, 20. Mai 2019
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Leben mit einer offenen Rechnung

Bis 1981 konnten in der Schweiz Kinder und Erwachsene ohne Gerichtsentscheid administrativ versorgt werden. Das Theater St.Gallen nimmt das düstere Kapitel im Projekt «Verminte Seelen» auf. Premiere ist am 28. Mai; an einer Matinée kamen diesen Sonntag Betroffene zu Wort.

Uschi Waser. (Bild: Jos Schmid)

Wenn Mario Delfino erzählt, tun sich Abgründe auf – Abgründe einer «Heimkarriere». Als Waisenkind fünfjährig aus Italien in die Schweiz adoptiert, wird Mario herumgeschoben von Heim zu Heim und landet schliesslich in Knutwil, in einer katholischen Anstalt (ein «Kinder-KZ», sagt Mario), wo er sexuell missbraucht wird.

Als die systematischen Missbräuche bekannt werden und das Heim geschlossen wird, steht er auf der Strasse. Nach einer Odyssee fasst er, unter anderem dank dem Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber, nach und nach Tritt im Leben. Mario Delfino an der Matinée in der Lokremise: ein liebenswürdiger, redegewandter Zeitgenosse mit einem Schicksal, «das ihr Euch gar nicht vorstellen könnt», wie er sagt.

Mario Delfino.

Wenn Uschi Waser zum Mikrofon greift, wird es still. Als Kind jenischer Eltern ist sie ein Opfer der Aktion «Kinder der Landstrasse». In den ersten 13 Jahren ihres Lebens ist sie in 26 Anstalten oder Pflegefamilien untergebracht, erlebt die Niedertracht der «Umerziehungs»-Behörden und den «offenen Rassismus gegen Zigeuner». Mit 14 wird sie vergewaltigt und «zur Strafe» ins Heim in Altstätten eingewiesen. «Zum Guten Hirten» heisst es.

Sie überlebt ihre Kinderzeit, wie sie sagt, «seelisch tot», aber zugleich mit dem Willen, herauszukommen aus dem Elend. Als sie sich als Erwachsene mit ihren Akten konfrontiert – 3500 Seiten Dokumente –, bricht sie zusammen, denkt an Suizid. Und entschliesst sich dann: zu reden, ihr Schicksal öffentlich zu machen, anzuklagen und um Wiedergutmachung zu kämpfen.

Mario Delfino und Uschi Waser erzählen an der Einführungsmatinee, und dem zahlreichen Publikum stockt der Atem. Am Ende sagt Dramaturgin Anja Horst, das sei ihre bisher berührendste Theatermatinee gewesen. Mit Sicherheit ist es das gewichtigste Thema, welches das Theater St.Gallen in dieser Spielzeit anpackt.

Das Thema ist darum doppelt verstörend, weil es nicht nur die vier Personen, die im Stück vorkommen, sondern rund 60’000 Menschen betroffen hat – und weil es eines der düstersten Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte aufschlägt. «Administrative Versorgung» nannte sich die Methode, auch «fürsorgerischer Freiheitsentzug».

Im Klartext: Von 1872 bis Anfang der 1980er-Jahre wurden Frauen, Männer und Kinder, die nicht ins gesellschaftliche Normschema passten, in Heime, Arbeitserziehungsstätten, Internate, psychiatrische Institutionen oder auch Gefängnisse gesteckt – ohne Gerichtsurteil und ohne dass sie straffällig geworden wären.

Ein weiterer Fall im Stück betrifft Medikamentenversuche. Im Fokus: die Klinik Münsterlingen und deren Direktor Roland Kuhn, dem Medikamentenexperimente an seinen Patienten zur Last gelegt werden. Hier bleibe das Stück allerdings Fragment, weil die Forschungen sich verzögert hätten, sagt Anja Horst.

«Ausgesprochene Schwererziehbarkeit»

Manchmal übersteigt die Realität jede Fantasie. So in diesem Dokument aus den Akten von Uschi: «Betreffend das Kind Ursula E., geboren 1953, illegal der Anne E. von Obervaz. Wie Sie schon wissen, kommt das Kind aus einer fahrenden Sippe aus Obervaz. An der Sanierung gerade dieser jenischen Familie sind wir zusammen mit den heimatlichen Behörden aufs Höchste interessiert. Wir glauben, eine berechtigte Hoffnung zu haben, dass sie zu einem sesshaften Leben erzogen werden können.»

«Sanierung» einer Familie: Das ist die Sprache des Unmenschen, die «Banalität des Bösen» – bürokratisch legitimiert.

