, 6. Oktober 2016
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Leidenschaft statt Ökonomie: Eine inpoistische Rede.

Die Reaktion kam postwendend an jenem 5. Juni, nach dem Nein der St.Galler und Thurgauer Bevölkerung zum Expokredit: «Wenn keine Expo, dann halt eine Inpo», forderten die St.Galler Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben via Facebook.
 Seither blieb es still, aber hier ist sie, auf Anregung von Saiten: die Rede zu einer Inpo, die alles das nicht ist, was eine Expo gewesen wäre. Und die all das ist, was die Ostschweiz wirklich braucht. Zum Beispiel 2027. Beziehungsweise: ab sofort. Hier ist die Inpo, in 16 Thesen und nach dem Motto: Wenn niemand mehr darüber reden will, muss man jetzt erst recht darüber reden.

1 Die künstlerische Chance

Interessant ist das Leben dort, wo Reibung herrscht, wo Probleme sind. In den Problemen stecken die Potentiale. Wo alles funktioniert, tut auch nichts weh. Das Nein zur Expo ist in diesem Sinn eine Chance. Aber nicht im typisch ostschweizerisch adretten Sinn. Uns interessiert
nicht die Leistungsschau, uns interessieren nicht die ökonomischen, sondern die künstlerischen Chancen. Uns interessiert die Polarisierung. Die Frage, wie sich etwas bewegen, wie etwas anders funktionieren kann. Prozesse beginnen dort, wo sie vermeintlich enden.

2 Die absolute Ineffizienz

Beispielhaft dafür ist das Projekt Bignik, mit dem wir seit fünf Jahren unterwegs sind.
Im Expojahr 2027 werden ungefähr 50 Prozent der Bignik-Vision erfüllt sein – ein Picknicktuch, genäht aus 252’414 roten und weissen Tüchern, so vielen Tüchern, wie Menschen in der
Region leben. 2045 ist das Ziel erreicht. Das Entscheidende passiert aber auf dem Weg dorthin. Im Anfang stand die Idee des Standortmarketings der Regio Appenzell AR – St.Gallen – Bodensee: Themen wie das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Selbstverständnis oder die landschaftliche Schönheit der Ostschweiz nach innen und aussen bewusst zu machen. Unsere
Idee war, einen Prozess zu starten, eine Utopie, die sich mit dem Bearbeiten Schritt für Schritt realisiert. Der erste Schritt ist das Sammeln von Ressourcen, die schon da sind, in diesem
Fall die Tücher. Dabei entstehen unzählige Geschichten. Der mittlere Schritt besteht darin, gemeinsam die Tücher zuzuschneiden und zu Modulen zu verarbeiten. Im dritten Schritt werden sie einmal im Jahr wie ein Schachbrett ausgelegt. Das Tuch wächst, es ist ein interaktives Geflecht, es wird immer dynamischer und unkontrollierbarer. Und entscheidend: Bignik geht den Weg absoluter Ineffizienz, indem wir sagen: Emotionen kann man nicht ökonomisieren.

3 Arbeit mit der Emotion

Der Begriff der Emotion ist zentral, und es ist mutmasslich das, was beim Expoprojekt nicht funktioniert hat. Man hat nur noch über das Geld gesprochen und nicht mehr über die Emotionen. Darum haben wir im Moment der Enttäuschung nach der Abstimmung ein Gegenprojekt ausgerufen und nennen es Inpo. Inpo ist nicht ökonomisch. Inpo heisst: Machen wir uns nicht vom Geld abhängig, denn sobald man sich vom Geld abhängig macht, hat man verloren. Inpo ist,
wie Bignik, eine gesellschaftliche Intervention. Durch das kontinuierliche Bearbeiten wächst ein kulturelles Verständnis heran.

