Kategorie
Autor:innen
Jahr

Lang lebe das Provisorium!

Das Theater St.Gallen hat am Samstag sein Provisorium eingeweiht. Der imposante Holzbau ersetzt bis Ende 2022 das renovationsbedürftige Theater. Direktor Werner Signer sagt, das Gebäude sei eine Riesenchance für die Kulturstadt St.Gallen – weit über die zweieinhalb Jahre hinaus.
Von  Peter Surber

Der erste Eindruck: riesig. Der Eingangsflur mit den Garderoben ist breit, das Foyer mit raumlanger Bar, imposanter Höhe und der Galerie, die zum Theatersaal führt, eine Wucht – und im Saal haben 500 Sessel scheinbar locker Platz. Die Bühnenfläche und der Orchestergraben: ungefähr so gross wie das Original nebenan im Theater.

Blick in den Theatersaal mit den Kulissen zur Händeloper. (Bilder: Su.)

Der technische Leiter Georges Hanimann relativiert: Im Provisorium stehen im Vergleich zum Theater nur rund 40 Prozent des Volumens zur Verfügung. Es gibt keine Seitenbühne, keinen Schnürboden und keinen Bühnenturm, was Umbauten erschwert und den Inszenierungen Grenzen setzt.

Hinter den Kulissen wird es nochmal enger: Garderoben, Schminke, Technikräume sind durch schmale Gänge erschlossen, aber eng war es auch schon vorher im Paillard-Bau – die dortigen prekären Platzverhältnisse sind mit ein Grund für die Renovation.

Der Bauplatz direkt vor der Tonhalle macht es möglich, dass sich das 50 Meter lange und  26 Meter breite Provisorium unterirdisch erweitert: Die Requisiten haben im Untergeschoss der Tonhalle Platz gefunden, für die Kantine wurde eine Ecke des dortigen Foyers abgetrennt. Praktisch ist die Anbindung an die Tonhalle auch fürs Orchester.

Georges Hanimann, der technische Leiter des Theaters, im Requisitenraum mit einem «Mitspieler» im Black Rider.

Aber von all dem wird man wenig merken. Das Provisorium, von Gähler Flühler Architekten entworfen und von Blumer-Lehmann ganz in Holz (mit Ausnahme der Blechfassade) erstellt, duckt sich gegen hinten und macht nach vorne auf. Es ist ganz auf das Publikum ausgerichtet: Dieses wird mit grosser Geste empfangen.

Hoffen auf das Publikum

Wenn es denn kommt… «Hoffentlich» war das Wort der Stunde bei der Einweihungsfeier am Samstagnachmittag. «Hoffentlich», sagt der geschäftsführende Direktor des Theaters, Werner Signer, klappt es mit den ersten Produktionen trotz Corona, mit der Opernpremiere, Händels Giulio Cesare in Egitto am nächsten Samstag, mit Black Rider eine Woche später, mit Dschungelbuch und der Wiederaufnahme des Musicals Wüstenblume im November, mit The Sound of Music im Dezember.

Die ersten Produktionen sind dank schmalerer Orchesterbesetzung zum Glück coronatauglich – der Zweimeterabstand für Blasinstrumente und die anderthalb Meter für Streicher können im Orchestergraben eingehalten werden.

Garderobe und Rampe zum Foyer.

«Hoffentlich», sagt die St.Galler Baudirektorin Susanne Hartmann in ihrer Ansprache, lasse sich auch das Publikum vom Virus nicht davon abhalten, den neuen Bau «mit allen Sinnen» zu erkunden.

Die Kultur sei von Corona in besonderem Mass betroffen, bekräftigt Kulturministerin Laura Bucher und hofft ihrerseits, dass der prächtige Saal sich füllen werde. Das Schutzkonzept sei verlässlich, das Theater geübt darin, flexibel zu sein. «Tragen Sie dazu bei, dass das kulturelle Leben im Kanton nicht einschläft», appelliert sie ans Publikum.

Ein Provisorium für 25 Jahre?

Und dann knallt es kurz – das Licht geht aus im Provisorium, aber der Knalleffekt ist bloss inszeniert, das Haus steht. Vorerst für die kommenden zweieinhalb Jahre – aber wenn es nach dem Willen der Verantwortlichen geht, noch länger. Das hochwertige Gebäude müsse unbedingt über die Zeit des Umbaus hinaus erhalten bleiben, 25 Jahre könne es mindestens halten, sagt Theaterdirektor Werner Signer beim Rundgang. Es erfülle alle Anforderungen bezüglich Sicherheit und Brandschutz. Ein solcher Bau sei «eine Riesenchance für die Kulturstadt St.Gallen».

Auch die Holzbauer Blumer-Lehmann schreiben in ihrem Kommentar zum Bau lakonisch: «Geplant ist, dass das Provisorium nach seinem Einsatz nicht entsorgt, sondern andernorts wiederaufgebaut wird. Ideen gibt es genug, noch fehlt der Platz.»

Schauspieldirektor Jonas Knecht im Foyer.

Die Idee einer Weiterverwendung hat Saiten bereits 2018 aufgebracht – und mehrfach, unter anderem hier diskutiert. Der Ruf der freien Szene nach Spiel- und Proberäumen für Theater, Tanz, Performance und andere Künste ist seit Jahren ein Thema – so dringend, dass die Vision eines Hauses für die «Freien» sogar ins neue städtische Kulturkonzept Eingang gefunden hat. Die Einsicht dort: St.Gallen hat nicht nur zu wenig Raum für die hier arbeitenden Ensembles, sondern ist auch von nationalen Gastspielen weitgehend abgeschnitten, weil das Haus dafür fehlt.

Schauspieldirektor Jonas Knecht pflichtet auf dem Rundgang bei: Entsprechend baulich angepasst mit Räumen, die einer zeitgenössischen Theaterästhetik mehr entsprechen als der Guckkasten, wäre das Provisorium geeignet als von verschiedenen Playern betriebenes Theater- und Tanzhaus. Und über mögliche künftige Standorte ist ebenfalls bereits bereits nachgedacht worden: Das Güterbahnhof-Areal, die Brachen beim Bahnhof St.Fiden oder die Kreuzbleiche wären denkbar.

Der Kanton St.Gallen hat es in der Hand, ihm gehört das Gebäude. Sicher ist: Das Provisorium hätte das Zeug dazu, die seit langen Jahren beklagten Raumprobleme insbesondere für die freie Theater-, Tanz- und Musikszene der Hauptstadt zu lindern.

Bis es soweit ist, kann man sich auf die Räume freuen und einstellen. Nicht nur der Saal, auch das hohe Foyer samt der zu ihm hinführenden Rampe ist ein theatralischer Raum par excellence. Das Theater verspricht dort zusätzliche kleinere Produktionen, noch sind sie erst ein Versprechen. Und die riesige Bar, so stand es im Terzett, soll «zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt werden».

Theatralisch: Das Foyer mit Galerie und Fensterfront zum Park.

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land mit 2:3

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138