, 4. Mai 2013
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Kunst am Regenrohr

Die Fachstelle für letztinstanzliche Baubewilligungen in St.Gyllen macht wieder einmal von sich hören. In ihrem Pressekommuniqué vom 3. Mai ’13 erklärt sie das zufällige Auftauchen von Aufklebern in der Stadt St.Gallen.

«Da die Stadt St.Gyllen einer bevölkerungsnahen Informationspolitik verpflichtet ist, sind Aufkleber offizielles Publikationsorgan. Gratis abgegeben an Interessierte, sind sie Teil einer kostengünstigen Kommunikationsstrategie, welche die Partizipation und die Interaktionsdichte in hohem Masse fördert».

Nun – wo ist die Stadt St.Gyllen und was ist die Fachstelle für letztinstanzliche Baubewilligungen? Hier eine These: Die erste historische Erwähnung findet sich im Jahr 2007, als das Bahnhofsquartier noch vollständiger war. Dr. Dr. Andrea Wespi lud ein zum Einreichen von Baugesuchen eines zukunftgerichteten Diskurses über die Baukultur in Stadt und Region. Eingegangen sind Projekte wie die Abtragung von Rotmonten für Bodenseeblick in der Stadt, Gondolierebetrieb an der Wildeggstrasse oder Sprengung des gelbgrauen Geschäftshauses neben der Leonhardbrücke zwecks “Eliminierung subjektiv hässlicher Bauten”.

Vom Tagblatt als “politische Aktion” bezeichnet, ist die künstlerische Eigenschaft der Fachstelle doch unschwer zu erkennen, was der politischen Aussage keinen Abspruch tut. Marcel Duchamp hilft bei der Darstellung dieser Erkenntnis: Er erklärt die gängige Kunst in ihrer Funktion, Sichtbares wiederzugeben, als Projektion dreidimensionaler Gegenständlichkeiten auf ein zweidimensionales Endprodukt. Warum also sollte unsere dreidimensionale Welt nicht eine ebensolche Projektion einer weiteren, für unsere Augen nicht sichtbaren Dimension sein? Aufgabe des avantgardistischen Künstlers müsste also sein, auch solche Dimensionen zu berücksichtigen und darzustellen.

Heute ist dies keine besonders exotische Auffassung mehr. Daher kann man getrost davon ausgehen, dass St.Gyllen existiert und bisher vorallem durch Publikationen der Fachstelle sichtbar gemacht wurde. Dass dieser dimensionsübergreifende Austausch notwendig ist, beweisen unter anderem zum Beispiel Kommunikationsstrategien auf der Schnittfläche von Politik und Baubranche. Trotz erfreulicheren Tönen seitens der Regierung (Positionen zu Kugl & Denkmalschutz) bleibt viel Empörendes. Zum Beispiel setzt sich Frau Adam auch weiterhin für eine geistige Tiefgarage Unionplus ein, mit der wenig zufriedenstellenden Begründung, das hätten die St.Galler ja gewusst, als sie in den Stadtrat gewählt wurde. Soviel Interpretationsspielraum liess das Marktplatz-Nein bzw. Analyse desselben aber nicht übrig…

Die Projekteingaben 2007 wurden übrigens allesamt bewilligt und Einprachen waren nicht möglich, weil “Die Fachstelle bereits entschieden hat”. Sowas ist in St.Gallen noch nie vorgekommen…

Publikationen der Fachstelle sind dokumentiert unter www.stadtsg.ch.vu

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