Das normalerweise eher unterkomplexe Gratisblatt «20 Minuten» wagt sich mit der «Debatte um kulturelle Aneignung» an einen kritischen Diskurs, bringt löblicherweise einige interessante Stimmen, erklärt aber etwas wenig. Der Shitstorm danach ist zum Kotzen. Wo die Zeitung mit ihrer journalistischen Dialektik noch ein Minimum an Tiefe ertrickst, stösst die Kommentarspalte in Untiefen vor.
Die Diskussion zeigt, wie blöd der direktdemokratische Yes-or-No-Answer-Diskurs uns schon gemacht hat: Wir können Verfassung schon längst nicht mehr von Gesetz, und Verbot nicht mehr von kritischer Auseinandersetzung unterscheiden.
Zweimal überlegen
Das zeigt sich an Folgendem: Die Zeitung bringt die Überschrift als Zitat im Imperativ. «Weisse, hört auf, Dreadlocks zu tragen» – die meisten flogen wohl direkt vom Titel in die Kommentarspalte. Die beliebtesten Reaktionen sind, wie bei «20 Minuten» nicht anders zu erwarten, empörte und hässliche. Wütende Weisse wollen sich von Schwarzen nicht verbieten lassen, etwas zu tragen. Dies sei dann nämlich – tadaa! – «umgekehrt rassistisch».
Der Vorwurf von «umgekehrtem Rassismus» ist jedoch eine zumeist rassistische Reaktion. Die Behauptung findet sich nämlich immer da, wo Weisse ihre Ethik – betreffend andere – ohne diese Anderen ausmachen wollen. Schwarze kritisieren weisse Privilegien? «Das ist doch jetzt selbst rassistisch». Weisse wurden in ihren Asi-Ferien schon mal böse angeguckt? «Xsesch! die mögen auch keine Fremden». Schwarze äussern sich gegen weissen Rassismus? «Du häsch aber doch au…»
Man müsste dabei aber zuerst die Machtfrage stellen.
Der Vorwurf von kultureller Aneignung, welche eine gewisse Traditionslinie zu kolonialistischer Enteignung aufweist, wird also ignoriert. Mit der aufforderenden Titelsetzung werden der zitierten Yvonne Apiyo Brändle-Amolo die Worte verdreht. Die äusserst wache Präsidentin der SP-MigrantInnen Zürich sagte nämlich nirgendwo, Weisse sollten keine Dreadlocks tragen d ü r f e n.
Stattdessen sagte sie: «Tragen wir Schwarzen einen Afrolook oder Dreadlocks, gilt die Frisur als ungepflegt. Sobald aber Kim Kardashian Cornrows trägt, ist es ein Riesentrend». Und ergänzt historisch: «Die Cornrows stellten Landkarten dar und dienten Sklaven als Fluchtweg aus den Plantagen». «20 Minuten» zitiert weiter eine anonyme Vice-Autorin, welche hoop earrings als Widerstandsymbol von Kolonisierten versteht und Weissen empfiehlt, sich zweimal zu überlegen, diese zu tragen.
Interessant ist, dass das als so unangebracht eingeordnet wird. Was sagt es über eine Gesellschaft, wenn die Aufforderung, zwei Mal zu überlegen, unmittelbar als Verbot gelesen wird? Nur restlos verwöhnte Rotzlöffel reagieren so: «Ich will alles, ich will es für mich, ich will es sofort und ohne Komplikationen!»
Dazu könnte man festhalten, dass wir in der Schweiz aus viel zweifelhafteren Motiven dieselben Gefühle auch kennen. Unser scheiss Käse ist markenrechtlich geschützt. Und hätte die zitierte anonyme Latina westlich-kapitalistische Absichten, wären es die Ohrringe allenfalls auch. Ihr geht es aber nicht um Markenschutz, sondern um die Ungerechtigkeit, dass westliche Modeläden sich subalterner Kulturen bedienen, diese abschöpfen und wenn man so will, geistig enteignen.
Wer profitiert zu wessen Schaden?
Ist es beispielsweise besonders cool, dass Migros inzwischen im Take-Away auch noch Döner anbietet? Döner kann man doch beim Döner holen, oder? Auf der einen Ebene ist das hochproblematisch, da ein Grossist sich auch noch in ein übervolles Döner-Marktangebot reinzwängt; und solche imperialen Gesten würde sich der Laden tatsächlich lieber sparen.
