Dieses Buch lebt von der Sprache. Mehr von der Sprache als vom Inhalt. Auch wenn der Inhalt eine Konstellation bietet, die höchst spannend daherkommt: Eine junge Frau verlebt ihr Leben in einem 10-Zimmer-Haus. Sie wohnt allein. Die heimatliche Kleinstadt mit dem über allem thronenden Dreiecksberg bleibt ihr mehr als fremd. Sie will alles hinter sich lassen, will raus aus den gegebenen Umständen. Von Zeit zu Zeit sucht sie daher den örtlichen Bahnhof auf, aber sie fährt nicht los. Kommt nicht weg. Bleibt im Gewohnten.
Bald schon begegnet sie am Bahnhof einem Mann, den sie zu sich nach Hause einlädt. Er soll ihr Gast sein. Und wird dies auch für längere Zeit. Davon handelt der Roman – von der Beziehung zwischen der Gastgeberin und dem Gast. Von dem, was daraus erwächst und darin denkbar ist. Und es ist vieles denkbar.
Ariane Koch: Die Aufdrängung, Suhrkamp Verlag 2001, Fr. 22.90
Als Lesender sitze ich im Kopf der Erzählerin und lausche alldem, was sie zu sagen weiss über die Welt – über ihre und die der anderen. Wobei die anderen nicht gerade wenige sind: Da ist der Gast, da sind Bekannte des Gastes, der touristische Leiter der Kleinstadt, da sind ihre Geschwister, Eltern und daneben noch all die Besucher der ortsansässigen Bar. Der Erzählerin kommen viele Menschen unter die Augen. Sie ordnet und richtet.
Ariane Koch ist eine wahre Meisterin im absurden, grotesken und verrätselten Spiel mit Worten und Handlungen. Doch manchmal ist es ein Zuviel an Assoziationen und Projektionen, und man fragt sich: Wofür das Ganze? Worauf verweist das alles? Muss ich den Text bis ins Kleinste dechiffrieren? Und: Geht das überhaupt?
Rasender Stillstand
Vielleicht kennen Sie das: Man hat Lust auf Pralinen, kauft sich welche, isst die erste, die zweite, irgendwann aber hat man genug, isst dennoch weiter, ohne Genuss. Am Ende ärgert man sich. Ähnlich erging es mir mit diesem Erstling: Ich hatte Lust auf das schmale Suhrkamp-Bändchen, der Inhalt klang vielversprechend, zudem war das Buch kürzlich mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet worden. Also kaufte ich es, fand erst auch Gefallen daran, vor allem an den kunstvollen Formulierungen, die sich in grosser Zahl darin befinden – Sätze wie diese:
Dort, wo der Gast hergekommen ist, ist er jetzt nicht mehr. Dort, wo er war, ist jetzt nur noch ein Nicht-Gast.
Oder:
Es gibt Menschen, bei denen es so aussieht, als hätten sie schon immer genau dort hingehört, wo sie sich gerade befinden, obwohl sie eben erst gekommen sind.
Von ihrer Machart her erinnern solche Sätze an Texte von Kafka und Beckett, und ich will mehr davon, weil ich spüre, dass hier ein ambitionierter Wille am Werk ist. Doch mit der Zeit läuft sich das Narrativ fest, es kreist und kreist, wenn auch recht kunstvoll, um sich selbst, als würde es sich selbst genügen. Nicht dass der Roman immer nur auf der Stelle treten würde – er hat durchaus Zug, sprüht vor kreativen Einfällen; aber die Energie des Textes verpufft auch immer wieder.
So folge ich einem Gedankengang, nehme diesen ernst, lasse mich von ihm leiten, und bei nächster Gelegenheit stellt sich heraus, dass dieser Gedankengang nicht ernst zu nehmen ist. Beispielsweise stellt die Erzählerin eine Figur vor, den so genannten Gast, welcher nur ansatzweise die Sprache der Erzählerin versteht. Ein paar Seiten weiter führen beide bereits eine ausführliche Unterhaltung in ein und derselben Sprache. Wie geht das zusammen?
Dieses Vorgehen wäre nachvollziehbar, wenn klar wäre, dass Ariane Koch absichtlich falsche Fährten legt, um ihre Leserschaft zu verunsichern. Aber will sie das? Am Ende der Lektüre bin ich, was diesen Aspekt angeht, eher skeptisch.
Eine Welt hinter der Welt hinter der Welt
Ein Teil der Irritation liegt in dieser unzuverlässigen Erzählinstanz, die ihre Gedanken und Gefühle wechselt wie andere Leute ihre Kleider. So berichtet sie einmal, sie sei ein wandelndes Archiv, um kurz darauf zuzugeben, dass sie sich der Worte des Gastes nicht mehr sicher sei.
Solche unzuverlässigen Erzählerinnen existieren in der Literatur zuhauf und sind auch nicht das eigentliche Problem; schliesslich kommt es auf die konkrete Umsetzung an, auf das, was der Text will. Und darin liegt die eigentliche Schwierigkeit: Der Text will mehr sein, als er in Wirklichkeit ist. Er will über sich selbst hinausweisen. Worauf er verweist, bleibt jedoch nebulös und damit im Ungefähren.
