, 23. Januar 2019
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Kühn und besser als cool

Sie tritt mit Kriegsbemalung auf und singt auch so: die Westschweizer Rapperin KT Gorique ist auf der Bühne fast immer im Kampfmodus und trotzdem nie kategorisierbar.

Am Freitag im Park: KT Gorique. (Bild: pd)

In den letzten Jahren klangen viele aufstrebende junge Rapperinnen und Rapper ähnlich. Verschwommene Autotune-Lyrics 
über Exzess und Marken, verschwommene Videos von begehrten Städten bei Nacht, verschwommene Interviews, viel Nonsens und Distanz, auffälliger High-hat-Einsatz. Das wurde dann meistens als Cloudrap oder Trap gelabelt, und es wäre falsch zu behaupten, das sei alles dasselbe. Es gibt nur auffallend viele Parallelen.

Mit KT Gorique bekommt die Rap-Welt (und der Rest der Gesellschaft) endlich wieder eine Stimme, die alldem trotzt, was grad auf der hochgehaltenen Hypefahne steht. Wenn Trap ein Bad im coolen lila Teich ist, dann ist KT Goriques Rap ein Sprung in die Metallmulde: wütend, kantig, konkret und möglicherweise schmerzhaft.

Das Taschenmesser des Rap

Von Westschweizer Medien wurde sie oft als «Couteau suisse» bezeichnet – das Messer, das alles kann. Das passt nicht schlecht: Berühmt wurde KT Gorique zuerst vor allem durch ihre hervorragenden Freestyle-Skills. Mit 21 gewann sie 2012 als erste Frau die Weltmeisterschaften im Freestyle-Rap in New York. 2015 kam der Film Brooklyn, bei welchem sie die Hauptrolle – eine junge Rapperin – spielte, in Frankreich in die Kinos. Ein Jahr später erschien ihr erstes Album Tentative de survie, im Sommer 2018 das neue: Kunta Kita.

Es ist der Name einer Kriegerin, ein musikalisches Alter Ego. In einem Interwiew mit dem Schweizer Hip-Hop-Magazin «Lyrics» erklärt sie es so: «Ich bewundere jeden Menschen, der die Kraft hat, sich zu wehren und für seine Überzeugung zu kämpfen. Geschichten von Farbigen, die sich gegen Rassendiskriminierung aufleh nen oder von Frauen, die sich für die Rechte ihres Geschlechts einsetzen, haben mich inspiriert.»

26. Januar, Palace St.Gallen
palace.sg

Die aufrichtigen, direkten Texte werden von ebenso direkter Musik getragen. Klare Beats, manchmal angereichert mit nostalgischen Samples und Scratches, 
die einem Bilder von zugesprayten Provinz-Skatehallen, in welchen trotz umgebender Pampa niemals nichts los ist, vors innere Auge zeichnen. Eine naheliegende Referenz, müsste man eine he anziehen, wäre Keny Arkana, die argentinisch-französische Rapperin und Aktivistin, bei deren Tracks man Lust bekommt, unmittelbar maskiert gegen das Unrecht der Welt in den Strassenkampf zu ziehen.

Ein langer Weg zur Deutschschweiz

KT Gorique wuchs in Abidjan auf, dem grössten städtischen Ballungsraum der Elfenbeinküste. Mit elf zog sie mit ihrer Familie nach Sion, der Kleinstadt im Wallis. Zwei komplett verschiedene Kulturen und Klimazonen zu kennen sei eine Bereicherung fürs Kreativsein, sagt sie. In ihren Texten steckt viel Auseinandersetzung mit Zugehörigkeit und Durchsetzungskraft. Das versteht man sogar, wenn man klassisch-deutschschweizerisch in der 2. Sek den Französisch-Faden verloren hat und keinen geraden Satz verstehen geschweige denn sprechen kann. Es geht um Energie und Haltung, und die ist universell verständlich.

Gerade deswegen ist es erstaunlich, dass die Deutschschweiz solange gebraucht hat, KT Gorique als eine der begabtesten Rapperinnen des Landes wahrzunehmen. «Ich habe Konzerte in der Romandie, Frankreich, Kanada und in Afrika gespielt und stets ein super Publikum angetroffen. Doch es hat mich immer etwas frustriert, dass ein Grossteil der Hip-Hop-Community im Land, in dem ich wohne, noch nie etwas von mir gehört hat.» Diesen Samstag hat die Ost-Deutschschweiz Gelegenheit, das Versäumte gutzumachen und grossen neuen Rap zu hören.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

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