, 23. Juni 2022
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Kultur und Natur, bunt gemischt

Gibt es ihn, den «Bodenseeraum»? Und wie funktioniert er? Aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums der IBK publiziert Saiten, in Kooperation mit anderen Magazinen um den See, eine Reihe von «Gebrauchsanweisungen» für die unterschiedlichen Regionen. Hier der Beitrag über den Thurgau. Von Judith Schuck

Äpfel, Äpfel, überall Äpfel! Das Image des Kantons Thurgau als Apfel-Kanton wird von den einen gehegt, andere wollen es bekämpfen. Landwirtschaft und Tourismusbranche hypen das rotbackige Kernobst, FDP-Nationalrat Hermann Hess hängt es zum Halse raus. Er will mehr Technologie statt Landwirtschaft. Gerade erst richtete der Kanton einen Fonds für Innovation und Fortschritt ein, damit der Thurgau im Vergleich mit den Nachbarkantonen den Anschluss nicht verliert.

Die SVP liegt bei Wahlen mit grossem Abstand vor den anderen Parteien, doch lässt es sich im Thurgau dennoch aushalten: Es gibt einen kleinen, aktiven Widerstand in Landwirtschaft, Politik und Kulturszene.

Nicht nur Obst, auch Wein gedeiht in Mostindien; berühmt ist der Müller-Thurgau, der 1882 von Hermann Müller aus Tägerwilen gezüchtet wurde, eine Kreuzung aus Riesling und Sylvaner. Wer gerne wandert, kann in Weinfelden die Rebberge hochstechen und auf dem Weinweg am Ottenberg mehr über den Anbau und die Güter erfahren. Ob Hermann Hess das nun passt oder nicht, momentan ist der Thurgau eben noch ein ländlich geprägter Kanton, dafür wird zunehmend an innovativer Landwirtschaft geforscht.

Denn der Klimawandel bringt viele neue Herausforderungen mit sich. Wen das Thema interessiert, findet am Berufs- und Bildungzentrum Arenenberg, wo unübersehbar noch das Napoleon-Schloss thront, oder beim Versuchsbetrieb für Obstanbau in Güttingen spannende Infos zum Thema Umgang mit Hitze, Trockenheit und neuen Schädlingen. Es könnte durchaus sein, dass die Aprikose dem Apfel irgendwann Konkurrenz macht in den Plantagen am Obersee.

Wer sich durch den Thurgau bewegt, sollte sich der Dezentralität und des Konservatismus bewusst sein. Zwischen der Vetterliwirtschaft finden sich aber immer wieder wertvolle Nischen, an denen spannende Dinge passieren.

Am Obersee wurde ausserdem gerade sehr erfolgreich zeitgenössische Kunst mit der Kulturgeschichte eines Obstverwertungsbetriebs verwoben: Der Tankkeller in Egnach war vom 5. März bis zum 28. Mai ein Mekka für Anhänger:innen von Kunst und Kultur. Den Keller der alten Mosterei auf dem Thurella-Areal nutzten Kunstschaffende als Gestaltungs- und Ausstellungsraum – mit Bezug zum Ort und seiner Geschichte. Schade, dass der Tankkeller nur ein temporäres Projekt war. Ungewöhlich fresh für den Thurgau.

Der Thurgau hat kein wirkliches Zentrum, was es manchmal schwierig macht. Ebenso, wie es kein grösseres Theater gibt und sich das Publikum so nach Konstanz, St. Gallen und Zürich orientiert, gibt es auch keine Universität. Dafür viel Kulturhumus – wie etwa das Kaff in Frauenfeld. Es wäre ein Beispiel für Widerständler, denn hier kommen Menschen zusammen, die Alternativ-Kultur schaffen, leider immer noch ohne festen Sitz. Geplant ist ein modularer Kulturpavillon für Veranstaltungen und als Vereinssitz der Kulturarbeit für Frauenfeld, aber es fehlen noch Gelder.

Von Frauenfeld aus fährt ein kleines Bähnli nach Wil. Es schlängelt sich durch den Hinterthurgau, wo es vor zwei Jahren Aufruhr wegen eines Schafe reissenden Wolfs gab. Sehr idyllisch, aber fast schon am Ende der Welt. Ein Tipp für Spaziergänge ist der Auenwald bei Pfyn. Er heisst nicht nur so, hier sieht es tatsächlich ein bisschen aus wie im Hobbitland. Altarme der Thur bahnen sich hier ihren Lauf durch den idyllischen Wald nahe der Römerstadt. In diesen Flusslandschaften hat neben vielen anderen Arten, die hier ihren Rückzugsort finden, der Biber sein Reich. Er arbeitet fleissig an der Landschaftsgestaltung mit – denn auch Natur macht Kultur.

Am nördlichen Zipfel befindet sich Kreuzlingen, die Schwesterstadt zum deutschen Konstanz. Es gibt viele Synergien beidseits der Grenze, ein reges Hin und Her, aber sie ist und bleibt spürbar. Andere Länder, andere Sitten und Regeln.

Der Horst Klub Kreuzlingen. (Bild: David Nägeli)

Wer sich durch den Thurgau bewegt, sollte sich der Dezentralität und des Konservatismus bewusst sein. Zwischen der Vetterliwirtschaft finden sich aber immer wieder wertvolle Nischen, an denen spannende Dinge passieren. Darunter der Horst Klub in Kreuzlingen, ein Rock´n´Roll-Mekka. Von vielen Einheimischen ungeliebt, suchen Garagenbands aus aller Welt den inzwischen recht bekannt gewordenen Klub, an dem auch die Juso-Thurgau gerne ihre Sitzungen abhalten.

Oder die Freakfarm bei Sulgen, wo mit Permakultur experimentiert wird, um mal zwei Kulturformen zu nennen. Den Namen erhielten die Autodidakten in Sachen nachhaltiger Landwirtschaft von ihren konventionell arbeitenden Nachbarn. Inzwischen gibt es bereits einen Hofladen und Lieferservice.

Judith Schuck, 1981, ist freie Journalistin und Kulturwissenschaftlerin.

Weitere «Gebrauchsanweisungen» erscheinen im Lauf des Monats auf saiten.ch. Eine Kooperation von Saiten mit seemoz Konstanz, Kulturzeitschrift Vorarlberg, thurgaukultur.ch und Akzent-Magazin Bodensee-Oberschwaben.

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