Sie gehörte damals zum Kollegenkreis und wusste deshalb, dass er hinter dem Graffiti steckt. «Ich denke jeden Tag an dich, wenn ich mit dem Auto am Spider-Man vorbeifahre», scherzte die Bekannte, als Anonymus ihr im letzten Sommer auf der Seepromenade in Arbon nach einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal über den Weg lief.
Schon seit 20 Jahren lauert Spider-Man sprungbereit am Brückenpfeiler. Die Insektenaugen signalisieren Wachsamkeit. Gleich landet er auf dem Dach eines vorbeifahrenden Fahrzeuges: Spider-Man auf seiner Mission gegen die Bösewichte dieser Welt.
Der sympathische Hilfspolizist
Anonymus zerbricht sich den Kopf darüber, weshalb der Strassenunterhaltsdienst ausser seinem Spider-Man immer alle Graffitis sofort wegputzt oder übermalt. Beim Pfeiler der nächsten Autobahnüberführung Richtung Arbon sprayte jemand «respect spider-man». Es war sofort wieder weg. Anonymus fragt sich, ob hier wohl ausnahmsweise etwas Illegales akzeptiert ist. Liegt es etwa daran, dass es sich bei Spider-Man um die Figur des hilfreichen Nachbars handelt, einer, der immer zur Stelle ist, wenn jemand in Not gerät? Eine Art Hilfspolizist, der zwar Selbstjustiz ausübt, die aber von der Gesellschaft akzeptiert ist.
Einmal beobachtete Anonymus beim Vorbeifahren eine Unterhalts-Equipe, die den besagten Brückenpfeiler sogar vom wuchernden Efeu befreite.
Für ihn, den Comic-Fan seit Teenagerzeiten, hat Spider-Man verglichen mit den anderen Superhelden einfach «die coolsten Superkräfte». Wie er ohne Einschränkung durch die Schwerkraft Wände hochklettern kann, wie er sich durch die Wolkenkratzerschluchten Manhattans schwingt, nach jedem Schwung einen seildicken Spinnenfaden als Anker aus der rechten Handfläche schiesst, Anonymus liebt diese Vorstellung noch heute – in seinen 40ern.
Es war in den späten 90er-Jahren, als er und ein Kollege das Graffiti auf den Brückenpfeiler sprayten. Auf einer weiss grundierten Fläche vergrösserten sie mithilfe eines Rastergitters aus Kreide eine Vorlage aus dem Comic-Heftli. Dann sprayten sie entlang der Vorzeichnung mit schwarz, blau und rot das Motiv. Die Augen deckten sie mit Schablonen ab.
Trotz des sorgfältigen Vorgehens und der geschützten Lage des Bildes unter der Autobahnbrücke litten jedoch die Farben mit der Zeit. Nach der Begegnung mit seiner Bekannten am See, die ihm die Bedeutung dieses Graffitis für das Ortsbild verdeutlichte, entschloss sich Anonymus, den Spider-Man aufzufrischen.
Ein Mythos für das 21. Jahrhundert
Dazu kam, dass Stan Lee am 12. November in Los Angeles 95-jährig verstarb. Auf seinen letzten Fotos: ein freundlicher älterer Herr mit getönter Pilotenbrille, grauem Borstenschnauz, einem etwas schiefen Lächeln und nach hinten gegelten Haaren. Er war der Erfinder von Superhelden wie Hulk und den X-Men. Spider-Man war jedoch Stan Lees gelungenste Schöpfung.
Der Spider vorher und nachher.
In der Doppelexistenz eines gewöhnlichen Teenagers, der durch den Biss einer gentechnisch veränderten Spinne zu Superkräften kommt, vereint die Figur des Waisenjungen Peter Parker völlig gegensätzliche Eigenschaften in sich. Mit der Low-Life-Existenz dieses Teenagers konnten sich junge Comic-Leser identifizieren. Er fährt Töffli, hat eine verkorkste Beziehung zum anderen Geschlecht und wird in der Schule gehänselt.
Die Renovation des Graffitis sollte dem Gedenken an Stan Lee gewidmet sein; denn schliesslich schuf er einen Mythos für das 21. Jahrhundert: Nach der Blockbuster-Trilogie von Regisseur Sam Raimi in den Nullerjahren wurde Spider-Man zum Superhelden par excellence.
Restauration bei Nacht und Nebel
Peter Parker wird von seinem Onkel Ben und der gütigen Tante May aufgezogen. Als Onkel Ben die ausserordentlichen Eigenschaften Peters gewahr wird, ermahnt er ihn: «Aus grosser Kraft folgt grosse Verantwortung.» Ein grundlegender Teil der Erzählung verarbeitet schliesslich die Problematik um Schuld und Sühne, wenn ein vor Spider-Man flüchtender Verbrecher Onkel Ben erschiesst. Die Geschlechterrollen sind beim ikonografischen Filmkuss mit Tobey Maguire als Peter Parker und Kirsten Dunst als Mary Jane Watson buchstäblich auf den Kopf gestellt. Bei strömendem Regen fährt Spider-Man kopfüber am Spinnenfaden zu Mary Jane hinunter, sie rollt ihm seine Stoffmaske bis über die Nase auf und küsst ihn innigst auf die Lippen.
Also machen sich Anonymus und zwei Kumpels in einer Nacht Ende November um drei Uhr früh auf, um das Graffiti zu restaurieren. Mit Acrylfarben und Pinsel ergänzen sie die schadhaften Stellen, verändern so wenig wie möglich. Ihres illegalen Tuns bewusst, bedient einer die Lampe, die er ausknipst, wenn sich ein Auto nähert. «Es gibt ja immer Idioten, die die Bullen rufen», meint Anonymus.
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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