, 29. Januar 2019
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Lichtgestalt Zwingli

Beim St.Galler Reformationsjubiläum letztes Jahr sass der Bischof im Patronatskomitee. 500 Jahre davor hat man sich noch die Köpfe eingeschlagen. Davon – und von der sozialen Sprengkraft der Reformation – erzählt der Film «Zwingli».

Bilder: C-Films

Am Ende bleiben Scherben. Anna Reinhart, Zwinglis Frau, vergräbt sie auf einem Feld, vielleicht jenem bei Kappel, auf dem ihr Mann erschlagen worden ist. Am 11. Oktober 1531 stirbt Zwingli in dem aus heutiger Sicht sinnlosen Gemetzel zwischen den «altgläubigen» Innerschweizer Ständen und einem zahlenmässig unterlegenen Haufen schlecht vorbereiteter Zürcher, die als Kämpfer für die neue «Fryheit» des Glaubens ins Feld gezogen sind. Die Schlachtszenen erspart uns der Film, man sieht nur die geschlagenen Rückkehrer und hört ihren Greuel-Bericht. Den Frauen bleibt der Schmerz.

Vor dem Gang zur Schlacht: Anna (Sarah Sophie Meyer) nimmt Abschied von Zwingli (Max Simonischek).

Die Reformation, sagt der Filmabspann sehr verkürzt, sei damit aber nicht gescheitert, in Zürich habe Zwinglis Nachfolger Bullinger die Reformen weitergeführt. Auch St.Gallen war zu der Zeit bereits zum neuen Glauben übergetreten unter Bürgermeister und Reformator Joachim von Watt. Was hier ohne Mord und Totschlag abging, war wiederum im Appenzellerland Auslöser für blutige Auseinandersetzungen und die bis heute anhaltende konfessionelle Zweiteilung.

Fundamentalkritik an der Gesellschaft

Dass die Reformation mehr als eine Gelehrtenstreiterei um das richtige Verständnis des Abendmahls oder die Reizfigur des Papstes war, sondern eine soziale und politische Revolution, macht Stefan Haupts zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation entstandener Film Zwingli eindrücklich erfahrbar. Gleich bei der ersten Predigt als neuer Leutpriester im Zürcher Grossmünster fährt Zwingli dem Klerus deutsch und deutlich an den Karren: Christ sein heisse nicht, von Christus reden, sondern in seinem Geist handeln.

 

Mit einer überzeugenden, dabei fast liebenswürdigen Vehemenz spielt Max Simonischek den Zwingli. Er überragt auch körperlich alle anderen; passend zu einem Mann, der es, gestützt vom Rat der Stadt, in kürzester Zeit geschafft hat, die Kirche vom Kopf auf die Füsse zu stellen. Fegefeuer, Seelenmessen, Fastenzwang und andere Unterdrückungs- und Geldbeschaffungsmethoden der Kirchenmänner kippt er aus dem Programm. Die Kirchen werden leergeräumt, die Klöster enteignet, und mit dem Geld baut die Stadt ein erstes soziales Netz für Arme, Waisen und Kranke auf.

Historisch und filmisch genau

Regisseur Haupt und Drehbuchautorin Simone Schmid gehen nahe heran, leuchten in die düsteren Gassen, zeigen Pest und Armut und scheuen auch vor Schauerlichem wie der Verbrennung des Zwingli-Adlaten Kaplan Koch auf dem Scheiterhaufen im katholischen Schwyz nicht zurück. Die Altgläubigen um den Zürcher Chorherrn Hoffmann, den bischöflichen Kanzler Faber und den Bischof von Konstanz selber (in einer kleinen Glanzrolle Ueli Jäggi) kommen dabei nicht gut weg – neben der Lichtgestalt Zwingli bleibt wenig Platz für Zwischentöne.

Diese bringen am stärksten die Frauen ein – Sarah Sophia Meyer in der berührenden, den Film emotional tragenden Rolle der Anna Reinhart und Rachel Braunschweig als Äbtissin Katharina, die sich von den Reformideen Zwinglis anstecken lässt und ihr Kloster samt allem Besitz kurzerhand an die Stadt übergibt. Das Reformtempo ist rasant – zu schnell, warnt Anna ihren Mann einmal, und diesem gerät sein Projekt denn auch mehr und mehr ausser Kontrolle.

Warum das so war, dazu bringt Zwingli einmal im dunklen Kirchenbank des Grossmünster seine eigene Erklärung: Das Wort sei eben nicht stark genug gegen die menschliche Natur. Den einen ging alles zu schnell, den andern zu langsam. Auf Seiten der katholisch gebliebenen Stände wuchs der Widerstand bis zum Entscheid, militärisch zu intervenieren – man fürchtete nicht nur ums Seelenheil, sondern auch um das Geschäftsmodell Söldnerwesen, das Zwingli ein Dorn im Auge war. Und auf reformatorischer Seite spielten die militanten Täufer eine fatale Rolle.

Tod in der Limmat

Deren Anführer Felix Manz spielt der in der Ostschweiz lebende Schauspieler und Cirque de Loin-Gründer Michael Finger, an seiner Seite Aaron Hitz als Konrad Grebel. Finger und Hitz ist die Revoluzzer-Rolle auf den Leib und ihre Charakterköpfe geschrieben. Die beiden tun sich als Bilderstürmer hervor, praktizieren die Erwachsenentaufe, scharen aufrührerische Bauern um sich, bezichtigen Zwingli, den Reformationsprozess zu verschleppen, und bezahlen ihre Militanz teuer: Manz-Finger wird anfangs 1527, spektakulär, aber historisch korrekt inszeniert, auf einem Weidling in die Limmat hinausgefahren und ertränkt.

Auch weitere Nebenrollen sind hervorragend besetzt – Anatole Taubman als Zwinglis Weggefährte Leo Jud, Stefan Kurt in der Rolle des Bürgermeisters Röist, Andrea Zogg als knurriger Gegner und Oscar Bingisser als geschliffener Widersacher Zwinglis, Charlotte Schwab als unbelehrbare «altgläubige» Maria, Philipp Stengele als Drucker Froschauer usw.

Zwingli und Leo Jud (Anatole Taubman).

«Zwingli» gilt mit einem Produktionsbudget von rund 6 Millionen Franken als bisher teuerster Schweizer Historienfilm. Das Geld wurde in viel Detailsorgfalt und schauspielerische Qualität investiert – allerdings auch in einen Soundtrack, der mit orchestralem Streichergewaber allzu dick aufträgt und die Zürcher Chorherren Gregorianik singen lässt, als wärs eine Arie von Verdi. Zwingli hingegen spielt, ebenfalls historisch verbürgt, sehr schön Laute und Dudelsack (in einer Aufnahme mit «Tritonus»-Musiker Urs Klauser).

Man kann in diesem Film viel lernen über eine Zeit, welche «Ökumene» noch nicht einmal als Fremdwort kannte, in der um den rechten Glauben ebenso gestritten und gelitten wurde wie ums täglich Brot. Wo die Fundamentalisten, hüben und drüben, das Sagen haben, bleiben am Ende nur Scherben: So könnte eine Nutzanwendung aus dem «Zwingli»-Film heissen. Aber auch, in Zwinglis Worten und trotz aller Übeltaten: «Die Wahrheit hat ein fröhliches Gesicht.»

In St.Gallen im Scala, dem (mit Ausnahme des Kinok) letzten noch verbliebenen Stadtkino; daneben in Frauenfeld, Heerbrugg, Heiden, Herisau, Romanshorn, Rorschach, Uzwil, Wattwil, Weinfelden, Wil usw.

 

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