steht, sollte am 18. oder 25. November nochmals vorbeischauen. Dann tritt das hearhere collective mit on building a new park auf. Für ihre entschleunigende Performance, die sich vor allem in der Horizontalen abspielt, haben sich Évo Mine Lambillon, Lea Samira Bernath, Emmeliin Chemouny und Maira Nett von Praxen wie der Permakultur oder Büchern wie on connection (2020) von Kae Tempest inspirieren lassen. Letzteres handelt davon, inwiefern Kreativität zu einem Austausch führen und somit Menschen einander näher bringen kann.

In einem solchen grösseren Zusammenhang soll auch die «Dogo Totale – im Kollektiv» gesehen werden, denn – so beginnt der Einleitungstext zur Ausstellung: «Utopien sind auch in einer hyper-personalisierten Gesellschaft ein kollektives Unterfangen.»

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