Langweilig?
Was wir langweilig finden, ist sehr individuell. Gemeinsam ist wohl den meisten Menschen, dass sie Langeweile negativ bewerten. Die aktuelle Ausstellung im Vögele Kulturzentrum in Pfäffikon greift den unangenehmen Gefühlszustand auf und zeigt, wie vielfältig er ist.
Maddy aus der Serie Boring People (2019) von Dawn Parsonage (Bild: pd/Dawn Parsonage)
«Boooring!», schreit Homer Simpson. Ennui heisst eine Figur in Disneys Inside Out 2. «I’m so bored», singt Billie Eilish in Bored und um diese empfundene Ödnis gehts auch in Lemon Tree von Fools Garden. Diesen zutiefst menschlichen Gefühlszustand verhandelt nicht nur die Popkultur, sondern aktuell auch die Ausstellung «Die Langeweile – ganz schön vielfältig» im Vögele Kulturzentrum in Pfäffikon SZ.
Doch was genau ist Langeweile? «Langeweile ist das unangenehme Gefühl, einer zufriedenstellenden Tätigkeit nachgehen zu wollen, es aber nicht zu können», zitiert die Ausstellung John Eastwood, Psychologieprofessor an der York Universität in Toronto.
Unangenehm ist die Ausstellung im Vögele Kulturzentrum dann überhaupt nicht, sondern einladend hell und luftig. Der bunte Ausstellungsparcours erinnert stark an ein Brettspiel. Vom Farbkonzept zu den übergrossen Häuschen bis hin zu den als Spielkarten umgesetzten Infotexten ist alles konsequent einer Spielewelt nachempfunden.
Ein vorgegebener Pfad führt einen von einer Station zur nächsten, immer wieder wird man zu kleinen Interaktionen angeregt, künstlerische Arbeiten ergänzen die theoretischen Inhalte sinnvoll. Zur szenografischen Umsetzung schreibt Kuratorin Karolina Wilda auf Anfrage von Saiten, dass Spiel eines von vielen möglichen Gegenteilen von Langeweile sei und man habe ganz bewusst entschieden, sich dem Thema so anzunähern.
Beim Eintauchen in Stationen der Langeweile stellt man rasch fest: Der Gefühlszustand kann sehr unterschiedliche Ursachen haben, er entsteht sowohl durch Leere und Eintönigkeit wie durch Überforderung und Überfluss. Besonders wichtig ist gemäss der Ausstellung die Unterscheidung zwischen einer vorübergehenden und einer anhaltenden Langeweile. Ersteres ist harmlos, zweiteres kann krank machen.
Die harmlose Langeweile verfliegt, sobald der entsprechende Umstand passé ist. Und um diese Form geht es an der Station, die fragt: «Leere Zeit – Ein Genuss?» Tatsächlich könne man das Gefühl produktiv umdeuten: «Manche Menschen deuten Momente der Langeweile um und lernen, die dadurch frei gewordene Zeit wertzuschätzen und Leere oder Warten bewusst für sich zu nutzen.»
Auch in der Psychologie gäbe es Stimmen, für die Langeweile eine Chance zur Selbstwahrnehmung und -besinnung eröffne. Für manche versprüht die Station vielleicht etwas viel Ratgeber-Feeling. Verstärkt wird dieser Eindruck zusätzlich durch künstlerische Arbeiten: In der Spiegelinstallation von Jeppe Hein Breathe me in, Breathe me out (2023) geht es um bewusstes Atmen. Und die textile Interventionsarbeit der Designerin Leonie Dittli, Zentrum für Nichtstun (2024), liefert ein Zwölfpunkte-Manifest für Nichtstun.
Einen anderen Blickwinkel bringt dann die Station «Langeweile – Ein Problem?», die sich mit der langanhaltenden Langeweile befasst. Diese Form kann beispielsweise aus eintönigen, unterfordernden Lebensumständen resultieren und richtig krank machen. So fördert sie beispielsweise Suchtverhalten und kann depressive Symptome auslösen. Dass das kein individuelles Versagen und schon gar nicht Faulheit ist, verdeutlicht ein Interview mit der Soziologin Silke Ohlmeier. Häufig gehe dieser Gefühlszustand auf strukturelle Faktoren zurück und werde etwa von einem niedrigen Bildungsstand sowie einem geringen Einkommen begünstigt.
Blick in die Ausstellung (Bild: vez)
Fünf intime Videoporträts Langeweile als Herausforderung zeigen auf, wie man mit dem Gefühl umgeht, wenn es permanent da ist. Da ist Noemi, die an einem Bore-Out leidet, oder Maike, die sich in ihrer Rolle als Mutter langweilt, obwohl sie die Aufgabe eigentlich als sinnvoll erachtet. Der sehr dokumentarischen Station gelingt es, die Ernsthaftigkeit des Themas aufzuzeigen, ohne die Leichtigkeit zu verlieren.
Der weitverbreiteten Annahme, dass Langeweile gute Ideen fördert, widmet sich die Station «Der Anfang von etwas Grossem?». Man erfährt, dass diese Annahme auf einer sehr dünnen Datenlage fusst. Es sei vielmehr so, dass vor allem Menschen, die ohnehin kreativ seien, in langweiligen Situationen auf diese Fähigkeit zurückgreifen. Wer nicht kreativ ist, lenke sich eher mit einer anderen, vertrauten Beschäftigung ab.
Station um Station schafft die Ausstellung ein komplexes und tatsächlich vielfältiges Bild von Langeweile. Wilda hält fest: «Die Ausstellung soll die Langeweile weder übermässig verklären noch problematisieren, sondern sie ausgewogen und facettenreich behandeln.» Dennoch glaubt man eine leichte Tendenz zum Positiven zu erkennen. Vielleicht, weil die Anregungen für einen produktiven oder mindestens achtsamen Umgang mit Langeweile halt doch überwiegen. Vielleicht trägt auch der spielerische Zugang dazu bei, dass die Ausstellung, und somit das Thema, insgesamt eher freundlich wirkt.
So oder so – gelangweilt hat man sich in der Ausstellung jedenfalls nicht.
«Die Langeweile – ganz schön vielfältig»: bis 4. Oktober 2026, Vögele Kulturzentrum, Pfäffikon SZ.
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