Lesung: 12. Dezember, 17 Uhr, Teufen
Infos: sofalesungen.ch
Die Autorin verwandelt alles ständig, alles ist in Bewegung, nichts wirklich greifbar. Mit einer Metapher gesagt: Sie zeigt eine Puppe, man sieht sie vor sich, denkt über ihr Äusseres nach, macht sich ein Bild von ihr, aber plötzlich löst sich die Puppe auf, unter der Puppe ist eine andere Puppe, und die ist anders, aber auch Teil der ersten. Es ist eine Welt hinter der Welt und dahinter eine weitere Welt.
Es sind gespiegelte Spiegelwelten, ineinander verschachtelte Universen, mit denen Ariane Koch arbeitet. Auf Dauer ermüdet dieses Erzählen. Nichtsdestotrotz begeistert die Sprache. Sie zeichnet den Roman aus.
Ariane Koch, Jahrgang 1988, bewegt sich daneben auch in anderen Genres: Sie schreibt Theater-, Performance-, Hörspiel- und Prosatexte, oft in Kollaboration mit der Theatergruppe GKW (Moïra Gilliéron, Ariane Koch und Zino Wey) oder der Künstlerin Sarina Scheidegger.
Gleich zwei Romandebüts von Ostschweizerinnen innert weniger Wochen und ein (fast) gemeinsamer Auftritt am Wortlaut-Festival: Mit Rebecca C. Schnyder und Laura Vogt betreten zwei junge Autorinnen mit Ambitionen die Bühne.
Das Literaturfestival Wortlaut vom 28. bis 31. März setzt auf Entdeckungen. Wer sind die noch wenig Bekannten, die nach St.Gallen kommen? Was haben sie zu erzählen? Ein Warmlesen durch erste Sätze.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
Treueprobe, Verkleidungsspuk, Partner:innentausch: Così fan tutte scheint definitiv von vorgestern. Trotzdem lohnt sich Mozarts Oper auch jetzt wieder am Theater St.Gallen. Am Samstag war Premiere.
Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zeigt seit dem 26. April die aktuelle Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit». Mitgestaltet von Menschen aus der Region untersucht sie, wie Teilhabe in Museen künftig aussehen kann.
St.Gallen verliert das Spiel gegen Sion und macht so Thun zum Meister. Doch in St.Gallen denken längst alle an den anderen Titel, der dann in drei Wochen vergeben wird. Das Spiel gegen Sion zum Nachlesen gibt es trotzdem im SENF-Ticker.
Filmfestival in Frauenfeld
Buch zur Migration in die Ostschweiz
In diesem Jahr feiert St.Gallen den 1100. Todestag Wiboradas. Obwohl die Inklusin einen grossen Einfluss auf die Stadt hatte, ist sie den wenigsten ein Begriff. Das soll sich ändern. Wie dies gelingen soll und welche Bedeutung Wiborada heute noch hat, erzählen Jolanda Schärli und Hildegard Aepli vom Verein Wiborada-Jubiläum 2026 sowie Karin K. Bühler von der feministischen Bibliothek Wyborada im Gespräch mit Saiten.
Doppeltes Jubiläum: Im Mai jährt sich das Martyrium der St.Galler Stadtheiligen Wiborada zum 1100. Mal. Und der Verein Wyborada, der 1987 die gleichnamige feministische Bibliothek eröffnete, feiert sein 40-Jahr-Jubiläum. Ausserdem im Mai-Heft: Das Gespräch zwischen Florian Vetsch und dem St.Galler Autor Christoph Keller über dessen neuen Roman.
Abbau von über 46 Vollzeitstellen in der Verwaltung, Schliessung des Volksbades, zusätzliche Blitzer für die Stadtpolizei: Mit solchen Massnahmen will die St.Galler Stadtregierung bis 2029 das jährliche Loch in der Stadtkasse um 17,1 Millionen Franken reduzieren.
Die Ostschweizer Band Team Negroni hat eine Vinyl-Platte mit Coversongs herausgebracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gallischen Grabenhalle getauft.
Pure Zeitverschwendung oder endlich mal eine Pause im durchgetakteten Rhythmus der Tage? Drei Performer:innen nähern sich dem Phänomen des Wartens künstlerisch-wissenschaftlich an.
Das Kollektiv Dance Me to the End setzt sich für die Sichtbarkeit von Altern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai präsentiert es zwei verschiedene Tanzstücke in der St.Galler Lokremise. Saiten hat mit drei Kollektivmitgliedern gesprochen.
Pankraz Vorster war der letzte Fürstabt von St.Gallen. Sein Tagebuch liefert wertvolle Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Das Stiftsarchiv St.Gallen hat die Handschrift als Edition veröffentlicht und vergangenen Mittwoch einen Einblick gegeben.
In ihren Songs verarbeitet die Winterthurer Band Anger Mgmt. die psychischen Probleme ihres Sängers. Heute erscheint ihr zweites Album, das erneut in die inneren Abgründe führt. Es ist ein dunkler Monolith – mit einem Lichtblick am Schluss.
Das Kinderdorf Pestalozzi feiert sein 80-jähriges Bestehen. Mit welchen Herausforderungen Kinder heutzutage konfrontiert sind und wie die Stiftung dagegenhält, erklärt Programmleiterin Bertha Camacho.