Ha. Das Kulturfestival St.Gallen startet dieses Jahr am gleichen Tag wie das Openair St.Gallen, nämlich am 30. Juni. Wer also das Sittertobel zu wuslig findet mit all den Abfallkübeln und Aerobic-Workshops, kann sich alternativ auch oben in der Stadt die Kante und die Leinwand geben.
Ja, die Leinwand. Denn Musik gibts noch keine am letzten Juni-Wochenende, dafür wieder die EM-Viertelfinals auf Grossleinwand. König Fussball regiert eben überall, auch im Museumsquartier. Die Halbfinals (am 6. und 7. Juli) und der Final (am 10. Juli) werden selbstverständlich auch übertragen. Dazu wie immer Gutes vom Grill und Flüssiges fürs Jubelgeschrei.
Woche zwei: der Süden und Knöppel
Musikalisch geht es dann am Dienstag richtig los im Museumsinnenhof, mit Goran Kovačević, einem Sanggaller (bekannt vom Dusa Ochestra), und seinem Baro Drom Orkestar. Sie präsentieren ihr neues Projekt Jug und nehmen ihr Publikum mit auf einen energiegeladenen Trip durch den fabelhaften Süden – nach Armenien und Griechenland, in die Türkei, nach Israel, Serbien und Afrika.
Highlight dieser Woche: die CD-Taufe eines (ur)alten bekannten, Knöppel. Kein Begriff? Halb so schlimm, denn dahinter steckt niemand geringeres als Kultbarde Jack Stoiker, für gewöhnlich solo unterwegs, mit Knöppel jetzt neu featuring Schlagzeuger Zössi und Marc Jenny, seines Zeichens Übermegasuper-Kontrabassist, verjazzt von Kopf bis Fuss und unverzichtbarer Teil des Saiten-Verlagstandems.
(Marcs Partner, Philip Stuber, war übrigens von Anfang an Mitorganisator des Kulturfestivals. Dieses Jahr hat er das OK verlassen, ebenso Roberto Bertozzi und Felaniaina Breitenmoser. Dank euch dreien!)
Hey Wichsers heisst die noch zu taufende Scheibe von Knöppel – das Gegenteil von Stoikers Soloprojekt, sagt das Kulturfestival-OK. Inhaltlich sei sie «viel weniger sensibel oder intellektuell», dafür sei die Musik härter. Nach einem exklusiven ersten Reinhören können wir zumindest diese Ankündigung bestätigen: Es kommt tatsächlich in jedem der 18 Songs das Wort Wichser vor.
Produziert wurde das Album von Michael Gallusser aus St.Gallen, The Drums von Lord Kesseli. Angeblich soll es die wichtigste Produktion seines Lebens gewesen sein (und produziert hat er ja einiges, Pyrit zum Beispiel oder kürzlich die neue Scheibe von Bit-Tuner). On verra.
Taufpaten gibt es jedenfalls gleich mehrere: Jack Stoiker selber (was sonst) und die einheimischen Wildsauen von Tüchel (mehr vom Bassisten der fünfköpfigen Punk-Horde ab Freitag im Maiheft von Saiten).
Woche drei: Frauenstimmen und Electro-Swing
Zu den Frauen. Am Dienstag, dem 12. Juli wird Ester Rada den Museumsinnenhof mit ihrer grossartigen Soulstimme erfüllen. Die Israelin mit äthiopischen Wurzeln gilt als «Rising Star» und war bereits mit Alicia Keys auf Tour.
Am Tag darauf ist Namika am Zug, eine junge Frankfurterin mit marokkanischen Wurzeln, die letzten Sommer mit Lieblingsmensch den Durchbruch geschafft hat – und sich darüber hinaus auch zum Deutschen Rap hingezogen fühlt. Unterstützt wird sie von Panda Lux aus St.Gallen, dem diesjährigen Eröffnungs-Act der Sitterbühne am Openair.