Ein anderer Effekt davon ist aber interessant: Der superschweizerische Laden normalisiert damit ein Gericht, das ehemals als exotisch galt, so wie es vor Jahrzehnten schon mit der italienischen Küche passierte. Döner wird schweizerisches Kulturgut, könnte man daraus schliessen. Zwar sind weder Kulturgut noch schweizerisch wahnsinnig gehaltvolle Begriffe, das ist viel zu idiotisch. Aber «Döner wird…» ist schon eine interessante Sache.
Nur eben: wer daran verdient, bleibt das Entscheidende. Muss man es verbieten? Nö. Den Kapitalismus zu verbieten wäre keine schlechte Idee, ein Kein-Döner-im-Migros-Artikel im Gesetzbuch wäre aber eher lächerlich. Drum kauft Döner beim Döner, vor allem bei den kleinen und netten.
Janis Joplin hat recht geilen Blues gesungen, wenn auch eine Zauberflöte mit ihr sicher interessant gewesen wäre. Problematischer ist es dagegen, dass auf der Woodstock-Bühne so viel Schwarze Kultur zelebriert wurde, so wenig schwarze Künstler*innen aber eingeladen waren, auf der Bühne zu performen. Die machoiden Performances gewisser Blues-Acts zeugten allerdings von mangelnder Sensibilität auf mehreren Ebenen.
Die Figur des «White Savior»
Niemand auf der Welt würde aufgrund kultureller Aneignung zum Beispiel die Person Eminem verbieten wollen. Wäre auch etwas doof, seine Raps sind schliesslich ganz erträglich bis okay. Die Problematik zeigt sich aber da, wo dieser neu mit Dreitagebart einen Freestyle gegen Donald Trump zum Besten gibt, wobei weder der Bart, die Rhymes noch die antirassistische Geste das Problem darstellten. Die überschwänglichen Reaktionen darauf: Von «bester politischer Text des Jahres» bis zu Snoop Dogg, der meinte, er habe schon immer gewusst, das Eminem schwarz sei.
Lawrence Burney von Vice kritisiert: «Schwarze Künstlerinnen und Künstler werden selten auf diese Art gefeiert. Wenn schwarze Kreative und Personen des öffentlichen Lebens in ihrer Arbeit unpolitisch sind, wird oft geurteilt, sie würden sich nicht für die Probleme ihrer Community interessieren – oder es geht so weit, dass sie als geldgierige, egoistische Verräter dastehen. Wenn sie sich aber kritisch äußern, gelten sie bei Konservativen und Weißen, die sich nicht um People of Color scheren, als Spalter und streitlustige Querulanten».
Burney weiter: «Aber nur weil sich jemand wie ein anständiger Mensch benimmt, sollten wir ihn nicht endlos abfeiern, uns überschwänglich bedanken und ihn zum Schwarzen erklären – auch wenn wir es eben nicht gewöhnt sind, dass jemand anständig zu uns ist. Im heutigen Kampf gegen rassistische Ungerechtigkeit in den USA brauchen wir so viele Stimmen wie möglich von Unterstützern aus allen Bevölkerungsgruppen. Aber wir brauchen definitiv keinen White Savior».
Der Spiegel lügt selten
Wir Weissen sind in diesem Diskurs tatsächlich sehr gefragt, nur für einmal nicht um unsere heilige bürgerliche Meinung. Haben wir jahrhundertelang die Welt erklärt und kolonisiert, geht es bei der Kritik von kultureller Aneignung wenn schon darum, den Enteigneten zuzuhören, ihre Vorschläge und Interventionen als legitime demokratische Forderungen anzunehmen.
Handelt ein Diskurs von Rassismus oder eben von der Aneignung lateinamerikanischer oder Schwarzer Kultur, hat die privilegierte Majorität erstmal stillzuschweigen. Minoritäten inkludiert man nicht, in dem man wie besoffen zu schreien beginnt, sobald diese uns einen Spiegel vor Augen halten. Auch wenn wir dieses Bild von uns nicht sehen wollen, der Spiegel lügt selten. Subalterne Positionen, die im Politischen und in den Medien so häufig gar keine Stimmen haben, sollen auch mal ein Thema diskutieren dürfen, das der Mehrheit nahe geht, ihr unangenehm ist und ihr unverständlich erscheint.
