, 26. Juni 2014
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Leuchtfarben

Radium-Altlasten machen Schlagzeilen – in Biel und in Teufen. Sie haben den St.Galler Schriftsteller Jürg Rechsteiner zu diesem Text inspiriert: eine Erinnerung an die Radium-Chemie Teufen … und an die Kanti St. Gallen.

In vier Wochen wird Georg das Maturazeugnis in der Hand halten, dieses Papier ist die Fahrkarte zur Freiheit, da ist er sich sicher. Viereinhalb Jahre jeden Schultag mit dem Bus durch den drängelnden und stockenden Verkehr vom Neubauviertel zum andern Rand der Altstadt sind genug. Einige Kollegen haben im letzten Jahr zu rauchen begonnen, andere haben sich verliebt, er ist zum Kinogänger geworden. Die Filme führen durch die USA und in den Weltraum, in die Romandie und in ein Pariser Appartement.

Jetzt sitzt er zusammen mit seinen Klassenkameraden in einem Abteil der Schmalspurbahn, die sich der Strasse entlang von St. Gallen nach Teufen hoch kämpft. Bruno schwärmt von seiner neuesten Entdeckung, einem beinahe vergessenen Schweizer Autor mit Namen Robert Walser. Guido, das Mathegenie, und Thomas tauschen Formeln aus, an der ETH wird es einen Raum mit Computer geben, freuen sie sich, das wird etwas anderes sein als diese auch schon erstaunlichen Taschenrechner. Markus döst vor sich hin, Georg fragt sich, wer alles schon Haschisch geraucht hat, Hannes erzählt von einer Bergtour und vom Weintrinken, Martin lächelt vor sich hin und Daniel geht im Kopf die entscheidende Szene seines gestrigen Handballmatches durch.

Rechterhand öffnet sich der Blick auf den Alpstein, beinahe unbemerkt und nicht der Rede wert, exotisch ist das Appenzellerland für andere. Bruno hat sich an der Theologischen Fakultät angemeldet, obwohl er nie Priester werden will. Übernächste Woche würden die Maturaprüfungen beginnen, für Spannung sorgt einzig Ivo, bei allen andern ist das Bestehen dank der guten Vornoten nicht in Frage gestellt. Die Kantonsschule St. Gallen ist bekannt dafür, die Schüler früh auszusortieren, die Mehrheit der Lehrer, die hier Professoren heissen, achten darauf, diesen Ruf zu wahren, man sieht sich weit vor dem undisziplinierten Lehrerseminar oder der voralpinen Kantonsschule Trogen. Stoll, der Chemieprofessor, gehört zu dieser Fraktion. Aus seinem Unterricht schliesst Georg, dass Stoll die chemische Industrie verlassen hat, weil er dort an seine Grenzen gestossen ist, das Fach Pädagogik hat er nie besucht, das ist ja keine Voraussetzung. Dabei ist Stoll weder besonders streng noch hinterhältig, er hat einfach seine Vorurteile. Im nächsten Jahr in der Rekrutenschule wird Georg wieder an den schon vergessenen Stoll denken, hinter der Gasmaske, mit den Plastikhandschuhen, das Entgiftungspulver verstreuend wird ihm Stoll als ABC-Schutzoffizier erscheinen.

An diesem sonnigen Exkursionstag aber steigt Stoll mit seiner Maturaklasse, Typus mathematisch-naturwissenschaftlich, keine Mädchen, in Teufen AR aus dem Bähnchen. «Der Gehülfe, Robert Walser, musst du unbedingt lesen», sagt Bruno. Die Klasse spaziert unter Leitung von Stoll durch das aufstrebende Dorf mit Säntisblick. Die Gruppe hält vor einem Einfamilienhaus mit angebautem Fabrikteil. «Radium-Chemie». «Was meinst du zu Kaiseraugst?», fragt Georg. Bruno lächelt und auch Guido reagiert mit einem Lächeln. «Die Exkursion zur Brauerei hat uns besser gefallen.» «Es gab ja nicht einmal ein Bier zum Probieren», murrt Hannes. Markus döst stehend weiter.

Der Unternehmer führt die Maturaklasse enthusiastisch durch seinen Betrieb. Es geht um Leuchtfarben für Zifferblätter, um im Dunkeln magisch weiterleuchtende Punkte und Pfeile, alles hat etwas Märchenhaftes, der Erfolg der Firma, die gnomenhafte Figur des Unternehmers, das gelblichgrüne Leuchten im verdunkelten Raum, das Ticken des Geigerzählers, die Zukunft. Am Ende der Führung erhält jeder Schüler einen Händedruck des Gnoms und von der Sekretärin, die sich nebenan positioniert hat, einen breiten Streifen Leuchtfolie. «Hannes, dein Bier», sagt Markus. «Hallo wach», sagt Georg. Zuhause heftet Georg den Streifen an die Wand zwischen das Poster von Jimi Hendrix und das Foto vom ersten Menschen auf dem Mond. Wie von Geisterhand gezeichnet leuchtet das Zeichen nachts ins Zimmer. In wenigen Wochen wird er ausziehen und diese Wände hinter sich lassen.

Jürg Rechsteiner (Jahrgang 1956) ist Richter und Schriftsteller in St.Gallen.

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