Wie eine Perlenkette reihen sich die Töne aneinander, gehalten von einer Intensität, die sie – wie eine Schnur, die die einzelnen Perlen unsichtbar zusammenhält – zu einer suggestiven Linie verbindet: Wer sich für Beethovens Klavier-Sonate in f-Moll ein schnelleres Tempo gewöhnt ist, mag zuerst überrascht sein. Wer sich hingegen auf die Einladung einlässt, die Bernhard Ruchtis Interpretation bietet, wird mitgenommen auf eine überraschende und tief berührende Reise durch ein zwar wohlbekanntes, aber so noch nie gehörtes Stück.
Pianist Bernhard Ruchti. (Bild: Andi Dietrich)
Der vielseitige Organist und Pianist ist dem St.Galler Publikum wohlbekannt: Er ist sowohl Initiator der St.Galler Stummfilmkonzerte als auch der «Surround-Orgel» in der Kirche St.Laurenzen, zu der die Kirchbürger letzten Sonntag trotz im Vorfeld kritischer Stimmen mit klarer Mehrheit Ja gesagt haben.
In seinem aktuellen A-Tempo-Projekt widmet er sich der Neuinterpretation von Klavier- und Orgelwerken unter dem Gesichtspunkt der historischen Tempi. Hauptbestandteil des Projekts sind Aufnahmen von zwei Beethoven-Klaviersonaten (Op. 2, Nr. 1 und Op. 110), Robert Schumanns C-Dur-Fantasie und Franz Liszts gigantischem Orgelwerk Ad nos, ad Salutarem undam. Das Programm soll diesen Sommer auf CD erscheinen, im Laufe des Frühlings spielt Ruchti Ausschnitte davon live. Ein zweiter Teil mit Aufnahmen von Chopin und Liszt ist geplant. Für die Realisierung des umfangreichen Projekts betreibt Ruchti ein Crowdfunding.
Die Doppelschlag-Theorie
Was es mit den ungewohnt langsamen Tempi seiner Interpretationen auf sich hat, erklärt er in mehreren kurzweiligen Präsentationen, die alle online verfügbar sind und sich an Kennerinnen wie an Laien richten: Als der Mechaniker Johann Nepomuk Mälzel 1815 das Metronom auf den Markt brachte, war die Lesart dieses neuartigen Gerätes zur Messung der Zeit noch gar nicht so eindeutig. Profunde Quellenstudien haben Ruchti zur Überzeugung geführt, dass Beethoven die Schläge des Metronoms noch in einer älteren Weise gezählt haben muss: Das Hin- und Herschwingen des Zeigers ergibt dabei erst einen Schlag – den sogenannten Doppelschlag. Wendet man diese Zählweise auf die Musikstücke an, ergibt sich eine ganz neue Situation: Die Tempi sind halb so schnell, als wir uns das heute gewohnt sind.
Die Einblicke, die Ruchti in seine Forschungen gewährt, lassen die Theorie als sehr plausibel erscheinen. Neu ist sie nicht; unter dem Begriff des «tempo giusto» wird sie seit langem diskutiert. Trotzdem ist er sich bewusst, dass er sich damit auf ein kontrovers diskutiertes Terrain begibt.
Ob man sich als Pianist nicht äusserst angreifbar macht, wenn man die berühmtesten Klavierwerke der Musikgeschichte plötzlich halb so schnell spielt? Doch, natürlich, meint Ruchti im Gespräch. Was ihn aber bestärke, sei die unzweifelhafte Tatsache, dass die langsamen Tempi auf der musikalischen Ebene funktionieren. «Die Reaktionen des Publikums – und zwar egal, ob die Leute etwas von der Theorie wissen oder nicht – zeigen, dass man auf einer anderen Ebene erreicht wird.»
Neue Details, neue Farben
Ruchti vergleicht die Musikstücke mit Landschaften, durch die man aufmerksam gehen oder die man auf der Autobahn durchqueren kann: «In schnelleren Versionen bekommt man die Hälfte von all dem Unglaublichen, was musikalisch passiert, oft gar nicht mit», findet Ruchti. Hat man durch ein gemässigteres Tempo aber endlich Zeit, all die Details wirklich zu gestalten – überraschende Harmoniewendungen, die nur kurz aufleuchten, hochdifferenzierte Artikulationen –, so bekomme die Musik etwas viel Kommunikativeres. Man spreche die Zuhörenden an. Sie werden eingeladen, durch die Farben der Musik bewusst hindurch zu wandern: «Ich habe selten eine so konzentrierte Stille erlebt wie in solchen Konzerten.»
Konzerte: 3. Mai,18 Uhr, Laurenzen Vesper: Frédéric Chopin 19. Mai, 11 Uhr, Matinée im Schloss Dottenwil: Schumann A Tempo 7. Juni, 18 Uhr, Laurenzen Vesper: Robert Schumann 6. September, 19:30 Uhr, St. Laurenzen, Klavierrezital zum A Tempo-Projekt
bernhardruchti.com/a-tempo/
Es geht bei Ruchtis Herangehensweise eben nicht darum, «alles einfach etwas langsamer zu spielen». Neben der wahren Meisterschaft, im langsameren Tempo die musikalischen Spannungsbögen zu gestalten, ist damit auch eine ganze Philosophie verbunden. Ruchtis Spielweise wendet sich gegen den Trend des «Schneller ist besser» und trifft damit ein Bedürfnis, das weit verbreitet scheint: das Bedürfnis, «runterzukommen und in die Tiefe der Musik wirklich einzutauchen», wie er es formuliert.
Hört man sich Ruchtis Aufnahmen der zwei Beethoven-Sonaten an, die bereits online abrufbar sind, wird klar: Hier ist ein furchtloser, unkonventioneller Musiker am Werk. Unter seinen Fingern ersteht die volle Klangschönheit der Stücke, die sich vor der Zuhörerin tatsächlich wie eine Landschaft ausbreiten. Eine Landschaft, die es Ton für Ton, Linie für Linie zu erkunden gilt.
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
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