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Kunterbunt aus dem Abseits

250708 Kolumne Lea Le Illu 13

«Wir wur­den in ei­ne Ecke ge­drängt. Wenn wir es schaf­fen, uns da her­aus­zu­kämp­fen, kön­nen wir es auch an der Eu­ro schaf­fen», sag­te Na­tio­nal­trai­ne­rin Pia Sund­ha­ge vor dem ent­schei­den­den Na­ti­ons-Le­ague-Spiel ge­gen Nor­we­gen. Die­ses ging 0:1 ver­lo­ren, und die Schwei­zer Fuss­ball­frau­en sind nur noch B-klas­sig. Die 65-jäh­ri­ge Schwe­din und ihr Team lan­de­ten hart auf dem Bo­den der Rea­li­tät. Bes­se­re Spie­le­rin­nen kann auch die zwei­fa­che Olym­pia­sie­ge­rin nicht aus dem Hut zau­bern. 

Doch viel­leicht kann ei­ne an­de­re Schwe­din wei­ter­hel­fen. Sie ist mu­tig, selbst­be­wusst und lus­tig: Pip­pi Lang­strumpf, das wohl aus­ser­ge­wöhn­lichs­te Kind der Welt, wird in die­sem Jahr acht­zig. Die fre­che Gö­re mit ab­ste­hen­den Zöp­fen ist auch heu­te noch ein fe­mi­nis­ti­sches Vor­bild. Pip­pi hat uns bei­gebracht, dass Frau­en al­les kön­nen, wenn sie wol­len.

Die Ge­schich­te der un­an­ge­pass­ten Hel­din er­schien 1945 zum ers­ten Mal. As­trid Lind­gren hat­te Pip­pi Lang­strumpf ur­sprüng­lich für ih­re kran­ke Toch­ter er­fun­den. Das al­lein­le­ben­de Mäd­chen macht den gan­zen Tag nur, was ihm ge­fällt, und er­lebt je­de Men­ge Aben­teu­er. Pip­pi er­hitzt die Ge­mü­ter. Ge­ne­ra­tio­nen von Kin­dern hat sie mit ih­ren Su­per­kräf­ten und fre­chen Sprü­chen in­spi­riert.

Mehr denn je scheint es wich­tig, die Welt durch Pip­pis Au­gen zu se­hen – mit Stär­ke und dem Mut, Nor­men zu hin­ter­fra­gen und sich auf die Sei­te der Schwa­chen ge­gen Ty­ran­nen und Macht­miss­brauch zu stel­len. Pip­pi zeigt uns, dass wir im­mer die Mög­lich­keit ha­ben, die Welt ein Stück bes­ser und ge­rech­ter zu ma­chen. Mit Pip­pi Lang­strumpf hat As­trid Lind­gren ei­nen Kon­tra­punkt zu Krieg und Un­ter­drü­ckung mar­kiert. Die Kin­der­buch­au­to­rin woll­te mit Pip­pi ei­ne an­ti­au­to­ri­tä­re Fi­gur schaf­fen: ein Kind, das Kon­ven­tio­nen bricht, aber auch Macht­ver­hält­nis­se hin­ter­fragt.

Pip­pi­lot­ta Vik­tua­lia Roll­gar­di­na Pfef­fer­minz Efra­ims­toch­ter Lang­strumpf – so ihr vol­ler Na­me – trifft Ent­schei­dun­gen un­ab­hän­gig von den Er­wach­se­nen, ent­wi­ckelt Pro­blem­lö­sungs­stra­te­gien und ver­traut auf ih­re ei­ge­nen Fä­hig­kei­ten. Weg von der Zei­ge­fin­ger­päd­ago­gik, hin zum frei­en Men­schen. Ganz wich­tig ist für Pip­pi ein fai­rer Um­gang mit an­de­ren: «Wer stark ist, muss auch gut sein», sagt Pip­pi.

«Less push, mo­re flow», so tönt dies heu­te bei der Lon­do­ner Rap­pe­rin und Dich­te­rin Kae Tem­pest. Die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on braucht auch neue Wort­füh­rer:in­nen. Tem­pest kennt das har­te Pflas­ter der Ge­gen­wart und spricht die Spra­che der heu­ti­gen Ju­gend. 2020 än­der­te sie ih­ren Vor­na­men. Von Ka­te to Kae. Von sie zu ih­nen. «Ich kämp­fe schon lan­ge dar­um, mich so zu ak­zep­tie­ren, wie ich bin», be­gann ih­re Nach­richt an die Fans. Das mu­si­ka­li­sche und li­te­ra­ri­sche Aus­nah­me­ta­lent er­zählt von Dro­gen, Ver­zweif­lung und Un­ge­rech­tig­keit, aber auch von Selbst­sor­ge, Em­pa­thie und Ge­mein­sinn.

Die­se schöp­fe­ri­sche Kraft sei auch den Schwei­zer Fuss­bal­le­rin­nen ge­wünscht – «ru­hi­ger, kla­rer, nä­her, ge­er­de­ter, ver­wur­zel­ter, we­ni­ger ver­wor­ren», wie Tem­pest in Mo­re Pres­su­re rappt. We­ni­ger Druck, mehr Kun­ter­bunt. 

Der Song zum Text: Mo­re Pres­su­re von Kae Tem­pest  

 

NA­THA­LIE GRAND, 1967, ist freie Jour­na­lis­tin und Pro­jekt­mit­ar­bei­te­rin bei der Stif­tung Sucht­hil­fe. Sie steht seit über 15 Jah­ren als Fuss­ball­trai­ne­rin auf dem Platz und an der Sei­ten­li­nie. Im Herbst 2021 star­te­te sie in St.Gal­len ein Pro­jekt zur För­de­rung des Mäd­chen- und Frau­en­fuss­balls. Seit dem Ju­ni­heft 2024 ver­fass­te sie die «Sai­ten­li­nie». Mo­nat für Mo­nat hat sie über Frau­en, Sport und Gleich­stel­lung ge­schrie­ben und die Feh­ler im Sys­tem aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven kri­tisch be­leuch­tet. Mit dem Start der Fuss­ball-EM der Frau­en in der Schweiz (mehr da­zu im Ju­li/Au­gust-Heft) en­det die­se Ko­lum­ne nun. Wir be­dan­ken uns für die vie­len in­ter­es­san­ten Ein­bli­cke und freu­en uns, dass uns Na­tha­lie wei­ter­hin als Au­torin er­hal­ten bleibt.

 

Il­lus­triert wird die Ko­lum­ne von LEA LE.

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