«Lachen für alle» steht auf Transparenten vor dem Haus. Für die meisten Kunstschaffenden gab es aber nichts zu lachen: Gerade mal 12 Künstler:innen haben im einstigen Ladenlokal Platz gefunden. Es ist der bisher kleinste «Geile Block», Leila Bocks Zwischennutzungs-Format, das bereits in Fabrikhallen in Trogen, St.Gallen und Arbon oder in dem Abriss geweihten Wohnhäusern stattgefunden hat.
Rätselhafte Mitgift
Dass hier bis vor kurzer Zeit Hochzeitskleider verkauft wurden, daran erinnert am Haus noch knapp der Schriftzug: «Brautmode Jacqueline». Jetzt lädt Leila Bock aka Anita Zimmermann für drei Wochenenden zur «Giraffenhochzeit» ein. Tierischerseits wurde an der Eröffnung dann aber nur der kunstsinnige Hund der Initiantin gesichtet, von Giraffen keine Spur.
Unter den zwölf Auserwählten kommen die Gemälde von Heike Müller dem Hochzeitsthema wohl am nächsten: Paare, Arm in Arm oder auf der Schaukel, glücklich oder nur scheinbar, daneben Einzelporträts.
Susanne Albrecht legt, in einem Zimmerwinkel davor, Fotos von Flitterwochen in einem südlichen Land aus, als verblichene, nur noch vage Erinnerungen. Birgit Widmer bestickt eine Art Leintuch, vielleicht als Mitgift, mit freien, der Fantasie viel Raum lassenden Stichen und mit dem Rätsel-Schriftzug «es hat ein Loch im Wald».
Birgit Widmers verspiegelte Stickerei.
Die meisten Kunstschaffenden haben dagegen mit Hochzeiten nichts am Hut. Eine «hohe Zeit» sei es für ihn höchstens, lacht Stefan Rohner, dass er hier seine neue Langzeitarbeit zum ersten Mal zeigen könne: eine Erkundung von Kraftorten. Zwei Fotos einer solchen Stelle ob Urnäsch umrahmen zwei steingraue Skulpturen aus Pappmaché, eine Kugel und einen Ring.
Stefan Rohners Urnäscher Kraftort.
Raoul Doré lässt vis-à-vis die Musik spielen, er bastelt ein Schlagzeug aus Papier und zeichnet rundherum jazzig beschwingte Figuren an die Wand. Urs Eberle trägt Mobiliar bei, Marianne Rinderknecht Blumen, Andrea Corciulo zwei surreale Gemälde, Alexandra Maurer eine Art Trompe-l’oeil-Tapete, Barbara Signer ein skulpturales Fabelwesen – da sind die Giraffen dann, mit verschränkten Hälsen, doch noch da.
Holz und Tinte
Der jüngste Geile Block gibt sich handwerklich, neue Medien und junge Künstler:innen fehlen. Den starken Auftakt beim Eintritt ins Lokal macht Herbert Webers materialreiche Installation aus Holz, Spiegelglas und Fotografien: Sie imitiert den Ort, an dem sie steht, dupliziert und spiegelt die Umgebung und «verheiratet» damit Kunstwerk und Raum raffiniert. Der Titel ist seinerseits verdoppelt: «wood is good» steht da, darunter «wood is god».
Bea Dörig: «Ausgleichen».
Den intensiven Abschluss schafft in der hintersten schmalen Kammer Bea Dörig mit einer neuen Strich-Meditation. Zwei Kreise sind es hier, die im steten Wachsen auf je eine Seite einen dreidimensional scheinenden Trichter entstehen lassen. «Ausgleichen» nennt sie das raumhohe Werk. Es ist der stille Höhepunkt der mit Absicht disparaten Schau oder, wie Leila Bock es lieber hat: Show.
Giraffenhochzeit: Zürcherstrasse 35, St.Gallen, bis 25. September jeweils Do-Sa 10-22 Uhr
Kunst-Supermarkt im Pool: 17. / 18. September ab 10 Uhr
leilabock.ch
Parallel zur Ausstellung an der verkehrs- und baustellenlastigen Zürcherstrasse sind im ruhigen Krügerpark, ein paar Schritte entfernt, Kurzbeiträge von 30 weiteren Kunstschaffenden zu sehen, so genannte «Schnörkel», als Endlos-Loop auf einem Bildschirm. Manche beziehen sich auf den Namensgeber des Parks, den umstrittenen südafrikanischen Burenführer Krüger, so die biografischen Informationen, die Hans Fässler zu Krüger liefert, oder die Vogelstimmen, die Elisabeth Nembrini vom Alpensegler aufgenommen hat: jenem Zugvogel, der von hier bis nach Südafrika fliegt.
Zahlen und zahlen
An der Vernissage vom Donnerstagabend toppte Mathematiklehrer Emil Müller die Kunstschnörkel mit einer Lektion in pythagoräischem Denken und Rechnen. Fazit der vertrackten Gleichung, die seit der Antike als «schönster Beweis» der Mathematikwelt bekannt sei: So wie Wurzel 2 eine irrationale Zahl ist, so lasse sich über manche Dinge nur schwer oder lieber gar nicht reden.
Dritter Programmpunkt schliesslich wird ein Kunstmarkt sein, am übernächsten Wochenende im Kulturraum Pool gleich um die Ecke. Alle Kunst wird dort für 200 Franken verkauft. Einliefern kann man am Freitag 16. September von 15 bis 20 Uhr.
Videoscreen im Pavillon im Krügerpark, im Bild der Beitrag von Morena Barra.
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