, 5. Juli 2018
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Konstanz lädt zur Art-Visite

Bald schon beginnen die Abrissarbeiten: Das Vincentius-Krankenhaus an der Unteren Laube in Konstanz muss einem Wohnblock weichen. Das alte Klinikum schliesst seine Pforten aber nicht sang- und klanglos – im Gegenteil. Dieses Wochenende hält die Kunst Einzug unter dem Slogan: «Visite!»

Bereits im März hat die Medizin das Vincentius-Krankenhaus in Konstanz verlassen. Alle Abteilungen zogen um auf das Klinikgelände, und das zentral gelegene Gebäude an der Unteren Laube, vor dessen Tür man schon fast auf den Rhein sehen kann und wo viele Konstanzer Kinder das Licht der Welt erblickt haben, ist nur mehr eine leere Hülle. Der Koloss aus Beton und Stahl weicht einem modernen Wohnblock. Au revoir, hôpital! Für viele in dieser Stadt warst du der Anfang oder das Ende. Schwere Schicksalsschläge nahmen hier ihren Lauf, die Flure erzählen noch jetzt Geschichten von Krankheit und Heilung, von Leben und Tod.

So ein Gebäude kann nicht einfach platt gemacht werden, als wäre nichts gewesen, findet auch Stadträtin Christiane Kreitmeier. Sie steht voll hinter dem parteiübergreifenden Entschluss, dass hier noch etwas passieren soll, und zwar: Kunst!

Kunstschaffende und Schulklassen am Werk

In St.Gallen und Trogen hat der Geile Block gezeigt, wie das geht. In Singen gab es das vergleichbare Projekt Arte Romeias: In einem abbruchreifen Wohnblock wurden die einzelnen Räume Künstlerinnen und Künstlern zugänglich gemacht, die dort arbeiten konnten und ein Wochenende lang präsentierten, was dabei zustande kam. Am Ende wurde mit einem Baggerballett ein riesiges Graffiti freigelegt, dann kam der reale Abriss.

Hinter dieser Abschlussaktion standen Bert Binnig und Friedrich Haupt. Sie fragten sich, warum etwas Vergleichbares nicht auch in Konstanz, der Stadt in der sie leben, möglich sei. Das Abrisskrankenhaus kam also wie gerufen, und auch eine finanzielle Förderung war schliesslich gefunden: Der Kulturfonds der Stadt Konstanz, das Vincentius-Krankenhaus sowie die Landesbank Baden-Württemberg, die künftige Besitzerin des Areals, haben die nötigen Gelder bereitgestellt.

Und nun, ein halbes Jahr später, steht es bevor, das Wochenende voller Klang und Farbe. Über einhundert Künstlerinnen und Künstler haben in den letzten Wochen hier gewirkt. Mehr als zehn Schulklassen und Kindergartengruppen sind durch die Räume gezogen und haben ihre Fussabdrücke hinterlassen. «Vom Gemeinderat, der hier geboren wurde, bis zur Studentin, die seit zwei Jahren in Konstanz lebt, finden sich Menschen hier zusammen. Wir wollen die ganze Stadt mitnehmen!», sagt Friedrich Haupt, der zusammen mit Bert Binnig sowie Tim und Magdalena Schaefer als künstlerische Leitung das Projekt «Visite» verantwortet.

Hinter ihnen liegt ein Organisationsmarathon, der ungeahnte Ausmasse angenommen hat. «Zuletzt musste Baustrom verlegt und der Brandschutz angepasst  werden, weil der nicht auf dem Standard von 2018 war», so Haupt, der eigentlich an der Uni in der Verwaltung arbeitet und – wie die anderen auch – neben dem Job Familie hat. Das Projekt «Visite» lief nebenher – und straft einmal mehr die Behauptung Lügen, in der kleinen Stadt am See gehe ja nichts.

OP-Saal und Röntgenraum in neuem Gewand

Von aussen sieht man schon Farbe an der Fassade herabtropfen, einen wundervollen Blauwal an der Wand entlang schwimmen und fünf Meter grosse Nonnenportraits an den Wänden. Diese waren hier lange Jahre als Pflegerinnen tätig und leben heute im Kloster Hegne. In den Räumen spricht die Krankenhausatmosphäre der 1970er Jahre noch Bände. Doch sie wird aufgebrochen, demontiert, übermalt, zerschlagen und überwuchert.

Im ersten Gang links finden sich drei Räume, die das Thema «Natur» in unterschiedlicher Form aufgreifen. Die Studentin Julia Germroth schafft zusammen mit der Hochschulgruppe Bildende Kunst in ihrer Installation Tschernobyl eine düstere Katastrophenlandschaft, die von der Natur zurückerobert und damit besiegt wird. Germroth selbst war schon drei Mal im Sperrgebiet und arbeitet ihre Erlebnisse und Gefühlswelten skulptural und musikalisch mit symphonischem Metall auf.

