Kulturdebatte: Das tönt erstmal vernünftig – schliesslich ist ein neues Kulturkonzept in Arbeit, Ideen sind breit abgestützt eingebracht worden, jetzt steht der Entwurf, man kann ihn diskutieren.
Aber die Frage ist, was da genau debattiert werden soll. Die Forderung, das Kulturkonzept müsse ins Stadtparlament, kam erst von links mit der Stossrichtung «mehr Förderung braucht auch mehr Geld». Und danach von rechts mit einer Verunglimpfung der «Kultureliten» und konkret mit der Forderung nach Geld für das Kinder-Musicaltheater, dem ein Beitrag verweigert worden war. Aber mehr kosten dürfe das Ganze auf keinen Fall, sagt die bürgerliche Rechte.
Die Minimal-Debatte könnte also heissen: Ein paar zehntausend Franken für das Musicaltheater, für Blasorchester und Männerchöre – und den dafür nötigen Betrag nimmt man jemand anderem weg, zum Beispiel der freien Theaterszene. Das kann man tun, das Resultat wäre allerdings keine Debatte, sondern ein kleinliches Gezerre.
Die Maximal-Debatte könnte heissen: Wir wollen Schwerpunktförderung. Also: Eine halbe Million mehr für das Textilmuseum, dafür Schluss mit der Kunsthalle, dem Nextex, dem Hiltibold, dem Kunstkiosk. Oder: Das Theater schliesst die Tanzsparte und man finanziert damit ein Haus für die freie Theaterszene. Oder: Schluss mit Geld für Klassik, dafür «Leuchtturmförderung» für Rockbands. Oder…
Man kann sich solche Szenarien ausdenken, sie machen allesamt keinen Sinn, weil eine Stadt von kultureller Diversität und initiativen Kulturmacherinnen und -machern lebt. Und weil solches Konkurrenzgerangel den Tod eines urbanen Kulturklimas bedeuten würde – für die Nicht-mehr-Geförderten genauso wie für die Privilegierten.
Die Minimal-Debatte, von der Kultur auf die Stadtwerke übertragen, würde zum Beispiel heissen: Wir wollen Nickelleitungen statt Kupferleitungen. Oder: Schluss mit Blitzableitern. Eine solche Debatte verlangt aber niemand, mit gutem Grund – den Leitungsbau überlässt man den Leitungsbauern.
Die Maximal-Debatte, wiederum auf die Stadtwerke übertragen, würde heissen: Wir bauen 5G und machen dafür die Kläranlage dicht. Oder: Im Westen gibts neue Strassenbeläge, im Osten nicht. Eine solche Debatte wünscht sich ebenfalls niemand, nicht mal in Seldwyla.
Eine ernsthafte Kulturdebatte müsste nach dem Selbstverständnis der Kulturstadt St.Gallen fragen und danach, was uns diese Kulturstadt wert ist. Und sie müsste die wohlhabenden Gemeinden rund um die Stadt stärker in die Pflicht nehmen. Eine Kulturdebatte, die bloss den einen etwas wegnimmt, um es den andern zu geben, wäre peinlich. Eine Debatte, die in förderlichem und nicht kulturfeindlichem Geist geführt wird – auf die kann man sich hingegen freuen.
Dieser Beitrag erschient im Sommerheft von Saiten.
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