, 23. Oktober 2018
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Kunst, die den Rahmen sprengt


Wenn es die Bezeichnung Gesamtkunstwerker gäbe, wäre er der Inbegriff: der Maler und Architekt Johannes Hugentobler. 1955 gestorben, erinnert das Museum Appenzell jetzt an ihn. von Sibylle Zambon

Bildausschnitt: Blumenstrauss, 1954 (Bilder: Museum Appenzell)

Es ist nichts weniger als eine Entdeckung, die man derzeit in Appenzell machen kann. Denn der 1955 verstorbene Johannes Hugentobler war für über 60 Jahre mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Dies, obwohl seine Kunstfertigkeit für jeden sichtbar in der Appenzeller Hauptgasse prangt. Dort hatte Hugentobler 1931 die Löwendrogerie, das Geschäft seines Schwiegervaters, mit Heilpflanzen bemalt. Diese hoben sich so vorteilhaft vom Grau der übrigen Häuserzeile ab, dass weitere Aufträge folgten. Es war der Grundstein zu einer Tradition, die bis heute gepflegt wird.

Dennoch wissen die wenigsten, wer der Mann war, dem Appenzell seine Touristenattraktion verdankt. «Eine Ausstellung über Johannes Hugentobler war überfällig», sagt Martina Obrecht, die mitverantwortliche Kuratorin.

Anlass dazu gab der Nachlass des Künstlers, der 2016 an das Museum überging. Gezeigt werden rund 55 Tafelbilder, die mehrheitlich in den 1920er- und 1950er-Jahren entstanden sind. Es sind formal reduzierte Landschaften von teilweise naivem Duktus und grosser farblicher Intensität. Die Nähe zu den Malern des Expressionismus ist spürbar, etwa im Bild Bäume am Abend, das zwei rote Bäume auf grüner Wiese und rotem Himmel zeigt.

Bäume am Abend, Tempera auf Holz

Oft geradezu frappant sind die Bezüge zu seinem Malerfreund Ferdinand Gehr. Blumenbilder und sakrale Werke bilden denn auch einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung. In diesen Motiven verbindet Hugentobler intensive Farbkraft mit sparsam gesetzten weissen Konturen von Blumen oder Engeln. Gerade in dieser Verknüpfung von satter Farbe und Transparenz zeigt sich Hugentoblers unverwechselbarer Stil.

Scheitern an der Auferstehung

1897 in Staad am Bodensee geboren, wächst Hugentobler in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach der Mittelschulzeit in St.Gallen,
wo seine Liebe für Literatur und Kunst geweckt wird, steht sein Entschluss fest: Er will Künstler werden. Er besucht die Kunstgewerbeschule ebenda und lässt sich zum Lithographen ausbilden. Es folgen Studienreisen nach Italien, Griechenland, Litauen und später nach Paris.

Johannes Hugentobler 1945

Im Alter von 26 Jahren erhält Hugentobler den ersten öffentlichen Auftrag. Er schmückt den Turm der Appenzeller Pfarreikirche mit einem Bildnis des Heiligen Mauritius. Hugentobler malt eine elf Meter hohe Figur in römischer Soldatentracht. Das ist gleichsam eine Ansage. Denn es ist die sakrale Kunst, die ihn sein Leben lang zutiefst beschäftigen wird.

Doch vorerst scheitert der junge Künstler an einer Auferstehungsszene, die er 1923 für die Pfarrkirche in Mels malt. Sie ist den Kirchgängern zu modern. Für den Maler selbst aber ist das Bild eine Offenbarung. In einem Brief an seine zukünftige Frau Zilla Dobler schreibt er: «Ich finde mich zum ersten Mal selber.»

1930 gelingt der Durchbruch

Es kommen Jahre der Entbehrung, in denen sich der Künstler mit Tafelbildern und mit Aufträgen aus dem Freundes- und Gönnerkreis über Wasser hält. Das ändert sich 1930, als Hugentobler für die Klosterkirche in Jakobsbad einen Kreuzweg gestalten kann. Nun gelingt der Durchbruch. Als Architekt, Maler und – wenn man so will – Designer baut und renoviert er Kapellen und Kirchen. Es entstehen Gesamtkunstwerke, die von seiner Fähigkeit zeugen, Räume von atmosphärischer Tiefe zu schaffen.

Frühlingslandschaft, 1953

Johannes Hugentobler:
bis 17. Februar, Museum Appenzell
museum.ai.ch

Zu sehen sind in der Ausstellung deshalb auch Skizzen, Pläne und Entwürfe, die Hugentoblers Tätigkeit als Architekt und Designer dokumentieren. Vom grossen Ganzen bis zum Detail eines Eisentürbeschlags, vom Altarbild bis zur elektrischen Beleuchtung trägt alles seine Handschrift. «Es war uns wichtig, diese Seite Hugentoblers zu zeigen, da sie für sein Werk zentral ist», sagt Martina Obrecht. Das Material schlägt zudem den Bogen zum Begleitprogramm der Ausstellung: Exkursionen führen zu Kapellen in der Umgebung und in die Gassen vor Ort.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

Blumenstrauss, 1954

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