Abgeschlossen wird diese dritte Kulturfestival-Woche am Freitag erstmal tanzbar, mit Swing-Rap von Movits! aus Schweden, bekannt vom Openair 2013, und anschliessendem Electro-Dreampop-Hip-Hop von Wassily aus St.Gallen.
Am Samstag wirds dann wieder etwas gemächlicher; mit Singer-Songwriter-Folk von Jeremy Loops aus Südafrika. Unterstützt wird dieser (Noch-)Geheimtipp mit Schweizer Wurzeln von Marius, jenem St.Galler, der 2015 den BandXost-Wettbewerb gewonnen hat.
Woche vier: Balkan-Brass und Oldschool-Rap
Die vierte Festivalwoche startet mit der einzigen auswärtigen Formation, die schon einmal zu Gast war am Kulturfestival; die Fanfare Ciocărlia, eine 12-köpfige Balkan-Brass-Band aus Rumänien. Wer sich daran noch erinnert, weiss, dass dieser Dienstagabend nur mit einem rauschenden (Tanz)Fest und anschliessendem Muskelkater enden kann.
Rap-Fans sollten sich allerdings nicht allzu fest verausgaben in dieser Nacht, denn am Mittwoch wartet nämlich ein besonders rares Schmankerl im Museumsinnenhof: Dilated Peoples geben sich die Ehre. Und es soll ihre einzige Show in der Schweiz sein. (Hallo, wie geil ist das denn?! <3 Danke, OK!)
Evidence, Rakaa Iriscience und DJ Babu aus Los Angeles sind seit 1992 miteinander unterwegs. Dilated Peoples zählen zu den Klassikern der «Golden Era» und waren vor Rap-Schlagern wie Worst Comes to Worst oder This Way (als Kanye West noch halbwegs passabel war) vor allem im Untergrund bekannt.
Ihr jüngster Drop, Directors of Photography, erschienen auf Rhymesayers Entertainment, ist bescheidene zwei Jahre jung und liess stolze acht Jahre auf sich warten. Diese fünfeinhalbte Schiebe beweist: Diese Jungs haben nach bald einem Vierteljahrhundert im Biz immer noch genauso viel Spass an der Sache wie bei ihrem ersten Drop, Imagery, Battle Hymns & Political Poetry, einem Album, das leider bis heute nie regulär veröffentlicht wurde.
Support an diesem Abend: Thedawn aus St.Gallen. Darauf angesprochen meint er: «Ich hab sicher noch ein paar Dilated-Sachen, denen ich meinen eigenen Stempel aufdrücken kann, hehe…»
Und zum Schluss: müde Beine
Das Finale des diesjährigen Kulturfestivals gehört den Skandinaviern. Friska Viljor aus Schweden waren zwar schon das eine oder andere Mal zu hören in der Gallusstadt, aber noch nie im Museumsinnenhof, bei Sternenhimmel und lauem Sommerwind – wie es zu diesem dreampoppigen Duo (und dessen Support Lou-Ees aus St.Gallen) nicht besser passen könnte.
Der definitiv letzte Kulturfestival-Abend wird von Blondage aus Dänemark bestritten, früher noch mit dem Namen Rangleklods unterwegs. Das Electro-Duo ist in Skandinavien bestens bekannt und wird voraussichtlich auch in St.Gallen für weiche Knie sorgen mit seinem Mix aus hypnotischen Beats und Pernille Smith-Sivertsens glockenheller Stimme.
Tanzbar wird der Abend denn auch ausklingen, mit harten Beats aus der Gallusstadt, angerichtet von Soda. Keine Ahnung, wie es euch geht, aber wir freuen uns auf den Sommer in St.Güllen.
Auf dass er in die Beine geht!
Kulturfestival St.Gallen 2016: 30. Juni bis 23. Juli, im Innenhof des Naturhistorischen und Völkerkundemuseums Das vollständige Programm und weitere Infos: kulturfestival.ch.
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