Vielleicht sollten wir, angelehnt an gewisse Umfrage-Tools von einschlägigen Online-Medien, andere Fragen zu stellen beginnen. Idealerweise würde eine Initiative lanciert, welche das Stimmvolch nach seinen Ängsten und Empfindungen abfragen würde: «Finden Sie, dass in der Schweizerischen Eidgenossenschaft Rassismus ein Problem ist: Ja/Nein? Sind Sie der hehren Meinung, dass die Debatte um Kulturelle Aneignung berechtigt und unbedingt bedenkenswert ist: Ja/Nein/rassistische Frage?»
So hätten wir denn, wenn nicht grad die Neoanständigen von der Operation Liberalismo die Kiste drehen würden, mit etwas über 50 Prozent endlich einen Verfassungsartikel, der die bodenlose Absurdität der Sache festhalten würde: Unsere Bratwurstbürger*innenschaft findet keinesfalls, dass Rassismus hierzulande ein Problem ist. Sie ist aber der hehren Meinung, die Frage nach Kultureller Aneignung sei rassistisch gestellt.
Zusammengefasst: Es wäre manifest, dass die dominante Majorität auf die Minoritäten scheisst und damit das Wesen der Demokratie, die ihr eigenes Wohlbefinden ermöglicht, qua Falschverstehen untergräbt.
Wurzelgeflechte, Anarchie und Nomadentum
Die andere Frage ist die nach dem Essentialismus. Wird auf diese Weise zum Beispiel Schwarze Kultur als vermeintliche Einheit konstruiert und somit identitär gehandhabt? Vielleicht. Ob das die richtigste aller möglichen Strategien ist? Bestimmt nicht. Muss meine Meinung das entscheiden? No fucking way.
Die WOZ, die diese Debatte schon vor einem Jahr thematisierte, löst das eigentlich sehr schön. Annette Hug argumentiert mit dem karibischen Poeten und Philosophen Édouard Glissant und wirft damit ein anderes Licht auf die Debatte. In seinem Essay Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit (Pflichtlektüre!) entwirft dieser Begriffe wie die All-Welt (Tout-Monde), die Chaos-Welt, die mondialité und die Kreolisierung – poetische Griffe, die mit Deleuze und Guattari auf Wurzelgeflechte hindeuten, statt in westlicher Manier auf den Ausschluss des Nicht-Eindeutigen. In einer kulturalistischen Welt so vieler Kämpfe ist diese poetische Philosophie wahrhaft eine Wohltat.
«20 Minuten» schafft es immerhin, den sicherlich starken Text des Wiener Soziologen Jens Kastner zu zitieren, der eine anti-essentialistische Position gegenüber gewissen Strömungen dieser Debatte einnimmt. Seine Haltung ist eine eher anarchische, schliesslich mag der zapatistische Comandante Brus Li vielleicht auch Sushi; und Hipsters sind zumeist keine Ajatollahs weil: «Viele solcher kultureller Zeichen sind mehrfach kodiert und ausschließlich in ihrem Kontext zu entschlüsseln».
So erfrischend Kastners Intervention sein mag: er kommentiert damit problematische Seiten zum Beispiel der critical whiteness und bestreitet sicherlich nicht das Faktum postkolonialer Enteignung per se. So sehr Annette Hug auf eindringliche Weise zum Denken anregt und einräumt, dass der «ungerechte wirtschaftliche Kontext» sich kaum durch Poesie auflöst – die unglaubliche Kraft von Glissants nomadischer Philosophie ist allerdings unbestritten – ist die Synthese in beiden Fällen vorschnell.
In diesem Konflikt können Poesie und anarchische Haltung keineswegs als kathartische Ausflucht dienen. Sie könnte darin zur Geltung kommen, was der Black-Panther George Jackson in einem seiner letzten Gefängnisbriefe vor seiner Ermordung proklamierte: man soll fliehen, aber um dabei Waffe und Deckung zu suchen.
Die Verhandlung darüber, wie weit dieser Diskurs führen, wie provokativ er sein muss, und welche Forderungen daraus erwachsen sollen, wird hoffentlich für einmal nicht von weissen Menschen im sogenannten Westen entschieden werden. Zweimal überlegen, was man wem abnimmt, sich aneignet und was man lautstark niederschreit, hilft trotzdem immer.
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