, 20. April 2018
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Kurzfilm mit langem Schnauf

Es ist zweifellos einer der überrraschungsreichsten Kinoabende: die alljährliche Kurzfilmnacht. Zum 16. Mal ist sie on tour, mit Halt im Kinok St.Gallen und unter anderem mit «Airport», dem Gewinner des Schweizer Filmpreises.

Szene aus «Airport» von Michaela Müller.

Ein Unort zwischen Nichtmehr und Nochnicht, Menschen in nervöser Bewegung, Treppen und Rollkoffer, flirrende Geräusche. Der Flughafen ist ein Dazwischenland, wie geschaffen für das fantastisch wandelbare Medium des Animationsfilms.

Licht wird zu Bewegung, ein Piktogramm zum rennenden Menschen, ein Arm zum blauen Absperrband, Körper, Tafeln, Punkte und Flächen verlängern, verwandeln sich, nichts ist sicher, Figuren und Dinge in ständiger, nicht vorhersehbarer Metamorphose. In Michaela Müllers «Airport» verfliessen die Bilder und Eindrücke, als hätte man die Augen halb geschlossen und wäre zugleich hoch konzentriert.

Eine Sekunde pro Tag

Rund zehn Minuten dauert der Film, zusammengesetzt aus rund 7000 Bildern; dahinter stecken drei Jahre Zeichenarbeit. Pro Tag malt Michaela Müller acht bis zwölf Bilder mit Wasserfarbe auf Glasplatten, Bilder, die anschliessend je digital aufgenommen und zum Film zusammengefügt werden. Das Tageswerk ist eine Sekunde Film. Von der Entwicklung über Recherchen, Finanzierung und Herstellung bis zur Postproduktion stecken im Kurzfilm rund sechs Jahre Arbeit – soviel wie in einem abendfüllenden Dokumentar- oder Spielfilm.

«Ich habe einen Plan», sagt Michaela Müller – anders wäre das Werk nicht zu schaffen beziehungsweise würde nie fertig. Die Geschichte stehe, bevor sie zu malen beginne, entworfen und erprobt auf einem rund 20 Meter langen Storyboard. Jedes Bild muss stimmen, einen Schneidprozess gibt es nicht. Die Zeichenarbeit verlange höchste Disziplin und ein komplettes Eintauchen in das Thema und in das einsame Tagwerk am Maltisch.

Und dann, nach dem Auftauchen, wenn der Film fertig ist: das grosse Loch? Zumindest «ein spezielles Gefühl», sagt Michaela Müller – und erstmal die Unsicherheit: Trifft der Film einen Nerv, wie kommt er an? Die Frage hat sich inzwischen beantwortet. Seit der Premiere im Vorjahr am Animafestival in Zagreb ist «Airport» an über fünfzig Festivals gezeigt worden und hat den Schweizer Filmpreis in der Sparte Animationsfilm gewonnen – wie 2011 bereits ihr Erstlingsfilm «Miramare».

Ob es nach «Miramare» und «Airport» mit einem Kurzfilm weitergehe, sei offen. Was sie interessiere, seien Kollaborationen mit anderen Kunstschaffenden. Erfahrung damit hat sie; mit der kroatischen Tänzerin Zrinka Šimičić Mihanović (Tanz) und dem Musiker Fa Ventilato (der auch den Soundtrack für ihre Filme schafft) entstand in Zagreb 2012 die Performance «trag/trace/spur».

Und in Belgrad steuerte sie 2015 Animationen zum Bühnenbild der Händel-Oper «Orlando» bei. Zagreb ist neben New York und der Ostschweiz ihre dritte Heimat, hier hat sie Animationsfilm studiert und ihre «filmische Stimme gefunden», wie sie sagt.

Das andere Zauberwort heisst Virtual Reality. Was Michaela Müller daran interessiert, sei die «Erweiterung der Erfahrungsmöglichkeiten». In «Airport» bleibt das unablässige Verwandlungsgeschehen noch zweidimensional, auch wenn Müllers Zeichenkunst starke Raumillusionen schafft. Dreidimensional und interaktiv könnten sich noch einmal andere Perspektiven auftun. Dies fasziniere sie einerseits – die Wunder des «real life» werde jedoch auch eine noch so virtuose virtuelle Welt nie wettmachen oder konkurrenzieren können. VR sei kein Realitätsersatz, aber verspreche eine Erweiterung des Denkens und der Erzählmöglichkeiten.

Ostschweizer und «Swiss Shorts»

An der Kurzfilmnacht sind neben «Airport» weitere Ostschweizer Filme zu sehen: Dennis Ledergerbers Film «Das Mädchen im Schnee» über einen Tag im Leben eines Geräuschemachers,  der Videoclip «Media» der Band Mama Jefferson von Samuel Dütsch, der ironisch die Eigendarstellung in Sozialen Medien thematisiert, sowie Noemi Müllers Dokumentarfilm «Wenn Panda Lux textet» über die Rorschacher Band. Die Filmer und Filmerinnen sind anwesend.

Nach dem regionalen Auftakt um 19 Uhr geht es um 20 Uhr weiter mit insgesamt 21 Kurzfilmen in mehreren thematischen Blöcken. «Swiss Shorts» zeigt die Vielfalt des Schweizer Kurzfilmschaffens – und wird um Mitternacht ergänzt um einen filmischen Abstecher nach Belgien.

Kurzfilmnacht St.Gallen: 20. und 21. April, 19 Uhr, Kinok
Kurzfilmnacht Schaan: 5. Mai, Filmclub im Takino
Kurzfilmsoirées:
27. April Kino Passerelle Wattwil
30. April Kino Madlen Heerbrugg
kurzfilmnacht.ch

 

 

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