Übervolle Vernissagen, gut besuchte Künstlergespräche, Andrang an Pressekonferenzen, ausgebuchte Führungen – Ausstellungen stossen derzeit auf grosses Interesse. Liegt das wirklich an der Kunst? Stiftet sie Sinn in dieser «unvergesslichen Zeit» – wie sie das Kunsthaus Bregenz gleich zum Ausstellungsmotto erkoren hat? Oder ist es einfach die Lust auf Unterhaltung vor Ort nach wochenlanger, erzwungener Abstinenz und bei einem immer noch stark eingeschränkten Angebot? Liegts schlicht an der Sehnsucht, einander wieder ausserhalb von Bildschirmen zu sehen?
Die Museen und Ausstellungshäuser jedenfalls sind seit Mai wieder auf der Kulturagenda. Sie haben ihre Ausstellungen verlängert oder eröffneten das Haus mit neuen.
Mit Roman Signer auf den Wehrturm von Castelmur
Wen es im Sommer nach draussen zieht und wer dies mit Kunsterlebnissen verbinden möchte, wird ebenfalls fündig. Sehenswerte Open Air-Ausstellungen gibt es beispielsweise im Bergell und im Safiental. In den beiden Tälern haben sich unterschiedliche Formate etabliert, die doch auch Gemeinsamkeiten haben. So ist bei beiden die Frage nicht ganz abwegig, ob diese grossartige Landschaft die Kunst überhaupt braucht oder ob nicht andersherum einfach die Kunst von der Landschaft profitiert.
Vor Ort zeigt sich schnell, was die Kunst kann. Künstlerinnen und Künstler schauen anders hin. Sie ermöglichen andere Blicke auf die Landschaft, auf ihre durch menschliches Zutun geprägte Gestalt oder auf Details in der Natur.
Biennale Bregaglia: 4. Juli bis 27. September
progetti-arte-bregaglia.ch
Zuweilen führt die Kunst auch an Orte, die ohne sie nicht zugänglich wären. Dank Roman Signer kann beispielsweise anlässlich der diesjährigen Biennale Bregalia der alte Wehrturm der Festungsanlage Castelmur oberhalb von Promontogno erstiegen werden. Zu früheren Zeiten gab es hier einfach eine Leiter, die hochgezogen wurde, wenn sich Fremde näherten. Jetzt führt eine Treppe nach oben, und auf der Brüstung stehend können die Wehranlage mit Kirche, Villa und die Zollstation in Augenschein genommen werden. Die Hauptrolle jedoch spielt ein Blecheimer – Roman Signer arbeitet einmal mehr mit Natur und Elementen.
Die Wehranlage mit Kirche, Villa und Zollstation.
Nach «Arte Hotel Bregaglia» (2010–2013) und «Arte Albigna» (2017) nimmt der St.Galler Künstler zum dritten Mal an den Kunstereignissen von Progetti d’Arte im Bergell teil. Zum ersten Mal dabei ist Asi Föcker. Die gebürtige Luzernerin lebt seit einiger Zeit in der Ostschweiz und ist hier inzwischen bekannt für ihre präzisen Arbeiten mit Licht, Reflexionen, Bewegung und Schatten.
Eine mehrwöchige Installation im Freien zu realisieren, war für Föcker jedoch durchaus eine Herausforderung. Ihre Arbeit mit einer Spiegelwand wirft Reflexionen auf einen Felsvorsprung, die nur bei Sonnenschein zu sehen sind und mit dem Sonnenlicht wandern.
Bildstörung und Scharfblick im Safiental
Zehn weitere Künstlerinnen und Künstler aus allen vier Sprachregionen der Schweiz werden ihre Arbeiten im Bergell zeigen. Eine besondere Position unter ihnen nimmt Patrick Rohner ein, denn sein Beitrag Die Natur kennt keine Katastrophen wird die Biennale Bregaglia mit der Art Safiental verbinden.
Im Safiental ist es die dritte Ausstellung im Zweijahresrhythmus. Das Motto ist diesmal «Analog – Digital». Das Digitale wird hier unter freiem Himmel jedoch keine Oberhand bekommen, es geht nicht zurück an die Monitore und Videokonferenzen. Aber einige Werke erschliessen sich beispielsweise erst durch eine heruntergeladene Tonspur, eine App oder den bereitgestellten Virtual Reality-Helm.
Art Safiental, «Analog – Digital»: 18. Juli bis 1. November
artsafiental.ch
Andere überführen die digitalen Welten ins Analoge. So wird das jüngst mit dem Bündner Kunstpreis ausgezeichnete Duo frölicher/bietenhader eine typische Bildstörung in der realen Welt nachbauen: Plötzlich bekommt das Auge einen Landschaftsausschnitt nur noch verpixelt zu sehen. Das provoziert Auge und Hirn, die Blicke noch aufmerksamer schweifen zu lassen, und so entdecken sie vielleicht auch Spuren vergangener Ausstellungen, wie etwa das 2018 in den Fels gezeichnete Motherboard, das nach und nach im Steinbruch verschwindet.
frölicher/bietenhader: ctrl + s (prekäre Stellen)
Als Grundprinzip der Ausstellungen in den Alpentälern jedoch gilt: Die Kunst ist nur zu Gast. Alles wird wieder abgebaut. Eines allerdings wird im Safiental schon zum dritten Mal wieder aufgebaut: Die Bergkanzel von Com&Com taucht diesmal auf dem alten Säumerpfad beim Glaspass auf und wird wieder neue Aussichten bieten.
Diesmal XXL: der Geile Block in Arbon
Das dritte Mal: Nicht nur die Art Safiental ist bei dieser besonderen Zahl angekommen, sondern auch der Geile Block. Ja sogar seine Urheberin Leila Bock hat sich verdreifacht. Hinter der Kunstfigur stehen diesmal Anita Zimmermann, Jordan Theodoridis und Werner Widmer.
Die drei haben in Arbon einen Block im X-Large-Format aufgetan. Entsprechend gross ist auch die Zahl der Beteiligten: 48 Künstlerinnen und Künstler machen mit, und alle zeigen eine Einzelausstellung, denn der Bau auf dem ehemaligen Industrieareal bietet genug Räume, genug Platz.
Geiler Block Arbon: 7. bis 30. August
leilabock.ch
Und er darf verändert werden. Das Duo steffenschöni beispielsweise wird den Boden auffräsen und als riesige Druckplatte verwenden. Die St.Gallerin Beatrice Dörig wird eine Endlosschleife auf den Boden zeichnen. Auch Alex Hanimann verwendet den Bau als Anregung und holt das Gebäude ins Gebäude, wieder andere nutzen ihren Raum als Showroom für Bestehendes.
Der Geile Block Nummer 3, das ZIK-Areal in Arbon.
Mit dieser Vielfalt und den dicht gesetzten Veranstaltungen hat sich der Geile Block längst unentbehrlich gemacht in der Ostschweizer Ausstellungslandschaft.
Idyllisch im Weiertal, tierisch-menschlich in der Froh Ussicht
Auf Konstanz setzt auch der Kulturort Weiertal. Mit den spektakulären Kulissen des Bergell und des Safientals kann er nicht mithalten, aber er bietet anderes: Die Szenerie ist idyllisch, der Garten eine Oase unweit von Winterthur. Hier präsentiert sich die Kunst zwischen Hochstämmern, Gartenweiher, Lauben und Bächlein.
Galerie Weiertal: bis 13. September
galerieweiertal.ch
Die diesjährige Ausstellung reiht sich nicht in die Biennalereihe ein – die findet im Weiertal immer in den ungeraden Jahren statt –, sondern gehört zum Galerieprogramm. Das Motto «Alles im grünen Bereich?» ist gemünzt auf die Natur und ihre Gefährdung, die auch hier im bienenumsummten Gartenparadies näher rückt. Es ist ohnehin durch und durch vom Menschen geprägt.
Delikatessen von Sylvia Geel.
Dessen Umgang mit der Natur und die gravierenden Folgen haben sich in den letzten Monaten sehr deutlich gezeigt. Und es passt perfekt, dass sich das Projekt «Froh Ussicht» in diesem Jahr den Hindernissen, Ängsten und Chancen einer gemeinsamen Zukunft von Menschen und Tieren widmet. Der Bauernhof bei Samstagern oberhalb des Zürichsees ist seit 2008 regelmässig Schauplatz für künstlerische Projekte. Sie entstehen für den Landwirtschaftsbetrieb vor Ort und beziehen von hier aus Position zu Fragen von weitaus grösserem Horizont.
Froh Ussicht – «VEE»: 4. Juli bis 3. Oktober
frohussicht.ch
Der Titel der diesjährigen Ausstellung «Wir werden uns womöglich verwandeln» deutet es an: Neue Geschöpfe zu erschaffen ist eine alte Sehnsucht, aber die technologischen und medizinischen Fortschritte ermöglichen es heute, Körper nach Belieben zu verändern, die Gene zu manipulieren und an Möglichkeiten zu denken, die noch vor nicht allzu langer Zeit utopisch erschienen.
Wenn solche Fragen auf einem Biobauernhof und in Anwesenheit von 1300 Hühnern verhandelt werden, haben Kunst und Leben definitiv zusammengefunden. Und keine Sorge: Gummistiefel stehen in allen Grössen zur Verfügung.
Kunst im Schaufenster
Landluft und Alpenpanorama, Bergkanzel, Bodenseeblock und Gartenidylle – die Kunst lässt sich ausserhalb der Zentren feiern. Bleibt in den Städten nur das übliche Programm der etablierten Häuser?
«Another long evening»: bis 31. August, Innenstadt St.Gallen
another-long-evening.ch
Mitnichten. In St.Gallen gibt es Hochkarätiges nicht nur an den üblichen Kunstorten. Kuratorin Nadia Veronese besetzt Schaufenster in der Innenstadt mit aktuellen Werken von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern. Sie arbeiteten in den vergangenen Monaten ebenso abgekapselt, wie die Ladenzeilen verwaist waren.
Wenn nun die Geschäfte ihre wirksamste Werbefläche der Kunst abgeben, werden Grenzen überschritten: zwischen Kunstpublikum und Laufkundschaft, zwischen Kunstwelt und lokalem Gewerbe, zwischen Konzepten und Produkten. Die Schwelle ist niedrig, der Kunstkontakt unmittelbar, die Ausstellungsfläche von maximaler Präsenz – ein Gewinn für beide Seiten. «Another long evening» nennt sich das Projekt, es dauert vom 1. Juli bis zum 31. August.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.