Das Redepult trägt er gleich selber weg, als die Bühne für die Performance frei sein muss. Felix Lehner nimmt die Dinge in die Hand. Gelernt hat er es als Kind – mitten in seiner Rede, es ist einer der berührenden Momente, dankt er den beiden sizilianischen Maurern Salvatore und Venturini, die in den 70er-Jahren einen Anbau am Elternhaus an der St.Galler Lessingstrasse gebaut und dem kleinen Felix das Wesentliche beigebracht haben: «Sie gingen mit Hingabe an ihre Arbeit heran.»
Felix Lehner (Bilder: Katalin Deér)
Hingabe, Begeisterung, Leidenschaft für die Sache: Das sind Lobworte, die an dem Abend immer wieder fallen. Von Stadtpräsident Thomas Scheitlin, der die herausragende Leistung Lehners für die Kulturstadt St.Gallen hervorhebt. Und von Kunsthistorikerin Jacqueline Burckhardt, die Lehners Lebens- und Arbeitsweg anekdotenreich nachzeichnet und die «Geschmeidigkeit» bewundert, mit der er die Gelegenheiten beim Schopf packte, die sich ihm für seinen Berufsweg immer im richtigen Moment boten.
Lernen auf dem Schrottplatz
Dass Lehner der Erfolg nicht einfach zuflog, sagt Laudatorin Burckhardt aber auch. Legastheniker und schlechter Schüler, unter dem Druck eines fordernden Lehrervaters: Seine «praktische Intelligenz» habe Felix anderswo erworben und erprobt – auf Schrottplätzen, Baustellen oder im «Gartenzimmer», wo die Lehnerkinder mit Materialien aller Art, vom Velosolex bis zu Fröschen, experimentieren konnten.
Dort habe er entdeckt, wie die Dinge funktionieren. Dass er alles reparieren konnte, habe ihm trotz mangelhaften Noten Respekt verschafft, sagt Lehner. Jedenfalls bei den Mitschülern – aber nicht bei seiner Lehrerin, die eine ganze Schulzeit lang nicht die Gnade hatte, ihm eins der ominösen Klebebildchen in seine chaotischen Hefte zu kleben. Eines Tages habe er beim Nachsitzen drum einen ganzen Bildchenstapel geklaut – und so sein verletztes Selbstwertgefühl repariert und seine «innere Würde und Integrität» eigenhändig wiederhergestellt.
Ähnlich kriminelle Energie entwickelte der Primarschüler Felix beim Fälschen von Fünflibern, wie er zum Amüsement des Publikums gesteht. Das Mittel dafür war fantastischerweise Agar-Agar – das Ergebnis sei finanziell zwar bescheiden gewesen, aber eine unbezahlbare Erfahrung im Umgang mit Material und Verwandlungsprozessen. Der spätere Berufsweg zur Kunstgiesserei und zum Aufbau des Sitterwerks mit Bibliothek und Materialarchiv scheint in solchen Kindheitserfahrungen vorgezeichnet.
Neugierig und furchtlos
Die Reden machen klar, was die entscheidenden Prägungen für Lehner waren. Dazu gehört die Erfahrung: Wer etwas verstehen will, muss es selber in die Hände nehmen. Dazu gehörte der Widerstand gegen gesellschaftliche Normen und die Intuition für den eigenen Weg. Dazu gehört die Einsicht: Wer sich verausgabt, bekommt Energie zurück. Und schliesslich: Dafür braucht es Neugierde, Lust am Wandel und an neuem Wissen. Und Furchtlosigkeit.
Lehners Dank gilt vielen «Heldinnen und Helden», die ihn auf dem Weg begleitet haben: Lehrer Alois Hengartner, dem Antiquariat Lüchinger, wo er auf seine ersten Bücher zur Kunstgiesserei stiess, den frühen Weggefährten beim Aufbau der ersten Giesserei in Beinwil, Architekt Hans Jürg Schmid, dem Besitzer des Sitterareals, seiner Familie, dem Künstler Hans Josephsohn, der die wohl prägendste Person seines Berufswegs wurde. Und allen voran dem ganzen Team im Sitterwerk, das er in seinen Preis ausdrücklich mit einschliesst und wohin das Geld, 30’000 Franken, fliessen wird.
Worum es im Sitterwerk geht, bringt Lehner auf die einfache Formel: Materialien und Gedanken. Und um Geduld und Demut und Risikofreude. «Dass aus Material Kunst entstehen kann, das ist für mich immer wieder ein grosses Wunder», sagt der Kulturpreisträger. Das Gruppenbild der Belegschaft bleibt während seiner ganzen Rede an die Rückwand projiziert. Zum Team im Sittertal gehört auch die Künstlerin Asi Föcker, die zusammen mit Raoul Doré die Reden mit performativen Licht- und Klangexperimenten umrahmt.
Die Stiftung Sitterwerk, sagt Lehner, habe zwar inzwischen ein internationales Renommee, aber deswegen noch keine komfortable finanzielle Situation. «Es braucht viel Geld» – und die eigene Geldproduktion habe er eben schon in der Primarschule eingestellt.
Von den Querelen um den Kulturpreis ist an diesem Abend nicht die Rede.
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