Im Stück geht es Schlag auf Schlag weiter, von Heim zu Heim, von Aktennotiz zu Aktennotiz. «Die vagantischen Züge haben sich weiter bestätigt.» – «…überhaupt lügt es die meiste Zeit sobald es den Mund aufmacht…» – «Die ausgesprochene Schwererziehbarkeit des Mädchens Ursula ist auch moralisch sehr schwierig.» – «Man musste ständig hinter ihr her sein, weil sie es ausserordentlich auf die Buben abgesehen hatte. Diesbezüglich kann man nicht genug aufpassen.» – «…typische Eigenschaften von Vagantenkindern» – «so dass wir an krankhafte Lügenhaftigkeit erinnert waren» – «ausgesprochene Schwererziehbarkeit»…

Beim Lesen dieser Akten wird Uschi klar: «So hatte ich natürlich nicht den Hauch einer Chance, von Anfang an nicht.»

Uschi Waser.

Erst die (verspätete) Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechts-Konvention 1974, die Aufhebung des 100-jährigen Gesetzes und der jahrzehntelange Kampf Betroffener um Anerkennung und Rehabilitation führten zu einem Sinneswandel. 2014 öffnete ein Bundesgesetz den Weg für erleichterten Aktenzugang und zur Entschädigung der Opfer aus einem Wiedergutmachungsfonds. In der Folge setzte der Bund eine Unabhängige Expertenkommission UEK ein. Sie hat 2019 ihre Forschungen abgeschlossen, die ersten von zehn Bänden unter dem Titel Ausgegrenzt und weggesperrt sind erschienen und auch online nachzulesen.

«Kein Wort ist erfunden»

Die St.Galler Uraufführung verschafft dem Thema, nach der nationalen Wanderausstellung, zusätzliche Publizität. Und das sei dringend nötig, sagen Dramaturgin Anja Horst und Regisseurin Barbara-David Brüesch an der Matinee: Denn das Wissen über die katastrophalen Vorgänge sei bisher äusserst gering. Bei aller Aufklärung aber bleibe für die Betroffenen selber die Traumatisierung lebenslänglich präsent.

Schlafsaal der «maison de rééducation au travail» Bellechasse, Sugiez 1948.

Ein Akt der Wiedergutmachung ist auch der erste Band der Publikationsreihe: Er nennt sich Gesichter der administrativen Versorgung. Fotograf Jos Schmid porträtiert darin 50 Betroffene, Frauen und Männer und zweimal auch Vater und Sohn, auf eine zugleich konfrontative und behutsame Art. Der direkte Blick in die Kamera sei ihm wichtig gewesen, um nicht noch einmal ein Stück Stigmatisierung und «Verstecken» zu verantworten, sagt Schmid an der Matinée – Wegschauen zählt nicht, und es sind wir Verschonten, denen die Blicke der Betroffenen gelten.

Verminte Seelen: 28. Mai (Premiere), 6., 12. und 20. Juni, Wiederaufnahme im Herbst, Lokremise St.Gallen

theatersg.ch

Im Stück Verminte Seelen wird «kein Wort erfunden» sein, verspricht Regisseurin Barbara-David Brüesch. Sich von den Emotionen angesichts des erzählten Grauens nicht «überschwemmen» zu lassen, sei die Herausforderung als Schauspielerin, sagt Birgit Bücker, die die Rolle der Uschi spielt. Von Gefühlen der Ohnmacht spricht Schauspielerin Diana Dengler – und vom hohen Respekt vor den Personen, die ein solches Schicksal durchgemacht haben.

«Man ist ein Niemand»

Mario Delfino arbeitet heute als Hauswart und empfindet seine Situation als «Sechser im Lotto». Dann erzählt er von seiner Audienz bei Papst Franziskus, der ihn als Opfer sexuellen Missbrauchs empfangen, seine ganze Geschiche angehört und sich bei ihm am Ende entschuldigt hat. Eine solche Entschuldigung würde er sich auch von anderen Würdenträgern der Kirche erwarten. Denn Missbrauch: Das sei das Schlimmst-Denkbare. Als Opfer sei man hilflos, machtlos, ein Niemand. Ein Nichts.

Uschi Waser appelliert an das Publikum, sich den Geschichten zu stellen. «Ihr müsst wissen, was passiert ist, und ihr müsst denken, dass die Person, die neben euch sitzt, auch ein Opfer sein könnte.» Für sie wäre zentral, nach der Aufarbeitung der behördlichen Willkür auch die zweifelhafte Rolle der Justiz zu erforschen – in ihrem Fall der St.Galler Staatsanwaltschaft, die sie damals über den Ausgang ihres eigenen Verfahrens im Unklaren gelassen hat.

Im Stück hat Uschi das letzte Wort: «Ich lebe mit einer offenen Rechnung – nicht nur mit dem Herrgott. Ich möchte nicht als Opfer dargestellt werden, aber ich will, dass man das Unrecht, das mir widerfahren ist, als solches anerkennt.»

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