, 12. September 2014
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Kontaminierte Gesellschaft

Peter Roths erste Oper «Spinnen» kommt an den nächsten zwei Wochenenden in Wil und Heiden zur konzertanten Uraufführung. Ein Vorausbericht von Bettina Kugler.

Das grösste Geschenk zu seinem bevorstehenden 70. Geburtstag macht Peter Roth sich selbst. Am 13. September hebt der Toggenburger Komponist und Chorleiter, Musiker und Klangaktivist seine erste Oper Spinnen in der Tonhalle Wil aus der Taufe – zunächst in einer konzertanten Uraufführung. Beteiligt sind neben dem Chorprojekt St.Gallen der Chorwald, das Appenzeller Kammerorchester (beide unter Leitung von Jürg Surber) sowie ein Solistenquartett; Lichtregie und Aufstellung von Chor und Solisten im Raum sollen schon jetzt eine Ahnung davon vermitteln, wie Spinnen 2015 szenisch auf die Bühne kommen wird.

Gotthelf im Atomzeitalter

Das Stück verwandelt den Stoff von Jeremias Gotthelfs Erzählung Die schwarze Spinne in eine musikalische Parabel des 21. Jahrhunderts. Festgehalten hat Roth am Kernthema der Novelle. Immer noch geht es um Mächtige und Unterdrückte, um Verführung und selbstverschuldetes Verderben.

In Spinnen heisst der Reiche Augusto Hagen; die tausend ausgewachsenen Bäume für seinen völlig überdimensionierten Baumgarten lassen sich nur mit gewaltiger Energie transportieren und anpflanzen. Kein Problem für einen wendigen, wissenschaftsgläubigen Berater wie Dr. Titus T.  Schnell hat er die Bevölkerung auf seiner Seite – bis auf Christine, die alleinerziehende Mutter und Umweltschützerin. Ihre innere Stimme treibt sie an, zu protestieren und den anderen ins Gewissen zu reden. Peter Roth hat aus dieser Stimme der Weisheit eine Figur namens Sophie gemacht: Im Gewand einer Hausiererin aus der Gotthelf-Zeit existiert sie ausserhalb von Raum und Zeit. Sie verkörpert unser inneres Wissen, dass grenzenloses Wachstum unmöglich ist.

Wofür die Spinne in Peter Roths Oper steht, springt auf dem gedruckten Programm und auf der Projekt-Webseite förmlich ins Auge. Zu sehen ist ein unbehagliches Tapetenmuster aus Strahlenrädchen auf Warnzeichen-Gelb, dazwischen Augen, deren Blick man nicht entrinnen kann. In einem Zeitalter nach Gott glaubt das Volk willig-kritiklos an Machbarkeit – das Teufelswerkzeug dazu ist eine Energie mit kaum kalkulierbaren Gefahren und Konsequenzen.

Gotthelfs Erzählung hat Roth nicht losgelassen, seit er sie vor über fünfzig Jahren am Lehrerseminar zu lesen bekam; damals war es Pflichtlektüre gewesen. «Für mich spiegelt sich darin vollkommen unsere Zeit und unser Wirtschaftsleben mit seinem kurzfristigen Denken. Die Folgekosten werden nicht bedacht, und wenn es gefährlich wird, ziehen sich die Verantwortlichen zurück.»  Zunächst erarbeitete er im Herbst 2011 ein Libretto; bald begann der Text zu klingen – wie immer bei Peter Roth in vollständiger Besetzung, mit Wechseln aus Frauen- und Männerchören, mit Hackbrett als Continuo, Bläsern und Streichern und Instrumenten wie Gong und Peitsche.

Oper mit Haltung

Der Anstoss, eine Oper zu komponieren, kam von aussen: Der Berner Kammerchor Chores, der unter anderem Roths Toggenburger Passion an der Expo 01 aufgeführt hat, bat ihn um ein szenisches Chorwerk. «Sie waren offenbar davon überzeugt, dass ich eine dramatische Ader habe», sagt Roth und schmunzelt. Von Opern fühlte er sich bislang kaum angezogen – einmal abgesehen von Brechts Dreigroschenoper. «Ich bin sehr an Stoffen interessiert», sagt er; «die meisten Opern aber lassen sich auf wenige Prototypen reduzieren, ähnlich wie im Kino. Deshalb schaue ich mir auch kaum Filme an, allenfalls Dokumentarfilme.»

Gleichwohl sieht Peter Roth in Spinnen eine konsequente Weiterentwicklung seiner Arbeit – und seiner künstlerisch-politischen Haltung. Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung waren und bleiben zentrale Themen in seiner weltumspannenden Musik.

Tonhalle Wil: 13. 9. 20 Uhr, 14. 9. 19 Uhr. Evangelische Kirche Heiden: 20.9. 20 Uhr, 21.9. 19 Uhr

Solisten: Susanne Seitter-Frey, Margrit Hess, Raphael Höhn, Peter Walser; Sprecher: Daniel Kasztura. Weitere Infos: spinnenoper.ch

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

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