, 17. November 2022
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Lärm macht schlechte Architektur

Abweisende, geschlossenen Fassaden fast ohne Fenster. Eine ganze Reihe von Neubauten an lauten Strassen mit viel Verkehr zeigen nur noch ihr «Füdli». Weniger Tempo und weniger Lärm sind für bessere Architektur nötig.

Hübsch ist anders: die «Füdli-Fassade» des Longville an der Langgasse. (Bilder: rh)

Der Garagenneubau an der Rorschacherstrasse, die neue Migros Bruggen, das «Longville»-Gebäude an der Langgasse, das Swica-Bürohaus an der Teufenerstrasse – fast an jeder der vielbefahrenen und deshalb lauten Hauptachsen der Stadt St.Gallen sieht man «Füdli»-Fassaden. Das meint: Die Gebäude strecken den Passant:innen den «Hintern» zu.

Das Swica-Gebäude an der Teufenerstrasse

Das war einst ganz anders: Die gute Stube, den Salon, baute man immer zur Strassenseite, egal in welche Himmelsrichtung die Fenster zeigen. Die Strassenfassade war die repräsentative Seite jedes Hauses und dahinter waren die wichtigen Räume. Auf der Rückseite oder gegen den Hof, sind diese Gebäude oft profan.

Heute ist es meist umgekehrt. Denn seit in den letzten Jahren Wohnungsbau an lauten Hauptstrassen mit neuen Bauvorschriften und Bundesgerichtsentscheiden eingeschränkt ist, zeigt sich dies in der Architektur. Will man an belasteten Lagen neu bauen, müssen die Wohnungen so konzipiert werden, dass auf der lauten Seite keine Wohn- und vor allem keine Schlafzimmer liegen. Dieser – berechtigte – Schutz der Bewohner:innen aber hat architektonische Konsequenzen und führt zu den «Füdli»-Fassaden.

Verdichtung braucht neue Lösungen

Zwar gibt es Möglichkeiten, die Lärmbelastung durch die Anordnung der Baukörper und mit ruhigen Innenhöfen in Grenzen zu halten. Doch solche Lösungen brauchen einen grösseren Planungs- und Realisierungsaufwand und Ausnahmebewilligungen.

Eine weitere «Füdli-Fassade» an der Langgasse

In Architekturkreisen wird das Problem intensiv diskutiert, denn die geforderte Verdichtung in bereits bebauten Gebieten und das Bedürfnis nach ruhigem Wohnen widersprechen sich. Gefordert werden auf allen Ebenen – vom Umweltschutzgesetz bis zur lokalen Bauordnung – neue Vorschriften, denn lärmbelastete Standorte sind heute nicht die Ausnahme, sondern die Regel, wie es in einem Kommentar in der Fachzeitschrift Hochparterre vom Februar 2022 heisst. Und es gibt städtebauliche, architektonische und Fassaden-technische Lösungen. Zum Beispiel auf den Internetseiten von baukultur-laerm.ch und bauen-im-laerm.ch.

In St.Gallen entsteht aktuell an der Nordseite der Rorschacherstrasse zwischen den Bushaltestellen St.FidenZentrum und Grossacker ein Neubau mit einer solchen kritisierten Fassade.

Ein Rendering der Rorschacherstrasse 155, noch im Bau

Ein weiteres Baugesuch an der Langgasse ist eingereicht. Dort soll ein Block mit 45 Eineinhalb-Zimmer-Wohnungen entstehen der im Erdgeschoss keine Geschäfts- oder Gewerberäume vorsieht, sondern einen gegen aussen geschlossenen Velokeller.

Die Pläne zur Langgasse 76. (Klick zum Vergrössern)

Der Heimatschutz St.Gallen/Appenzell Innerrhoden hat dieses Baugesuch zum Anlass genommen, vom Stadtrat neue Lösungen zu fordern. Eine davon, haben Kanton und Stadt inzwischen selber vorgeschlagen: Tempo 30 auch auf Hauptstrassen, um die Lärmbelastung merklich zu reduzieren. Auch «Flüsterbeläge» können einen Beitrag leisten.

Keine verbunkerten Strassenzüge

Bis neue Vorschriften eingeführt sind, verlangt der Heimatschutz Projekte mit solcher «Lärmschutzarchitektur» nicht mehr zu bewilligen. Es geht dem Verband auch darum, charakteristische Strassenbilder mit Einzelgebäuden zu bewahren, und diese nicht durch langestreckte Wohnmaschinen zu ersetzen.

Es brauche «schnell wirksame Massnahmen um eine hochwertige, prospektive Architektur an den starken Achsen sicherzustellen», heisst es im Brief des Heimatschutz an den St.Galler Stadtrat. Sonst entstehen schluchtartige Strassenbilder und ein verbunkerter Strassenraum, der dann über Jahrzehnte bestehen bleiben werde.

Der Heimatschutz weist auch darauf hin, dass die Problematik an den vielbefahrenen Strassen akut ist, denn dort stehen – wegen der hohen Belastung – noch viele alte, oft nicht oder nur notdürftig renovierte Gebäude.

Eine weitere «Augenweide» an der Rorschacherstrasse

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