, 15. August 2018
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Küstenfieber über dem See

Wenn australische Gitarren über voralpine Hügel surfen, eine Kuh vegan und die Stimmung sternschnuppig ist: Dann ist Sur le Lac. Ein Rückblick auf den Festival-Freitag auf der Eggersrieter Höhe.

19.00 Uhr bei der Post Eggersriet. Ungefähr 30 Leute sitzen und stehen in Kleingruppen herum und warten auf einen Shuttlebus oder Freunde. Ein Bus kommt, nimmt eine Handvoll mit und die meisten anderen sich selbst, weil sich verbreitet, dass der Weg nach oben so lang und steil gar nicht ist sondern schön, vor allem in der Stunde des Streiflichts zwischen sanften Hängen.

Ein stabiler Fixstern

Oben angekommen ist es 19.30 Uhr, und All Ship Shape spielen pünklich an. Sie sind die Eröffnungsband der 11. Ausgabe des Sur le Lac. Die Stimmung ist ruhig bis verhalten, vor der Bühne ein einziger Tanzender in einem leeren Halbkreis der schüchternen Zurückhaltung. Das scheint die Band allerdings nicht zu stören. Die fünf (weit- und näheren) Exil-Ostschweizer spielen rhythmusstarken Post-Wave-Shoegaze. Eine treffsichere Gratwanderung zwischen energetisch und verträumt, intro- und extrovertiert. Das passt gut in die allgemeine Stimmung des Ankommens und der Vorfreude.

Überhaupt passt alles gut zusammen an diesem Fest: Deko, Grafik, Stände, Standort, Publikum und Programmation. Ein stabil gehängter Fixstern des anspruchsvollen Kulturpublikums und Ostschweizer Spätsommers. Schwalben fliegen über den Baumkronen und irgendwo vom sicheren Waldrand aus beobachten uns die Tiere aus dem Unterholz.

Die Atmosphäre ist familiär und vertraut, und selbst wenn auf den ersten Blick nicht offensichtlich, entsteht schnell die Ahnung, mit mindestens jemandem hier mal zur Schule gegangen oder entfernt verwandt zu sein.

Das Sur le Lac wird jährlich vom gleichnamigen non-profit agierenden Verein veranstaltet. Es dauert von Freitag bis Samstag ohne Übernachtungsmöglichkeit, dafür mit durchgetakteten Shuttlebussen. Die Programmprämisse seit Beginn lautet, möglichst verschiedenen und jeweils auf ihrem Gebiet innovativen, progressiven und/oder schlicht spannenden Künstlern eine Plattform zu bieten. Das, zusammen mit dem nie an Faszination verlierenden Seeblick und der sorgfältigen Areal- und Mediengestaltung, liessen das Sur le Lac zu einem beliebten und stets gut besuchten Mini-Festival heranwachsen.

Gitarrenfeuer im Brandverbotsgelände

Zurück zum Gelände. Bis zum nächsten Konzert bleibt kurz Zeit, sich dem Essensangebot zu widmen. Auf Empfehlungsfragen wird mehrheitlich das Risotto genannt, aber auch Gemüsecurry, Wurstklassiker und eine ganze Kuh in skizzierten Einzelteilen, die Paula heisst und von weitem zynisch als «quasi vegan» angepriesen wird: eine zeitgeistige Kombination aus währschaft und chic.

Dann eröffnen die Freitagsheadliner Rolling Blackouts Coastal Fever (Rollende Stromausfälle Küstenfieber) aus Melbourne ihr Set. Eine Welle der Euphorie schwappt über die mittlerweile dichte Menge vor der Bühne. Da sind sie endlich, die, deren erstes Album von so vielen Seiten lang gehört, gelobt und besprochen wurde, die von so weit weg hier hoch kamen, um Eggersriet mit australischem Küstenwind zu kontaminieren. Die drei Sänger und Gitarristen halten sich nicht lang mit Introreden jenseits von «Hey, we’re Rolling Blackouts Coastal Fever, thanks for having us» auf, sondern feuern ihr komplettes Debut Hope Downs Stück für Stück ins Brandverbotsgelände. Es ist melodisch-straighte Gitarrenmusik zwischen Surfbrett und leerem Swimmingpool und trotz ihrer treibenden Unsperrigkeit kein bisschen fad. Leichte Riffs treffen auf melancholische Schwaden, und Zeilen wie das im zweitgespielten Lied immer wieder auf der Refrain-Schaumkrone aufschwappende «You’re not talking straight» brennen sich ins Hirn. Nach dem letzten Ton denkt niemand daran, freiwillig wieder vom Euphorieflash runterzukommen, und der Wunsch nach einer Zugabe wird – wenn auch nur knapp – gnädig gestillt.

Nach dem Konzert antwortet Sänger und Texter Joe White auf die Frage, was er privat am liebsten hört, ohne lange nachzudenken: Sleaford Mods. Das leuchtet, wenn auch nicht mit dem eigenen Sound linear verglichen(was sowieso Unsinn wäre), so doch in vielen Kurven global-aktueller und ästhetisch-politischer Sympathieverwebungen durchaus ein.

Thymiantee zur Synthesizer-Bergpredigt

Während des nächsten Bühnenumbaus gibt es wieder Zeit für Kulinarik. Es wird langsam ausserordentlich kalt für einen Hochtemperatursommer, aber genau dafür gibt es ein Tee-Tipi. Hier können verschiedene ausgewählte Kräuter und Schnäpse kombiniert werden. (Empfehlung: Thymiantee mit Rum)

Bei final erreichter Dunkelheit betreten Klangstof aus Amsterdam die Bühne. Epik und Dramatik auf einem Teppich zwiespältiger Affekte, aber wie alles Geschmackssache. Im DJ-Zelt gibt es zwischendurch abwechselnd Stahlberger und Slowdive. Alles ist tanzbar, wenn man es forciert, Platz hat es genug und die Unterlage sind dankbar weiche Holzschnipsel.

Als letzte Band des Abends spielt das Berner Elektropop-Trio Monumental Men. Mit schwarzen Kapuzenumhängen und Hochpräzisionslichteinsatz wirkt ihre Show wie eine dystopische Synthesizer-Bergpredigt für eine Sekte, deren Inhalte noch nicht feststehen, aber viel mit der heranrückenden Leermondnacht und den grosszügig verstreuten Sternschnuppen zu tun haben könnten.

Trotz dieser hohen Sphärendichte bleibt die Stimmung konstant friedlich und ungefährlich. Zusammengerücktes Lichter-Anschauen und ein abschliessendes Mal der Blick auf den flachen schwarzen See. Kurz vor 02:00 werden die letzten Busabfahrtszeiten ausgerufen und grüppchenweise verlassen die Gäste das Feld. Wie eine Leitplanke der Schwarmintelligenz sichern dutzende iPhone-Taschenlampen im Schrittversatz den steilen Abstieg ins Dorf.

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