«Zehn Jahre stand das Modell auf dem Schreibtisch», sagt Beat Eberle, der Präsident der Feuerschaugemeinde Appenzell, die das Wasserkraftwerk Seealpsee-Wasserauen betreibt. Er hat es an die Eröffnung der Skulptur «Kraftwerk» von Roman Signer (Bild unten) am vergangenen Samstag mitgenommen. Tatsächlich sieht das Modell genauso aus wie die grosse Skulptur daneben, nur dass es etwa zehnmal kleiner ist. Der karminrote Kubus – zwei Meter lang, knapp zwei Meter hoch und ein Meter breit – steht beim Maschinenhaus des Kraftwerks in Wasserauen, direkt am Wanderweg Richtung Seealpsee.
Späte Anerkennung
Ursprünglich war vorgesehen, die Skulptur zur Eröffnung des erneuerten und ausgebauten Kleinwasserkraftwerk im Juni 2005 zu errichten. «Die Zeit war damals noch nicht reif dafür», sagt Beat Eberle, sprich, den Verantwortlichen fehlte der Mut, ein Werk Roman Signers in Auftrag zu geben – eine verpasste Chance, denn fast hätte man zu den Ersten gehört. Im Juni 2005 wurde nämlich auf dem Adlerplatz in Appenzell die allererste Roman Signer-Installation Appenzell Innerrhodens eingeweiht, eine in den Asphalt eingelassene Drehscheibe, die sich um 360 Grad dreht und von jedermann betreten werden kann. Eine späte Anerkennung für den in Appenzell aufgewachsenen Künstler, der 65 Jahre alt werden musste, um dies zu erleben.
Nun, zehn Jahre später, muss die Feuerschaugemeinde mit der Rolle des Schlusslichts vorlieb nehmen, denn mittlerweile sind in Roman Signers Heimatkanton bereits fünf öffentlich zugängliche Arbeiten entstanden: 2009 der Wassertisch an der Sitter in Appenzell, im selben Jahr ein Brunnentrog mit einem roten Kajak und eine Fassinstallation beim Hotel Hof Weissbad, und erst vor anderthalb Monaten ebenfalls dort eine weitere Brunnenskulptur, die sich aus vier übereinander stehenden Tischen zusammensetzt.
Geht es nach Roman Signer, werden keine weiteren Installationen dazu kommen: «Ich bin zufrieden.» Der Künstler kann sich aber eine Erweiterung dieses innoffiziellen, von Appenzell über Weissbad nach Wasserauen reichenden Skulpturenwegs um ortsspezifische Arbeiten anderer Künstler vorstellen.
Rückwärts gewandte Welt
Die Innerrhoder Kulturvermittlerin Agathe Nisple, die in ihrer engagierten Vernissagerede kein Blatt vor den Mund nimmt, sieht die Arbeiten Roman Signers im Kanton Appenzell Innerrhoden folgendermassen: «Roman durfte einen schönen Teppich legen in eine Welt, die anfangs nicht so einfach war.» Sie beschreibt das Appenzell Innerrhoden der 1970er–Jahre als eine rückwärts gewandte, selbstgenügsame Welt, die sich künstlerisch abschottete.
Roman Signer, der sich in jenen Jahren endgültig dem Künstlerdasein zuwandte, wanderte nach St.Gallen aus: «Er hätte sich nicht getraut, in Appenzell als Künstler zu leben», sagt Nisple. Doch nie wandte sich Roman Signer vollends von seiner alten Heimat ab, sondern kehrte immer wieder zurück, zum Beispiel, um im abgelegenen Glandenstein bei Weissbad Versuche für seine Skulpturen und Ereignisse durchzuführen.
Das kleine Kraftwerk neben dem grossen Kraftwerk, das sich nun die Feuerschaugemeinde Appenzell geleistet hat, ist eine prägnante Wegmarke, ein Ausrufezeichen in der Landschaft. In der Nacht ist der Kubus im Innern schwach beleuchtet. Die feuerrote Installation passt zur Auftraggeberin, deren Geschichte aufs 16. Jahrhundert zurückgeht. Zu den Aufgaben dieser speziellen Gemeinde, die Appenzell mitsamt den Aussenquartieren umfasst, gehörte ursprünglich die Brandwacht und die Brandbekämpfung. Heute ist sie auch für die Wasser- und Energieversorgung und die Bau- und Feuerpolizei zuständig.
Die Spuren der Zeit
Die Kraft der Elemente wird bei Roman Signers Kraftwerk sinnlich erfahrbar. Hält man die Hand in die in den Kubus eingelassene Öffnung, spürt man einen dünnen Wasserstrahl, der mit 24 bar Druck auf eine Sandsteinplatte trifft. «Es fitzt ein bisschen», sagt der Künstler. Der Wasserdruck entspricht jenem einer Wassersäule von 240 Metern. Diese Höhendifferenz überwindet man, wenn man von Wasserauen zum Seealpsee wandert.
Im Verlaufe der Jahre wird der Wasserstrahl seine Spuren in der Sandsteinplatte hinterlassen. Das Verhältnis zwischen der Installation und dem danebenstehenden Kraftwerk charakterisiert Roman Signer als eines wie zwischen Spiel und Arbeit, Kind und Mutter. Die beiden sind durch eine «Nabelschnur», eine kleine Druckleitung, miteinander verbunden.
Tausende von Wanderern werden an Signers «Kraftwerk» vorbeigehen, stutzen, innehalten und staunen. Bis irgendwann der Wasserstrahl eine Vertiefung und schliesslich ein Loch in den Sandstein hineingegraben haben wird – wann genau, das weiss niemand.
Bild: Andreas Mader
Die Signer-Ausstellung im Kunstmuseum St.Gallen läuft noch bis 26. Oktober. Weitere Infos: kunstmuseumsg.ch
Restliche Bilder: Bernhard Ehrminger
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