4 Das Sprengen von Denkkonventionen

Bignik ist subversiv. Man tucht gemeinsam. Einmal im Jahr. Doch geht es uns nicht um die Wurst und den Käse und das adrette Familienpicknick, das ist ein Nebenaspekt, sondern um den Prozess: Es fängt harmlos an und wächst sich über die Jahre aus, bis am Ende das Ziel gar nicht mehr wichtig ist. Was ums Tuch herum passiert, ist interessanter als das Tuch selber. Daraus entwickelt sich eine Mentalität, die ostschweiz-untypisch ist: Das übliche ergebnisverhaftete Denken wird unterlaufen. Die Ostschweizer Mentalität wird neu gemeisselt. Was uns reizt, ist, Denkkonventionen zu sprengen. Was passiert, wenn ein solches Projekt einfach nicht mehr aufhört? Man muss die Entgrenzung zulassen, wir wollen alle ansprechen, und wir lassen uns
dafür extrem viel Zeit. Da sagt der Politiker: Das ist ein Fass ohne Boden. Wir antworten: Kein Problem, wir können allein weitermachen. Auch im Fall der Inpo müssen wir in neue Denkmuster hineinwachsen, alte Ordnungsvorstellungen sprengen. Der Spreng-Satz heisst: Die Ostschweiz macht eh eine Expo.

5 Lob des Unfertigen

Wir sind nicht dekorativ, wir greifen ins System ein, wir sind Parasiten, und wir meinen es ernst. Wir sind keine Missionare. Wenn ein Projekt polarisiert, ist das ein Indiz dafür, dass es wirklich Kunst ist und ein Thema nicht so zurechtschleift, dass es allen passt. Unsere Motivation ist die Frage: Was passiert, wenn ein harmloses Tüchlein immer grösser wird und nie aufhört, grösser zu werden? Das Unfertige interessiert, der Prozess ist spannender als das Resultat. Es ist eine never-ending story, die Tücher sind ein kulturelles Kapital, geschöpft aus einer Ressource, die brach gelegen ist und jetzt aufgeladen wird mit einer Ostschweizer Geschichte, die klein anfängt und von der man nicht weiss, wohin sie führt.

6 Gegen die Verkrustung

Inpo 2027: Was für eine Veränderung soll passieren? Das inhaltliche Ziel lautet ganz klar: meisseln an der Ostschweizer Mentalität. Grenzen werden gesprengt, wörtlich wie im übertragenen Sinn, Gesetzgebungen weichen sich auf, das Festgefahrene, die Verkrustung löst sich.
Und all das passiert nicht materiell, sondern auf einer mentalen Ebene: weg von den Leuchttürmen, hin zu Gemeinschaftsprojekten. Eine Region macht sich Gedanken über sich selber, aber nicht unter dem Aspekt: Wie können wir uns präsentieren? Sondern mit der Frage: Wie gehen wir miteinander um, wie laufen die Kommunikationen ab, politisch, gesellschaftlich, aber auch individuell?

7 Unübliche Gemeinschaften

Wir benutzen dazu den Begriff der unüblichen Gemeinschaften. Das bedeutet, ein Kollektiv so zu mischen, dass statt der üblichen Verdächtigen etwas anderes dabei herauskommt. Und dabei müssen wir von unten kommen, sonst haben wir verloren. Bignik ist ein Beispiel dafür, unübliche Konstellationen zu stärken. Daraus entstehen natürliche partizipative Prozesse, ohne dass
man es merkt. Wir setzen zwar als Autoren die Idee, dennoch – und das ist der Widerspruch, den wir immer wieder selber aushalten müssen – kommt das Ganze von unten. Denn wir sind outside, wir agieren aus künstlerischen Motivationen heraus.

8 Kinder als Vordenker

Bei einem frühen Expo-Vorgespräch haben wir vorgeschlagen: Wir starten den Prozess mit Kindern, die 2027 junge Erwachsene sein werden. Natürlich wurde das abgelehnt von Politikern, die nur ans Business dachten. Heute könnte das als Gegenmodell wieder spannend sein.

