Ein grosser Sitzungstisch, dunkles Täfer und enge Fenster machen den Raum aus, in dem wir Ende September Maura Kressig und Sirkka Ammann vom Projektteam des Vereins «Rathaus für Kultur» treffen. Irgendwo surrt eine Kaffeemaschine, Computer stehen herum. Auch durch dieses Zimmer soll in Zukunft ein frischer Wind wehen; ab März 2019 wird im Rathaus des Toggenburger Städtchens Lichtensteig Kultur statt Politik gemacht. Der Verein hat sich dabei Grosses vorgenommen: Die Region soll mitten in der historischen Altstadt ein umfassendes Kulturzentrum erhalten.
Das denkmalgeschützte Rathaus in Lichtensteig soll zum Kulturzentrum werden.
Dass die jungen Kulturschaffenden überhaupt die Möglichkeit haben, die Räumlichkeiten des Rathauses zu nutzen, ist den Stimmbürgern Lichtensteigs zu verdanken. Der Gemeinderat hatte prüfen lassen, wie eine Totalsanierung des ehrwürdigen Gebäudes aussehen müsste – und vor allem auch, was sie kosten würde. Am Ende machte er den Vorschlag, das Geld statt in eine aufwendige Erneuerung in ein bereits saniertes Gebäude zu stecken und die Gemeindeverwaltung zu verlegen. Am 12. Februar 2017 stimmten die Lichtensteigerinnen und Lichtensteiger dem Vorschlag zu. Damit stand auch die Frage nach einer geeigneten Umnutzung des Rathauses im Raum.
Kulturvernetzung und Raum für Begegnungen
Schon zuvor hatten die Macher der Wanderausstellung «Arthur Junior» erste Ideen für ein Toggenburger Kulturzentrum angedacht. Sie hatten den Eindruck, dass feste Ateliers und Ausstellungsräume die Kollaboration unter den Künstlern fördern könnten. So entstand der Verein «Dogo Residenz für Neue Kunst», erklärt Sirkka Ammann.
Maura Kressig (links) und Sirkka Ammann.
Das Rathaus Lichtensteig sei ihnen schon bald als «megaguter Ort» für die Umsetzung der Idee aufgefallen, fährt sie fort. Sie hätten aber auch schnell gemerkt, dass es eigentlich zu gross nur für Dogo sei. Also gründeten die Kulturschaffenden den Dachverein Rathaus für Kultur, dem Dogo angegliedert ist.
Bis zum 21. Oktober können sich junge Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland in einem Open-Call für einen Atelieraufenthalt bewerben.
«Wir wollen das Rathaus mit Leben füllen, nicht nur mit Jungkünstlern», lacht Ammann. Ob temporäre Ausstellung oder Lesung, Konzert oder Veranstaltung, etablierte Künstlerin oder Autodidakt – die unterschiedlichsten Menschen sollen animiert werden, sich kulturell einzubringen, ergänzt Maura Kressig. «Es geht nicht nur um bildende Kunst oder Musik. Es geht um die gesamte Bandbreite.» Der Wunsch, nicht abgeschottet in einer eigenen kleinen Kulturwelt zu wirken, zeigt sich bei einem Teilprojekt besonders deutlich: Dogo baut mit Schulen Vermittlungsangebote sowie eine Kinderkunstschule auf.
Crowdfunding für Geld, Material und vor allem Zeit
Das Konzept des Vereins setzte sich beim Gemeinderat gegen andere Vorschläge durch, passte es doch perfekt zur «Strategie 2025» Lichtensteigs. Kulturvermittlung ist darin als eines der Standbeine für die Stadtentwicklung vorgesehen. Über die letzten Jahre hat sich das Städtchen bereits mit Locations wie der BeAchtbar, Behind the Bush oder dem kulturellen Pionier, dem Chössieater, im kulturellen Leben der Region etabliert. Die Umnutzung des Rathauses ist nur ein konsequenter weiterer Schritt. «Wir haben kein Geld, aber Raum, um Dinge zu ermöglichen», brachte Stadtpräsident Mathias Müller im Mai 2018 die Lichtensteiger Situation auf den Punkt.
Hier gehts zu Crowdfunding-Kampagne.
dogoresidenz.ch rathausfuerkultur.ch
Auch für das Kulturrathaus ist Geld ein Thema. Die Sponsorensuche hat Ammann, Kressig und das gesamte Team die letzten Monate beschäftigt, nun folgt ein Crowdfunding. Der Verein hat den Sommer über mit der «Rathausstube» ein Openair-Lokal auf dem Lichtensteiger Bankplatz geführt; zum Saisonabschluss stellte er am 14. September die Crowdfunding-Kampagne vor. Bis Ende Oktober sollen 33’333 Franken zusammenkommen.
Neben Geld können Interessierte auch Gegenstände für die Ausstattung stiften, besonders aber Zeit schenken – der Verein sei auf engagierte Freiwillige angewiesen, betonen Sirkka Ammann und Maura Kressig. Die Anpassung der Infrastruktur sei das eine. Aber für die Verwandlung des Rathauses in einen Ort, an dem man sich au alten möchte, brauche es vor allem Menschen. Egal, ob sie aus dem Kulturbereich stammen oder nicht.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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