Der grüne Stutz zwischen Schlosserstrasse und dem Gleis der Appenzeller Bahnen gegenüber des St.Galler Güterbahnhofs liegt nicht länger brach. Der langgezogene Hang – etwa eine halbe Hektare – gehört den SBB. Ein ehemaliger Bähnler liess hier Ziegen und Schafe grasen. Dann verwilderte und verwucherte das Gelände. Mittlerweile erblühen hier aber neue Gärten. Der Verein UrbanesGrünAtelier (UGA) hat sich letzten Sommer eingemietet und stellt das Gebiet für gemeinschaftliche Projekte zur Verfügung.
Letzten Herbst hat sich sogleich das HEKS für ihre «Neuen Gärten Ostschweiz» gemeldet. Jetzt bauen Eritreer am östlichen Ende des Geländes Gemüse an, Mais, Bohnen,Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln, Zucchetti, Krautstiel. Bei Wasserknappheit dürfen sie in der Nachbarschaft Wasser zapfen. Im Gegenzug verschenken sie Gemüse im Quartier. So kommen selbst die kritischsten Nasenrümpfer mit den ostafrikanischen Migrantinnen in Kontakt. Die Freundlichkeit und Neugier überwiegen die anfängliche Skepsis bei einigen wenigen Anwohnern mittlerweile bei weitem.
Die HEKS-Gärten hinter dem Lattich. (Bilder: PD)
Gute Begegnungen sind eines der Ziele, das sich der Verein gesteckt hat. Das UGA will sich für einen «friedvollen, interkulturellen und altersübergreifenden Austausch» zwischen den Vereinsmitgliedern und innerhalb des Quartiers einsetzen. Der Verein fördert die «Grünflächenqualität im urbanen Kontext». Er soll zudem ein Brain-Pool sein, Vereinsmitglieder teilen ihr Wissen und ihre Kompetenzen gemeinschaftlich.
Wider die Motzkultur
Das riecht verdächtig nach Freizeit-Kolchose im Kleinformat. Ganz verkehrt ist die Annahme nicht: Am derzeitigen Westende des Geländes hat der Verein neben dem alten Geräteschuppen drei terrassierte «Volksbeete» eingerichtet, an deren Bebauung sich die Vereinsmitglieder – aktuell typischerweise U-40, Familien aus dem erweiterten Quartier, viele ohne «speziell grüne Daumen» – kollektiv beteiligen. Fährt jemand in die Ferien, giesst, jätet und erntet einfach jemand anderes. Im «Volksgarten» spriessen dieselben Pflanzen wie bei den Eritreern, dazu Salate, eine Mirabelle, Chilis, Heidel- und Josta-Beeren, eine Kreuzung aus Johannis- und Stachelbeere. Ein gemeinsamer Sitz- und Grillplatz ist im Entstehen.
Vereinsaktuar Florim Šabani gefällt der Allmend-Gedanke. Die Leute sollen niederschwellig und aktiv an der Gestaltung des Hangs teilnehmen. Dennoch will sich der Forstingenieur nicht in die Sozialismus-Ecke abdrängen lassen. «Der Verein ist politisch und konfessionell neutral. Im Vordergrund steht die Begrünung, das lebendige Quartier und die lebenswerte Stadt.»
«Wir haben kein festes Konzept, das würde das Projekt zu sehr einengen», sagt Präsidentin Nicole Keller, die mit ihrer Familie im Quartier lebt und schon länger ein Auge auf die Brache geworfen hat. «Wir haben das Land übernommen und stellen es nun für Grünprojekte jeglicher Art zur Verfügung. Hauptsache, es ist naturverträglich.» Tiere sind willkommen. Demnächst werden zwei Bienenkästen aufgestellt. Aber auch Enten, Hühner, Schafe und Ziegen sind willkommen. Ein Gartenreglement braucht es bisher nicht, das soll so bleiben. Das UGA ist ein Gegenentwurf zur Motzkultur und zum Schrebergarten- und Tujahecken-Denken, wo jeder sich in seinem privaten Quadrätchen Bohnen hochzieht.
Gemeinschaftliches Anlegen des dritten «Volksbeetes».
Ganz unpolitisch ist das UGA selbstredend nicht, gerne schielt man zu den grass-root-Bewegungen in die USA oder zur Stadtionbrache Hardturm in Zürich hinüber, auch wenn man hier gut-sanktgallerisch kleinere Brötchen backt. Der Auftritt als Verein verschafft der Gemeinschaft immerhin ein gewisses Gewicht gegenüber den Behörden, die dem Projekt bisher sehr wohlwollend entgegnen.
Die Nähe zum «Lattich» ist nicht nur geografischer Natur. Anschliessend an den HEKS-Garten experimentiert der Umweltingenieur Matthias Denk auf einer kleinen Fläche mit Hangstabilisierungen aus Weidengeflecht. Das UGA soll Labor sein und natürlich: Atelier. Auch Kunstprojekte haben Platz. Im Frühling hat Graffiti-Künstler Ivan Scheidegger den Geräteschuppen verziert. Felix Stöckle denkt darüber nach, hier Figuren aus Baumstämmen zu schnitzen.
Die Grillstelle ist noch im Entstehen begriffen, wird aber jetzt schon gerne genutzt.
Zwischen Schlosserstrasse und Bahngleis wurde das Quartier erweitert und belebt. Im Mittelteil gibt es noch viel Platz für weiter Projekte. Das soll auch im Hinblick auf die Autobahn-Zufahrts-Visionen Realitäten schaffen. Vom Verein ist das durchaus gewollt. Aber im Zentrum stehen jetzt Raupen in den Brennnesselstauden und Obstbaumpflege. «Alle reden von der Natur in der Stadt», sagt Šabani. «Umgesetzt wird dann nur verlegenes Stellvertretergrün. Bäume in Säcken bleiben Bäume in Säcken.» Spintisiert wird derzeit über eine regelmässige Verleihung eines Awards für die schlechtesten Stellvertreterbegrünungen in St.Gallen oder eine Art Zuschauertribüne für eine Bühne ennet dem Gleis, sobald das Bahntrassee ausser Betrieb ist. Die Strassenbaupläne sind dabei – wenn überhaupt – weit entfernte Zukunftsmusik.
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