, 5. November 2018
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Kühne Hörwege in der Tonhalle

Allerheiligen – ein Programm mit mutiger Handschrift zeichnete das zweite St.Galler Tonhallekonzert aus. Unter der Leitung von Yoel Gamzou spielte sich das Sinfonieorchester mit Bergs Violinkonzert und Mahlers «Totenfeier» in Höchstform.

Das Programm passte nicht nur zu Allerheiligen – es überzeugte auch durch die Werkwahl, die Schaffung musikalischer Wahlverwandtschaften.

Die merkwürdig düsteren Klänge der Maurerischen Trauermusik c-moll KV 477 von Mozart gleichsam als Ouvertüre an den Beginn des sinfonischen Abends zu setzen, erwies sich als Kunstgriff. Neunundsechzig Takte, die dem Orchester Gelegenheit boten, sich warm zu spielen. Die für eine Gedenkfeier zweier verstorbener Logenbrüder entstandene Komposition, eröffnete dem Hörer auch einen idealen Zugang zum folgenden Violinkonzert Dem Andenken eines Engels von Alban Berg.

Ein doppeltes Requiem

Das Violinkonzert von Alban Berg ist ein enigmatisches Werk, umgeben von einer romantisierenden Aura. Komponiert 1935 zum Gedenken an die frühverstorbene Manon Gropius, Tochter aus Alma Mahlers zweiter Ehe, wurde es zu Bergs eigenem Requiem. Der Komponist verstarb kurz nach der Vollendung an einer Blutvergiftung.

Zusammen mit der deutschen Violinistin Arabella Steinbacher gelang dem Sinfonieorchester St. Gallen eine mehr als gültige Aufführung des komplexen Konzerts. Steinbacher spielte sich souverän durch alle vier Sätze. Mit warmem Ton im Andante, stupend in den Kontrasten von Rubato und molto ritmico des Allegros. Das von Beginn an fliessende Zusammenspiel von Solistin und Dirigent verzauberte mit der Klangmagie der Komposition. Mit dem Adagioschluss über den Bach’schen Sterbechoral «Es ist genug» wurden ergriffene Zuhörer in die Pause entlassen.

Mahlers Urfassung

Den zweiten, längeren Teil des Allerheiligen-Konzertes mit Richard Wagners Vorspiel und Liebestod aus Tristan und Isolde zu beginnen, konnte man als «Hörweg» empfinden. Jene berühmten Akkorde, die zur Auflösung der tradierten Harmonielehre führten, als Rückverweis zu Bergs Violinkonzert mit seinen raffinierten Mischungen von Zwölftönigkeit und Tonalität, als Brücke zu Mahler mit seiner Auslotung der Grenzen der Tonalität.

Schon während der Arbeit an seiner ersten Sinfonie arbeitete Gustav Mahler an seiner sinfonischen Dichtung für grosses Orchester Totenfeier (1988). Später wurde diese zum Kopfsatz seiner zweiten Sinfonie. Dirigent Yoel Gamzou, ausgewiesener Mahler-Spezialist (liegt doch seine Vervollständigung von Mahlers zehnter Sinfonie seit 2010 in gedruckter Form vor), entschied sich für die Urfassung. Hinsichtlich Besetzung, Instrumentation und Dynamik ist die vorliegende Partitur unmodifiziert.

Von Beginn weg wirkte das Dirigat von Yoel Gamzou extrem strikt. Das schnelle Tempo entromantisierte den grossartigen Trauermarsch in c-moll. An dieser Stelle ist es schwierig zu beantworten, inwiefern das der Partitur oder dem Dirigat zuzuschreiben ist. Man hätte sich als Zuhörer jedenfalls manchmal mehr Zeit gewünscht. Im Gesamtklang wirkte dieser Mahler sehr hell, oft bis ins Grelle gesteigert und liess eine Einfärbung durch die dunkle Seite der Harmonik vermissen. Doch ist das wohl auch eine Geschmackssache.

Am Ende gab es frenetischen Applaus der zahlreichen Zuhörerschaft und den ausdrücklichen Dank des Dirigent bei den Blech- und Holzbläsern, dem Schlagwerk und den Streichern für ihre Leistung.

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