Nebenan geht es weniger düster zu: Dokumentarfilmerin Teresa Renn, die man von den Theatertrailern kennt, errichtet in einem ehemals sterilen Zimmer einen Permakulturgarten. Eine Dschungeltapete vom Flohmarkt dekoriert die Wände, hinzu kommen echte Pflanzen aus dem Garten von Peter Lenk (dem Schöpfer der Imperia) sowie allerhand Dinge, die Renn geschenkt bekommen hat. Auf der Facebookgruppe «Such’s Konstanz» hat sie alles erhalten, was sie für die drei Tage braucht. «Eine ganz neue Erfahrung, dieses Schnorren, aber es hat super funktioniert», sagt die Filmerin. Sie zeigt eine Aufnahme einer wachsenden Pflanze und spielt somit mit dem Konzept von Wachstum und Verfall.

Hypnose, Darkroom und Wohnzimmergespräche

Ein Zimmer weiter ziert ein grosses Wandbild mit Palmen und Meer die Wand des ehemaligen Krankenzimmers. Hier bietet Hypnosecoach Sabine Johannisson Erholung und ein Urlaubsgefühl an. Reif für die Insel? Oder doch lieber in den Darkroom? Hier geben die LKM-Studis dem Publikum Gelegenheit für eine Neon-Visite. Ergebnisse kann/darf/muss man dann auf Instagram posten – Konstanz goes Berghain?

Visite

Freitag, 6.Juli : Vernissage ab 16 Uhr
offene Ateliers bis 22 Uhr

Samstag, 7. Juli: offene Ateliers 10 bis 22 Uhr
fest(ival) im Innenhof

Sonntag, 8.Juli: offene Ateliers 12 bis 18 Uhr

Wer lieber im Gespräch mit einem unbekannten Gegenüber in Kontakt kommt, ist vielleicht besser bei Jennifer Schecker und Dominik Böhringer aufgehoben. Die beiden Theatermenschen haben ein urgemütliches Wohnzimmer eingerichtet, wo man sich setzen und unterhalten kann. Es geht ums Altern. Zwischen Gummibäumchen, die aus Waschbecken wachsen, Perserteppichen und einem kunstvollen Umgang mit der blaubeschichteten Ursprungstapete gibt es also Speeddating, nur ohne Speed und Dating.

Was ist denn nun eigentlich Krankenhaus und was ist Kunst, fragt man sich an so mancher Stelle. Zum Beispiel im Röntgenraum von Andreas Wacker. Seine Werke sind wie gemacht für die teils frostige Atmosphäre, die auch ein wenig Horrorfilmfeeling mitbringt. Wackers Ölgemälde wirken wie ein Raum im Raum und fügen sich perfekt in ihre Umgebung.

Es gibt aber nicht nur Kunst zu sehen, sondern auch Theater, beispielsweise das Stück Ich kotz Konfetti unter Regie von Caroline Pfänder. Die Hochschulgruppe Die vierte Wand zeigt in der Krankenhauskapelle den Tagesablauf einer Magersüchtigen, die Welt zwischen Krankheit und Schönheitswahn.

Apropos Theater: In Raum 21 präsentiert ein freies Performance-Team aus Bremerhaven, Leipzig und Konstanz  die begehbare Installation Äther in einem OP-Trakt. Versprochen werden transzendentale Nahtod-Erfahrungen, aber auch phänomenale Neugeburten. Die begehbare Installation ist zu jeder vollen Stunde für eine Person geöffnet. Ausserdem wird Paul Voëll den Feierabend performativ ausklingen und dabei seine Seele richtig weit heraus baumeln lassen.

Zurück zur Kapelle. Dort zeigt auch Künstlerin Stefanie Scheurell ihre Arbeiten. Sie hat in einem riesigen Ölgemälde mit einem toten Vogel Elemente der Umgebung aufgegriffen: Farbverläufe an den Kapellenwänden oder das Lichtspiel der Glassteinfenster finden sich auf der Leinwand wieder.

Ein Rundgang am Wochenende zwischen den 113 beteiligten Akteuren birgt zweifellos weitere gesundheitsfördernde Erfahrungen. Zwischen Empfang, OP-Saal und den Patientenzimmern im ersten Stock gibt es noch vieles mehr zu entdecken: Streetartists, Fotographie, Musik, Tanz, Textilkunst, Bildhauerei, Literatur oder das UniRadio. Also ab in den grünen Kittel und auf zur Visite!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Thurgaukultur.

 

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