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Laute Bescherung

Wo sonst weitherum bloss der Glühwein glüht, blüht das freie Theater: Der Dezember bringt gleich eine ganze Reihe Produktionen auf die Ostschweizer Bühnen – doch es könnte mehr sein, sagt Theatermann Michael Finger.
Von  Peter Surber

Leise und wortmächtig: So wird es ab 9. Dezember im kleinen Theater 111, dem ehemaligen Kinok in St.Gallen, zu und her gehen. Schauspieler Thomas Fuhrer spielt dort ein Soloprogramm auf der Grundlage von Rilkes Marienliedern. Himmels und der Erden nennt Fuhrer sein Stück, in dem er Rilkes religiös-existentielle Frauendichtung mit Charles Bukowski zusammenknallen lässt.

Freak Show und Jugendtheater

Bunt und laut: So mag es die Compagnie Buffpapier. Seit 15 Jahren ist sie in St.Gallen am Werk, die jüngste Produktion Aqua Freak Show hatte soeben Premiere in der Kellerbühne, und vom Lotteriefondsprogramm des Kantons folgte jetzt der kulturpolitische Ritterschlag: Buffpapier erhält die dreijährige Gruppenförderung, ein nachhaltiges Fördermodell, das andere Kantone bereits länger kennen. Begründung: Buffpapier habe über die Jahre einen höchst eigenständigen Stil entwickelt, eine «skurrile Welt mit grotesken und clownesken Figuren, wo es absurd und surreal zu und her geht, gleichzeitig auch witzig und humorvoll». Stéphane Fratini, Franziska Hoby und Manuel Gmür planen nach der Aqua Freak Show zwei weitere Produktionen, darunter Zirkus KRIZ in einem Zirkuszelt.

Strada!: 8., 9., 10. und 12. Dezember, 20 Uhr, Lokremise St.Gallen. cirquedeloin.ch
Himmels und der Erden: 9. Dezember, 20 Uhr (Premiere), weitere Vorstellungen bis 19. Dezember, Theater 111 St.Gallen
Wildwechsel: 28./29. Dezember, 20 Uhr, Lokremise St.Gallen; 2./3. Januar, 20.15 Uhr, Theater am Gleis Winterthur.
frank-tanz.ch

Vom Kanton unterstützt wird zudem das Projekt eines Festivals für Kinder- und Jugendtheater, das ab 2018 in St.Gallen stattfinden soll, mehr dazu hier. Kantonale Förderung in kleinerem Lotteriefonds-Rahmen erhalten die Toggenburgerin Seraina Kobelt, das Fasson-Theater, das Tanzstück Bloody Mess und andere – die freie Szene blüht. Und auch getanzt wird wie wild – wörtlich: Ende Dezember und im Januar ist das Stück Wildwechsel von Gisa Frank erneut in St.Gallen und Winterthur zu sehen, ein «Tanz mit Pelz und Musik» für grosses Ensemble.

Finger vermisst die freie Szene

Mit Zirkus bewegt sich die Compagnie Buffpapier in einem Genre, das auch der Cirque de Loin pflegt. Dessen künstlerischer Kopf, der Schauspieler und Filmemacher Michael Finger, erhält für drei Projekte seinerseits Geld aus dem Lotteriefonds. Ab 8.Dezember ist vorerst Strada! (oben ein Szenenbild) viermal in der St.Galler Lokremise zu Gast, nach erfolgreicher Premiere in Deutschland. «Poetisch, surreal, trashig» sagt der Werbeslogan. Das Stück lehnt sich an Fellinis legendären Film La Strada an.

Körperintensiv und interdisziplinär: Als ein «totales» Theater, das Geschichten erzählt, charakterisiert Michael Finger die Arbeit des Cirque de Loin – und umschreibt damit zugleich den Unterschied zum stärker artistisch und ästhetisch ausgerichteten «Nouveau Cirque», wie er namentlich in Frankreich floriert. Finger war früher für den Zirkus Chnopf tätig, produzierte mit «Hop o’ my thumb» Produktionen wie die Ost Side Story, gewann als Hauptdarsteller von Utopia Blues 2002 den Schweizer Filmpreis, drehte im Toggenburg den Spielfilm bersten, entwickelt seine Stücke in einem Proberaum in Lichtensteig, lebt seit diesem Sommer in Trogen – und hat mit der Ostschweizer freien Theaterszene allerhand vor.

Wir treffen uns in einem Café in Trogen. Flyer für Strada! und das nächste Stück Mendrisch (mit Premiere im Januar 2016 in Bern) liegen parat, eine dritte Produktion, Rona, ist geplant. Und mit diesen drei Stücken will Finger nicht nur andernorts, sondern auch in der Ostschweiz auftreten. «Wo ich lebe, will ich mich künstlerisch verhandeln», sagt er, dies sei schon mit dem Film bersten so gewesen. Doch: «Für die freie Szene ist St.Gallen eine Wüste.»

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Michael Finger

Fingers Erfahrung: Man bekommt zwar Fördergelder, bei den Kulturämtern erlebe er grosse Offenheit, aber auch eine gewisse Konzeptlosigkeit, was die Förderung des freien Theaterschaffens betrifft. Vor allem aber fehlten ein Aufführungsort und ein Veranstalter. Es ist das alte Lied, seit dem Ende von «theatrall», seit den Debatten um T-Haus und Mummenschanztheater und Reithalle und so weiter ist es nie verstummt. Die Lokremise ist teuer und schwer zu bekommen, eine koproduzierende Institution wie das Schlachthaus Bern gibt es nicht, und das sei erst die «Hälfte des Dramas», sagt Finger: «Ich spüre die freie Szene nicht wirklich.» Wer mit Dringlichkeit an der Arbeit sein wolle, gehe weg und mache anderswo weiter.

Kampfschrift «Frohes Schaffen»

Finger will das nicht hinnehmen. Er hat unter dem Titel «Frohes Schaffen» eine «Kampfschrift» verfasst, Untertitel: «für eine gehaltvolle Förderung von professionellen freien Gruppen in den Bereichen Theater, zeitgenössischer Zirkus und Tanz, durch die Stadt und den Kanton St.Gallen». Darin listet er die Leistungen eines koproduzierenden Hauses wie dem Schlachthaus Bern auf (Proberaum, Auftritte, Koproduktionsbeitrag, technischer Support, Pressearbeit, sogar eine Wohnung für ausländische Ensemblemitglieder). Finger weiter: «Gleichen Stadt und Kanton dieses Manko mit erhöhten Produktionsbeiträgen aus? Im Gegenteil! Produktionsbeiträge für mittlere oder grosse freie Produktionen liegen in der Regel sogar deutlich unter den üblichen Verhältnissen.» Es fehle eine Theaterförderung, «die der Produktionsrealität von freien Bühnenprojekten entspricht», schliesst die Schrift.

Seine eigene Antwort auf diese Situation, sagt Finger, sei die Idee für ein Festival. «Wir haben drei Stücke, wir wollen sie spielen, aber wir können nicht – also stellen wir ein Zelt auf». Nächsten Sommer im August könnte das sein, auf der Kreuzbleiche, gemeinsam mit anderen freien Ensembles wie dem Panorama Tanztheater oder dem Figurentheater «Fleisch und Pappe». Das müsste doch möglich sein, sagt Finger: ein temporärer Ort, wo sich die freie Szene «austoben» könne. Bis das Publikum merke: Das wollen wir nicht nur ein paar Wochen im Sommer, das wollen wir das ganze Jahr über.

Bilder: Lucia Gerhardt

Aktualisierte Fassung des Beitrags aus dem Dezemberheft von Saiten.

 

 

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