9 Das Expo-Trotzdem

Wo gibt es Kanäle, Verbindungen, Verknüpfungsmöglichkeiten von Ideen, die kein Geld kosten, die aber eine ungeheure Sichtbarkeit schaffen? Wo sind die kleinen, inpoistischen Projekte?
Die Antworten auf solche Fragen könnten die Ostschweiz verändern, bis man am Ende selbst in der Westschweiz sagt: Voilà, jetzt haben die es geschafft, eine Expo abzulehnen und dennoch
eine Expo zu machen! Diese Situation hat ihre eigene Qualität. Und auch wenn niemand mehr darüber reden will, muss man jetzt erst recht darüber reden.

10 Befreit vom Geld

Die entscheidende These ist: Das Geld bleibt aus dem Spiel. Man stelle sich vor: Was für eine Expo bzw. Inpo entsteht, wenn Geld ausgeben verboten ist? Ist Geld im Spiel, fängt man sofort an zu bauen und Geld auszugeben. Die Inpo findet statt auf der Basis nicht der Ökonomie, sondern der Fantasie und des Machiums (Machium statt Studium). Das ist die grösste Waffe für alle,
die jetzt der Expo nachtrauern. Gebt kein Geld aus, aber gebt Leidenschaft aus. Spend passion. Und erwartet keinen Return. Das wäre der Genickschuss. Wer viel Geld ausgibt, muss es wieder hereinbringen. Bei Bignik gibt es keinen Kommerz, keine Bratwürste, Glacé- und Schügastände. Auch keine Musik. Die Reduktion ist wichtig.

11 Einbrechen zum Ausbrechen

Zahllose Menschen haben Sehnsucht nach unüblichem Handeln. Sie wollen ausbrechen, aber sie können nicht, weil sie gefangen sind in Strukturen. Die Inpo schafft solche Unabhängigkeit.
Wir sind quasi die Einbrecher. Wir brechen ein in Strukturen, um andere zum Ausbrechen zu verführen. Wir müssen wegkommen von Erwartungshaltungen, auch davon, dass man die Massen
in die Ostschweiz bringen soll. Zehn Millionen Besucherinnen und Besucher, das wäre eine Katastrophe. Sichtbarkeit lässt sich auch schaffen, ohne dass man die Massen anziehen muss.
Ein Beispiel dafür ist das Bett im Safiental: Es ist ausgebucht bis 2021. Alle Welt will in dieses Bett. Das ist insofern eine Art Inpo-Projekt, als niemand damit Geld verdienen muss. Sichtbarkeit und Wirkung nach aussen entsteht nicht mit Geld, sondern durch die veränderte Erwartungshaltung.

12 Immobilien- und zweckbefreit

Bei unserem Projekt Null Stern Hotel sagen wir: Das ist ein immobilienbefreites Konzept. Die These heisst auch hier: Machen wir die Inpo komplett immobilienbefreit! Immobil heisst unbeweglich. Keine Hallen, keine Festhütten, überhaupt keine Bauten: Damit ginge bereits ein Denkhorizont auf. Und damit verhindern wir, in die Maschinerie hinein zu geraten und dort zu scheitern. Es braucht unorthodoxe Wege. Das Treffen ohne Grund, das wir dreimal pro Jahr anbieten, ist ein Beispiel dafür. Es ist offen, es irritiert, man wird zurückgeworfen auf das eigene Ich, und zugleich entsteht eine neue, abenteuerliche Begegnungskultur. Auch bei der Inpo könnten Treffen ohne Grund stattfinden, täglich irgendwo. Und schon ist man in einer Fantasiewolke drin, schon passieren Dinge, schon bin ich als Mensch gefragt. Die Inpo ist nicht nur immobilien-, sondern auch zweckbefreit. Die Inpo fordert: Seid leidenschaftlich und subversiv. Subversives Handeln geschieht im Kleinen. Die kleine Inpo fängt beim Gespräch mit dem Nachbarn am Gartenhag an.

