Kategorie
Autor:innen
Jahr

Kurzfilm mit langem Schnauf

Es ist zweifellos einer der überrraschungsreichsten Kinoabende: die alljährliche Kurzfilmnacht. Zum 16. Mal ist sie on tour, mit Halt im Kinok St.Gallen und unter anderem mit «Airport», dem Gewinner des Schweizer Filmpreises.
Von  Peter Surber , 
Szene aus «Airport» von Michaela Müller.

Ein Unort zwischen Nichtmehr und Nochnicht, Menschen in nervöser Bewegung, Treppen und Rollkoffer, flirrende Geräusche. Der Flughafen ist ein Dazwischenland, wie geschaffen für das fantastisch wandelbare Medium des Animationsfilms.

Licht wird zu Bewegung, ein Piktogramm zum rennenden Menschen, ein Arm zum blauen Absperrband, Körper, Tafeln, Punkte und Flächen verlängern, verwandeln sich, nichts ist sicher, Figuren und Dinge in ständiger, nicht vorhersehbarer Metamorphose. In Michaela Müllers «Airport» verfliessen die Bilder und Eindrücke, als hätte man die Augen halb geschlossen und wäre zugleich hoch konzentriert.

Eine Sekunde pro Tag

Rund zehn Minuten dauert der Film, zusammengesetzt aus rund 7000 Bildern; dahinter stecken drei Jahre Zeichenarbeit. Pro Tag malt Michaela Müller acht bis zwölf Bilder mit Wasserfarbe auf Glasplatten, Bilder, die anschliessend je digital aufgenommen und zum Film zusammengefügt werden. Das Tageswerk ist eine Sekunde Film. Von der Entwicklung über Recherchen, Finanzierung und Herstellung bis zur Postproduktion stecken im Kurzfilm rund sechs Jahre Arbeit – soviel wie in einem abendfüllenden Dokumentar- oder Spielfilm.

«Ich habe einen Plan», sagt Michaela Müller – anders wäre das Werk nicht zu schaffen beziehungsweise würde nie fertig. Die Geschichte stehe, bevor sie zu malen beginne, entworfen und erprobt auf einem rund 20 Meter langen Storyboard. Jedes Bild muss stimmen, einen Schneidprozess gibt es nicht. Die Zeichenarbeit verlange höchste Disziplin und ein komplettes Eintauchen in das Thema und in das einsame Tagwerk am Maltisch.

Und dann, nach dem Auftauchen, wenn der Film fertig ist: das grosse Loch? Zumindest «ein spezielles Gefühl», sagt Michaela Müller – und erstmal die Unsicherheit: Trifft der Film einen Nerv, wie kommt er an? Die Frage hat sich inzwischen beantwortet. Seit der Premiere im Vorjahr am Animafestival in Zagreb ist «Airport» an über fünfzig Festivals gezeigt worden und hat den Schweizer Filmpreis in der Sparte Animationsfilm gewonnen – wie 2011 bereits ihr Erstlingsfilm «Miramare».

Ob es nach «Miramare» und «Airport» mit einem Kurzfilm weitergehe, sei offen. Was sie interessiere, seien Kollaborationen mit anderen Kunstschaffenden. Erfahrung damit hat sie; mit der kroatischen Tänzerin Zrinka Šimičić Mihanović (Tanz) und dem Musiker Fa Ventilato (der auch den Soundtrack für ihre Filme schafft) entstand in Zagreb 2012 die Performance «trag/trace/spur».

Und in Belgrad steuerte sie 2015 Animationen zum Bühnenbild der Händel-Oper «Orlando» bei. Zagreb ist neben New York und der Ostschweiz ihre dritte Heimat, hier hat sie Animationsfilm studiert und ihre «filmische Stimme gefunden», wie sie sagt.

Das andere Zauberwort heisst Virtual Reality. Was Michaela Müller daran interessiert, sei die «Erweiterung der Erfahrungsmöglichkeiten». In «Airport» bleibt das unablässige Verwandlungsgeschehen noch zweidimensional, auch wenn Müllers Zeichenkunst starke Raumillusionen schafft. Dreidimensional und interaktiv könnten sich noch einmal andere Perspektiven auftun. Dies fasziniere sie einerseits – die Wunder des «real life» werde jedoch auch eine noch so virtuose virtuelle Welt nie wettmachen oder konkurrenzieren können. VR sei kein Realitätsersatz, aber verspreche eine Erweiterung des Denkens und der Erzählmöglichkeiten.

Ostschweizer und «Swiss Shorts»

An der Kurzfilmnacht sind neben «Airport» weitere Ostschweizer Filme zu sehen: Dennis Ledergerbers Film «Das Mädchen im Schnee» über einen Tag im Leben eines Geräuschemachers,  der Videoclip «Media» der Band Mama Jefferson von Samuel Dütsch, der ironisch die Eigendarstellung in Sozialen Medien thematisiert, sowie Noemi Müllers Dokumentarfilm «Wenn Panda Lux textet» über die Rorschacher Band. Die Filmer und Filmerinnen sind anwesend.

Nach dem regionalen Auftakt um 19 Uhr geht es um 20 Uhr weiter mit insgesamt 21 Kurzfilmen in mehreren thematischen Blöcken. «Swiss Shorts» zeigt die Vielfalt des Schweizer Kurzfilmschaffens – und wird um Mitternacht ergänzt um einen filmischen Abstecher nach Belgien.

Kurzfilmnacht St.Gallen: 20. und 21. April, 19 Uhr, Kinok
Kurzfilmnacht Schaan: 5. Mai, Filmclub im Takino
Kurzfilmsoirées:
27. April Kino Passerelle Wattwil
30. April Kino Madlen Heerbrugg
kurzfilmnacht.ch

 

 

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Sands Murray Wassink 1996

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights