Seit 25 Jahren zeigt das Museum im Lagerhaus in St.Gallen naive Kunst und art brut. Die Jubiläumsausstellung ist imposant.
Kein Quadratzentimeter bleibt frei: Der Thurgauer Felix Brenner hat den Kabinettraum im Museum im Lagerhaus volltapeziert mit seinen Zeichnungen. Häuser, Köpfe, Marken, immer neue Selbstporträts und immer wieder der Papst (Paul VI., Brenner nennt ihn kollegial PAULIE) und General Guisan (Bild) zieren die Wände. PAULIE SAGT BEDEN DER GENERAL SAGT BETEN WIR FUER MEHR RUESTUNGSAUSGABEN, so steht es mit gesellschaftskritischem Anstrich auf einem der Bilder. An der Vernissage vom Montag abend gab Brenner übersprudelnd Auskunft über sein Schaffen.
Brenner ist einer der vier noch lebenden Künstler, die das Museum Lagerhaus für seine Jubiläumsveranstaltung in beiden Räumen versammelt hat. Der grössere Teil der Werke ist verstorbenen «Ikonen» der Art brut gewidmet: Adolf Dietrich und Adolf Wölfli machen den Auftakt, es folgen Aloise Corbaz, Louis Soutter, Heinrich Anton Müller, Ida Buchmann, Fritz Soltermann, der Bauernmaler Felix Anton Brander und viele andere. Ein «Best-of» der Aussenseiterkunst, wie es so in St.Gallen noch nie zu sehen war. Die Ausstellung bringt die Eigenarten der Werke in klugen Dialog zueinander – wenn auch das Ganze sehr domestiziert wirkt im Vergleich zu den meist «wilden» und tragischen Lebensgängen der Künstlerinnen und Künstler.
Mit dem Titel «Naive Schweiz Suisse Brut» knüpft Museumsleiterin Monika Jagfeld bewusst an Harald Szeemanns Ausstellung «Visionäre Schweiz» an, die zur Neubewertung der Naiven Kunst viel beitrug – aber ebenso an die Anfänge des St.Galler Museums. 1988 von den Sammlerpaaren John, Burgauer und Schaufelberger gegründet, setzte sich die Stiftung für Schweizerische Naive Kunst und Art Brut von Beginn weg für Werke ein, die bis dahin kaum als erhaltenswert galten gegenüber der «normalen» Kunst – wobei die Grenzen sowieso schwer zu ziehen sind, wie etwa das Werk von Samuele Giovanoli (hier sein Bild «Evas Wolken») zeigt.
Die Pioniertat der Museumsgründer würdigten an der Vernissage Regierungsrat Martin Klöti und Stiftungspräsident Peter Schorer: St.Gallen habe damit ein «Kompetenzzentrum» der Aussenseiterkunst erhalten, das schweizweit neben der Collection de l’art brut in Lausanne einzigartig ist.
«Die wahre Kunst ist immer da, wo man sie nicht erwartet», hat Jean Dubuffet gesagt. In der Ostschweiz weiss das Publikum seit 25 Jahren zumindest, wo es diese unerwartete Kunst sehen kann: im Lagerhaus an der Davidstrasse 44.
Bis 7. Juli
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