13 Die Inpo ist heimlich

Höhepunkt der Subversion ist, dass man die Inpo in den nächsten 15 Jahren nicht mehr nennt. Sie findet heimlich statt. Der Appell lautet: Ostschweizer, macht die Expo heimlich! Sie gibt kein Geld aus, sie ist zweckbefreit, sie ist immobilienbefreit, sie ist heimlich, sie ist leidenschaftlich. Und aus der Summe all der inpoistischen Aktionen entsteht die Inpo. Eine grandiose Expo! Sie kann sofort, schon morgen anfangen. Und dann geht ein Diskurs los. Die Expo muss da oben
im Kopf stattfinden und nicht dort draussen. Sie ist das grosse Andere zur altbackenen Leistungsschau, zum politischen Zirkus, zum Apparat. Sie ist das Gegenmodell.

14 Mentalitätskiller Bratwurst

Was wir brauchen, sind Leidenschaftspläne statt Businesspläne. Und was uns immer wieder langweilt und wütend macht, ist: die Bratwurst am Schluss. Damit stellt man das Volk ruhig, damit
es nicht ins Denken gerät. Wir brauchen ein Bratwurstverbot, damit etwas Neues entstehen kann. Sie ist der Mentalitätskiller. Man müsste die Metzger entschädigen, damit die Wurst substituiert werden kann. Und damit Muster aufbrechen können, in diesem Fall das Konsumier-Muster. Die Inpo ist konsumbefreit. Die Frage ist spannend: Was gibt das für eine Expo, wenn man Fantasie ausgibt, wenn man Leidenschaft investiert statt Geld – und dafür sorgt, dass die Fantasie nicht konsumfähig wird, sondern erlebbar bleibt? Niemand soll aus der Fantasie ein Geschäft machen können.

15 Der Inpo-Steuerrabatt

Auch von der Politik ist ein Statement gefordert, ein finanzielles. Die Inpo hat ein Budget, damit wird das ergebnisoffene, inpoistische Handeln quasi subventioniert. Eine typisch schweizerische Lösung: Der Ertrag zeigt sich auf der Steuerrechnung. Wer seine Leidenschaft, die er ausgegeben hat für die inpoistische Handlung, belegen kann, bekommt einen Inpo-Rabatt auf der Steuerrechnung. Die Ostschweiz hat künftig einen Inpo-Steuerfuss, und nur schon die Diskussion darüber wird die Region verändern. Viele haben gesagt: Es braucht eine zeitgemässere Form
für die Expo. Hier ist sie.

16 Gegen die Adrettisierung

Die Inpo ist keine Zombie-Olma-Monsterveranstaltung, sondern sie fängt im Kopf an, bei jedem und jeder Einzelnen. Die Inpo darf sich nicht abhängig machen von den Apparaten und den langwierigen politischen Prozessen. Sonst ist am Schluss alles heruntergekocht und eingemittet. Wir müssen dafür sorgen, dass wir die Adrettisierung konsequent verhindern und den Weichspüler ausschalten. Das ist die subversive Kollaboration der Kunst. Und diese Subversivität müsste der Ostschweiz etwas wert sein. Die Bereitschaft, andere Wege zu gehen, sich zu verändern, die Legitimation fürs Querdenken: All das gilt heute viel stärker als noch vor zehn Jahren. Viele Leute wären heute offen für eine komplett andere Form der Expo. Ohne Leuchttürme, ohne Millionen Besucher, ohne Kommerz, Logistik und all die anderen Kostenfaktoren. Wenn unzählige Leute bis 2027 diese Thesen leben, könnte eine Bewegung entstehen, die die Ostschweiz beflügelt. Eine Inpo.

Frank und Patrik Riklin, 1973, sind Konzeptkünstler und Gründer des «Atelier für Sonderaufgaben» in St.Gallen. Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

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