In Hemberg, mitten in den Toggenburger Voralpen, findet sich noch bis zum 26. September die diesjährige Arthur-Wanderausstellung. Dort haben Künstlerinnen und Künstler aus dem Umfeld der Kunsthalle[n] Toggenburg die Freie Republik Bad Hemberg ausgerufen.
Man findet die Republik gleichzeitig leicht und schwer – in Wattwil besteigt man ein Postauto, überholt das eine oder andere E-Bike, während Kühe und Alpakas einem nachblicken. Im Dorf angekommen geht es zu Fuss weiter, gut eineinhalb Kilometer den Wanderwegen entlang.
Erst spät fallen vereinzelte Schilder auf. «Wo fängt grenzenlose Freiheit an?» fragt eines, ein paar hundert Meter weiter ein anderes: «Wie viel Freiheit brauchst Du?»
Schliesslich erreicht man das «Bädli», eine Gruppe von Häusern, die im späten 19. Jahrhundert Hemberg hätten zu einem Kurort machen sollen. Willkommen in der Freien Republik Bad Hemberg.
Aus den Kellern in die Natur
«Wir wollten endlich einmal wirklich raus», schmunzelte Leo Morger von Kunsthalle[n] Toggenburg im Vorgespräch. 2019 hatte es die Wanderausstellung noch in die Keller und Gewölbe Lichtensteigs gezogen. Nun also der grosse Schritt raus, abseits von ausgetretenen Pfaden? Fast, denn die Republik liegt gut erschlossen an verschiedenen Wanderwegen.
Das Gasthaus Bad Hemberg ist Dreh- und Angelpunkt der freien Republik.
«Wir haben viel Zufallspublikum, zum Beispiel, wenn sich jemand auf den Kneipp-Weg machen will», erzählt Hanes Sturzenegger. Der Fotograf feuert den grossen Holzofen auf dem Hof des Gasthauses Bad ein. Der Sauerteig ruhe bereits, bis Mittag soll das Brot durchgebacken sein, erklärt Sturzenegger.
Er und verschiedene Mitstreiterinnen und Mitstreiter wohnen während der Dauer der Kunstausstellung im Bädli, quasi als Selbstversorger. Das ist Teil des Konzepts: Eine Republik benötigt neben Kunst und Kultur natürlich auch Menschen. So ist also immer jemand vor Ort, die Ausstellung im Aussenraum hat rund um die Uhr «geöffnet», die Innenräume sind zugänglich, wenn die Republikaner wach sind, spätestens aber um 14 Uhr, am Wochenende schon um 11 Uhr.
Der Fotograf Hanes Sturzenegger (rechts) und andere wohnen und arbeiten temporär im Bädli.
Die gut 50 Kulturschaffenden aus dem In- und Ausland, die eine «Aufenthaltsbewilligung» für die freie Republik ergattern konnten, zeigen in Hemberg 27 Exponate, Performances und Experimente.
Störrische Harmonie
Gleich im Eingang zum Gelände begrüssen einen Sommerregen (Steine im Gleichgewicht) und Greta des Frauenfelder Künstlers Theo Felix. Die mehrteilige Installation fügt sich harmonisch in die Landschaft ein, ist aber in ihrer Umsetzung und Aussage auch störrisch – ein Eindruck, der sich im Laufe des Besuchs als Kernpunkt der Ausstellung herausstellt.
Freiheit, konkrete und abstrakte, mag das zentrale Thema sein, aber das Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur ist der heimliche Star der Republik. Darin bewegt sich das Publikum nicht nur passiv-konsumierend, sondern darf auch aktiv Hand anlegen, etwa bei den Feldversuchen des Kollektivs Ohm41.
Selbst wenn man klassischere Exponate wie Doris Naefs Floating oder Stefan Rohners Fotomontagen Pfeile und Kühe betrachtet, geschieht etwas bereits dadurch, dass die Werke in diesem Spannungsfeld angesiedelt sind. Die Umgebung des Bädlis rekontextualisiert die Werke genauso, wie die Exponate das Bädli in ein anderes Licht rücken.
Stefan Rohner: Pfeile und Kühe.
Anders als die Jahre zuvor verzichtet die vierzehnte Arthur-Wanderausstellung auf ein Rahmenprogramm. Das bedeutet aber nicht, dass es weder Musik noch Tanz gibt, ganz im Gegenteil: Statt ins Rahmenprogramm relegiert, sind diese künstlerischen Disziplinen nun Teil des Gesamtkonzepts.
Programm statt Rahmenprogramm
«Wir haben dieses Jahr kein Rahmenprogramm, nur ein Programm», wie Leo Morger festhält. Zentral ist dabei das Stück Doppelmord:Herrmann der Gruppe Theater Jetzt, das im Saal des Badehauses aufgeführt wird. Verschiedene Workshops, Konzerte und Lesungen ergänzen das Gesamtkunstwerk.
Freie Republik Bad Hemberg: bis 26. September. Programm, virtueller Rundgang und Infos: kunsthallen-toggenburg.ch
Das heisst auch, dass sich wiederholte Besuche der Republik lohnen – es gibt ständig Neues zu sehen, zu erleben und zu hinterfragen. So wird etwa am Mittwoch die Hütte der Berliner Gruppe «Studio Huette» zu Besuch kommen – die dazugehörigen neun Kunstschaffenden werden bis zum Ende der Wanderausstellung im Bädli wohnen.
«Das bringt dann noch mehr Leben rein», freut sich Hanes Sturzenegger. Dann kehrt er zurück in die Küche das Gasthauses. Es gibt noch viel zu tun, bis die freie Republik Geschichte sein wird.
Ein Weiher als Kunstraum? Ja, sagt sich die freie Republik.
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