, 8. Dezember 2016
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Konstanz: Wo sich Theater und Politik reiben

«THEATER_MACHT_POLITIK» heisst das Buch des Konstanzer Theaterdirektors Christoph Nix. Diese Woche wurde es in Konstanz debattiert, gleichentags hat die Stadt dem Theater eine Gagenerhöhung gestrichen.

Christoph Nix, Theaterintendant, vor «seinem» Stadttheater. (Bild: «Südkurier»)

Das Theater Konstanz dürfte eine der wenigen Bühnen sein, die in ihren News den Tod des Maximo Lider gemeldet haben. «Das Theater», heisst es dort wörtlich, «nimmt Anteil am Tode von Fidel Castro.»

Konstanz hatte die Spielzeit 2014/2015 unter das Motto «¡Hasta la victoria siempre!» gestellt und sich unter anderem mit Kuba und der Revolution auseinandergesetzt. Es wurde dann auch zum 16. Festival del Teatro de la Habana 2015 eingeladen. Frühere, bis heute nachhaltige Kooperationen gab es auch zwischen Konstanz und afrikanischen Theatermachern.

Das ist typisch für eine Bühne, die sich mitten in der Welt positioniert und entsprechend immer auch politisch agiert. Intendant Christoph Nix hat diese Haltung jetzt in einem Buch ausgeführt mit dem mehrdeutigen Titel THEATER_MACHT_POLITIK. Am Dienstagabend wurde es im Theater selber vorgestellt und hochkarätig debattiert; mit dabei waren Stephan Märki, Direktor von Konzert und Theater Bern und langjähriger Intendant in Weimar, sowie der Chefredaktor der Zeitschrift «Theater der Zeit», Harald Müller, in dessen Verlag das Buch auch erschienen ist.

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Christoph Nix: THEATER_MACHT_POLITIK, Verlag Theater der Zeit Berlin 2016, Fr. 24.40

Schlechte Zeiten fürs Theater

Theater ist für Nix selbstverständlich politisch, insofern, als hier Fragen des Lebens und des Zusammenlebens öffentlich verhandelt werden. Theater – allerdings nicht sein eigenes in Konstanz – sei in den letzten Jahren aber zunehmend unpolitischer geworden. Die Ursachen sieht Nix in den neoliberalen Denkstrukturen, die überall dominieren, im Primat des Geldes über die Inhalte, in der Diskreditierung der öffentlichen Institutionen und in einer alle Bereiche des öffentlichen Lebens umfassenden «Verdinglichung», in deren Folge sich auch in der Kunst zunehmend ein neuer Typus herausbilde: jener des «Kulturangestellten». «Die Politik hat es geschafft, die Theater zu bändigen».

Für einen Theatermann wie Nix, dem Harald Müller ein «tragödisches Selbstverständnis» attestierte, sind das schlechte Zeiten. Wortreich wurde in der Debatte denn auch an die «guten Zeiten» erinnert: die 20er-Jahre, aber auch die letzten Jahre der DDR, als das Theater mit einer ganz anderen Dringlichkeit als öffentliche Stimme auftrat und wahrgenommen wurde.

Seither aber beobachtet Müller zumindest in Deutschland einen eigentlichen «Notstand». Zum Beispiel im ostdeutschen Frankfurt an der Oder: 2000 wird ein prächtiger Neubau, das Kleist-Theater, eröffnet, im gleichen Jahr schafft die Stadt das Ensemble ab, der Neubau wird zum «leeren Kasten», Gastspiele sollen es richten. Ähnlich in der Stadt Brandenburg – Müller sieht mit Sorge, dass im Gegenzug dafür in jedem mittleren Ort ein Festival aus dem Boden gestampft wird und immer mehr auf Events statt Kontinuität gesetzt wird.

Neuer Rückschlag im Kampf um Mindestgagen

Und dann wird es konkret, und Nix redet sich in Rage bei der Frage, ob es Druckversuche von Seiten der Politik gebe. Natürlich habe es die gegeben, und jeder in der Stadt wisse das. Die Zeitschrift «Trojaner» war ein Beispiel, mit der das Theater frech in die Konstanzer Lokalpolitik dreingeredet hat und Nix dafür gescholten wurde. Auch für das jetzt geschlossene Kino Scala ging das Theater mit auf die Strasse.

Oder die Forderung nach Mindestgagen: 2015 hat das Theater sie gestellt, das Stadtparlament lehnte ab, Nix führte die Mindestgagen darauf hin auf eigene Faust ein, ein neuerlicher Antrag wurde jetzt am 6. Dezember, wenige Stunden vor der abendlichen Podiumsdiskussion, in der Haushaltsdebatte wiederum abgelehnt.

Die Gagenfrage ist für Nix einerseits zentral für die Schauspieler – notabene: Es geht um 2000 Euro statt bisher 1800, kein wirklich existenzsichernder oder gar familienfreundlicher Lohn. Andrerseits sei die Frage aber auch grundsätzlich von Belang, nämlich: Wieviel Wertschätzung erhält das Theater von seinen Stadtoberen? Nach elf Jahren im Amt klang Nix an diesem Abend einigermassen fatalistisch: Das Publikum stehe zwar hinter «seinem» Theater, nicht aber die politischen Akteure, mit denen zu diskutieren ihm zunehmend die Lust fehle. Für aussenstehende Ohren blieb da allerdings ein Widerspruch. Der Theaterdirektor klagt einerseits über Eingriffe – und vermisst andrerseits, dass von Seiten der «herrschenden Politik» keinerlei inhaltliche Auseinandersetzung mit der Theaterarbeit stattfinde.

Vom Sparbudget, das am Dienstag verabschiedet wurde, ist im übrigen nicht das Theater allein betroffen. Auch andere Institutionen oder Projekte müssen auf höhere Beiträge verzichten: die Jazz- und Rockschule, das Jugendzentrum, ein neues Festival, Schul- oder Strassensanierungen.

Gratwanderung zwischen Geld und Kunst

Nicht anpasserisch, aber pragmatisch stellt sich der Berner Intendant Stephan Märki dem Spardruck und der Forderung nach besseren Auslastungszahlen: «Die Gratwanderung besteht darin, mit den vorhandenen Mitteln das grösstmögliche künstlerische Risiko einzugehen.» Nix seinerseits betont mehrfach, er sei kein Kulturpessimist. Und er lobt das Theater als den Ort, an dem die grossen Lebensthemen einerseits zugespitzt würden – der andrerseits aber deren Konsequenzen mildere. «Wir spielen nur» – dies jedoch mit allem politischen Ernst.

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Christoph Nix vor der Konstanzer «Imperia». (Bild: SWR)

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